Glauben und Wissen, Inhaltsverzeichnis

I. Kurzfassung

A. PROLOG

B. Vorwort

 

1. Einführung (Das Auto ohne Motor)

 

2. Welt- und Gottesbilder

    a. Schöpfung oder Evolution?

    b. Mythos Religion

 

3. Weltbilder über das Weltall

  a. Mythen der frühen Geschichte

  b. Aristoteles

  c. Das Weltbild der Bibel

  d. Das Weltbild des Mittelalters und der Renaissance

      - Ptolemäisches (geozentrisches) Weltbild

      - Heliozentrisches Weltbild

  e. Das moderne (a-zentrische) Weltbild

 

4. Gottesbilder

  a. Vorbiblische Gottesbilder

  b. Biblische Gottesbilder

      - Der Gott des Alten Testamentes

      - Der Gott des Neuen Testamentes

        Trinität (Der dreieinige Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist)

      - Marienkult

  c. Neuere (abstrakte) Gottesbilder

 

5. Hermeneutik, Exegese, Entstehung, Überlieferung der Bibel

  a. Begriffsbestimmung; kritische Betrachtung

  b. Entstehung der Bibel

      - Wie wurden die Evangelien überliefert? 

  c. Inhalt der Bibel

      - Bonmots von Heinz Zahrnt zur Bibel

  d. Die Bibel hat doch nicht recht!

  e. Biblische Archäologie vor dem "Aus"

  f.  Bibelinterpretation in der kath. Kirche

 

6. Naturwissenschaft und Religion

  a. Wissen und Glauben

  b. Sechs verschiedene Sichtweisen

  c. Kurzer geschichtlicher Abriss

  d. Religionen der Welt

  e. Vatikan - Astronomie - Kosmos (Interview mit George V. Coyne,        

      Jesuit und bis 2006 Chefastronom beim Vatikan)

  f. Brauchen wir Gott, um das Universum zu erklären? (Interview mit     

     George V. Coyne)

  g. Vatikan anerkennt die Evolution

  h. Die Evolution des Menschen

 

7. Glauben oder Ideologie?

  a. Kritische Hinterfragung

  b. Meinen, Glauben, Wissen

  c. Kriterien zur Beurteilung einer Ideologie

  d. Jesus und Paulus in der christlichen Ideologie

  e. Was glauben Menschen heute? (Umfrage)

  f.  Stufen des Glaubens nach James W. Fowler und Ken Wilber

 

8. Über die Wahrheit

  a. Die Wahrheit über die Wahrheit

  b. Philosophische Wahrheitstheorien

  c. Psychologisches Realitätskonzept, Wahrnehmung, Täuschungen

  d. Instanzen psychologischer Wahrnehmung

  e. Die Wahrheit bei Paulus

  f.  Augustinus, Bonaventura und die illuminierte Wahrheit

  g. Wahrheit in der Kirchengeschichte

  h. Korrektur "Ewiger Wahrheiten"

  i.  Die Wahrheit bei Benedikt XVI.

  k. Glaube als Wahrheit

 

9. Jesus Christus

  a. Der Name

  b. Der politisch-rechtliche Rahmen zur Zeit Jesu

  c. Religiöse Strömung zur Zeit Jesu

  d. Die Historizität Jesu

  e. Der verloren gegangene Logos, Christus als Hypostase.

  f. Jesus Christus, der Mythos

  g. Der eucharistische Christus (Enzyklika Ecclesia de Eucharistia)

 

10. Maria Mutter Gottes

  a. Maria, Gottes Mutter?

  b. Maria die Konzilien und der Heilige Geist

  c.  Stimmungsbilder von den Konzilien

 

11. Paulus

 

C. EPILOG

 

12. Zitate (Ketzerzitate nach Sachgruppen)

 

13. Texte

  a. Locke: Über Wörter und Sprache

  b. Russell: Logik des Aristoteles

  c. Schrödinger: Physikalische Grundlagen des Bewusstseins

  d. Schrödinger: Objektivierung (Subjekt und Objekt)

  f.  Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus

  g. Heisenberg: Sprache und Wirklichkeit in der modernen Physik

  h. Heisenberg: Philosophie und Quantentheorie

  i.  Kant: Was ist Aufklärung?

  j.  Stegmüller: Geschichtliches zum Universalienstreit

 

14. Quellen und Links sowie Impressum

Wichtiger Hinweis! Diese Internetpräsenz wurde unter der Ära Johannes Paul II und Benedikt XVI erstellt und entsprechend aktualisiert. Eine weitere Aktualisierung wird nicht erfolgen. Dem Papst Franziskus viel Erfolg!

 

PROLOG

Glaub' niemals an Gott
nach dem menschlichen Bilde,
an Liebe und Rache
in Himmels' Gefilde.
Und traue auf keinen
dreieinigen, -faltigen
oder wie immer auch
sonst noch gestaltigen,
hypostatischen Gottessohn,
paulinisch erlogener
Resurrektion,
nebst Jungferngeburt durch
Geistesempfängnis -
solch Geist weht
im vatikan'schen Gefängnis!
Von dorten sind alle zum
Glauben berufen:
mit Einfalt im Herzen
die geistlichen Stufen
der kirchlichen Lehre
treu brav zu bekennen,
um nicht im höllischen Feuer
zu brennen.
Doch auch an letzteres
glaube nicht,
wer nicht
auf ewiges Leben erpicht!



Vorwort:

Aufklärung ist der Ausstieg des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlusskraft und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

 

"Sapere aude!"

 

"Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Das ist der Wahlspruch der Aufklärung".

(Immanuel Kant)

 

(Sapere aude, "Wage es, weise zu sein"; dies Wort des Horaz (Episteln I, 2, 40) sagt auch in unüberbietbarer Kürze, dass man nur durch das Wagnis eigener Leistung zur wahren Erkenntnis gelangen kann, und dass es dabei, wie bei jedem anderen beschwerlichen Tun, auf Selbstüberwindung ankommt).
 

Diese Web-Site ist meinen drei erwachsenen Kindern gewidmet, die noch im Gymnasium fundamentalistischen Religionsunterricht über sich ergehen lassen mussten.  (Im populären Sprachgebrauch werden unter dem Begriff Fundamentalismus zuweilen unterschiedslos konservative religiöse Gruppen, gewalttätige Mitglieder einiger Volksgruppen mit mehr oder weniger religiöser Motivation oder Terroristen zusammengefasst, was diesen Begriff heute problematisch macht. Obwohl es unter diesen Gruppentypen Überschneidungen gibt, lassen sie sich nicht prinzipiell gleichsetzen. Fundamentalisten im hier gemeinten Sinne sind dadurch charakterisiert, dass sie kompromisslos auf den ursprünglichen Grundlagen ihrer Religion (z.B. den „Heiligen Schriften“ und sonstigen „Offenbarungen“) bestehen, diese wortwörtlich interpretieren und darüber keine Diskussion zulassen. Der christliche Fundamentalismus versteht sich als das wirkliche Christentum in Abgrenzung zu allen übrigen Christen. Christliche Fundamentalisten sehen oft Christen, die ihre spezifische Richtung nicht teilen als gefährlicheren Feind (von dem es gilt, sich zu distanzieren), als den Säkularismus (Trennung von Staat und Kirche). Weiteres siehe unter Fundamentalismus und christlicher Fundamentalismus (bitte jeweils anklicken).

Die Ausführungen beinhalten eine Zusammenschau wesentlicher Kriterien zur Beurteilung der christlichen Religion und deren Weltbezug, wie sie dem obigen Inhaltsverzeichnis zu entnehmen sind. Sie wurden von einem Laien geschrieben, der selbst ausreichend lange Erfahrungen mit und in der Kirche machen konnte und aufgrund wachsenden Unbehagens einen eigenen Erkenntnisweg beschritt. Dabei bediente er sich umfangreicher Literatur, wie sie im Quellenverzeichnis zusammengefasst aufgezählt wird. Der Verfasser dieser Internetpräsenz ist sich bewusst, dass trotz Aufklärung und moderner Wissenschaft die heutige Welt ebenso von Aberglauben, Verschwörungstheorien und religiösem Fanatismus geprägt ist, wie vor Jahrhunderten. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, so scheint es, war auch in der westlichen Welt nur einigen Geistesgrößen vorbehalten. Das eigentliche Zeitalter der Aufklärung der breiten Massen beginnt erst jetzt.

(Kant 1784: "Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Dass die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im Ganzen genommen, schon imstande wären, oder darin auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Anderen sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein dass jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten, und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung, oder des Ausganges aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit allmählich weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeichen.") Trotzdem verharren nicht wenige Menschen, um mit dem Dichter Hebbel zu reden, in irrealen Vorstellungen, solange sie ihnen nützen. Sie würden selbst dann an Unsterblichkeit glauben, wenn sie das Gegenteil wüssten. Unser ganzes "höheres Leben" ist ein warmes Gespinst von nützlichen Täuschungen, doch da diese etwas ganz Außerordentliches darstellen, möchte ein Wesen, das so weise, so göttlich träumt, die Realisierung seiner Träume verdienen und — bewirken. Eine Weltordnung, die der Mensch begriffe, würde ihm unerträglicher sein als diejenige, die er nicht begreift. Das Geheimnis ist die eigentliche Lebensquelle des Menschen: mit seinen Augen will er etwas sehen, aber nicht alles; sieht er alles, so meint er, er sieht nichts. Das heißt aber auch, um mit einem zeitgenössischen Theologen zu reden, dass "Im christlichen Glauben  die Vernunft nichts zu suchen hat und die Naturwissenschaft nichts zu melden".

So ist diese Zusammenschau nicht für Gläubige gedacht, sondern als Hilfestellung für Suchende, Fragende und interessierte Laien geschrieben, wobei allerdings theologische Grundkenntnisse und Grundkenntnisse über die Bibel vorausgesetzt werden. Zweck der Abhandlung ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben in der heutigen Zeit. Andere Religionen werden nur dort angesprochen, wo sie für den Gesamtzusammenhang als notwendig erachtet werden. Mein besonderer Dank gilt Alain Badiou, Karlheinz Deschner und Prof. Dr. Karl-Heinz Ohlig, deren Werke in besonderer Weise zum Zustandekommen dieser Internetpräsenz beitrugen.

Wiederholungen in verschiedenen Kapiteln sind beabsichtigt, da in der Suchlogik der Suchmaschinen nur einzelne Seiten gefunden werden.

Durch Religionskritik können auch religiöse Gefühle verletzt werden. Dies liegt jedoch nicht in der Absicht des Verfassers, sondern in der Natur der Sache. Das Weiterlesen der Texte geschieht somit nach diesem Hinweis freiwillig und auf eigene Gefahr.

Meist sind wir uns nicht mehr bewusst, welchen Einfluss Worte, Sprache, erlernte Logik und Denkweise auf das menschliche Bewusstsein ausüben und wie letzteres einerseits mit der Realität in den Naturwissenschaften im Allgemeinen und der Physik im Besonderen interagiert, andererseits aber auch den subjektiven mentalen Einflüssen des Unbewussten ausgesetzt ist. Bezügliche Texte am Schluss dieser Zusammenschau von Heisenberg, Kant, Locke, Russell, Schrödinger, Stegmüller und Wittgenstein mögen zum Nachdenken anregen.

 

Gebrauchsanweisung.

Es wird empfohlen, zuerst den Text einer Seite vollständig im Zusammenhang zu lesen und erst in einem zweiten Durchgang die im Text enthaltenen Hyperlinks anzuklicken, die zur Ergänzung und Erläuterung des  Grundtextes  gedacht sind und sich in einem extra Fenster aufschlagen.

 

 

 

Einführung

"Es ist möglich, dass sich die Menschheit an der Schwelle eines goldenen Zeitalters befindet, wenn dies jedoch der Fall ist, muss zuerst der Drache getötet werden, der den Eingang bewacht, und dieser Drache ist die Religion". (Bertrand Russell 1872 - 1970, Mathematiker und Philosoph)

Das Auto ohne Motor

Den Angehörigen westlicher Gesellschaften ist die Frage "Wie können Menschen glauben?" am geläufigsten in der Fassung: "Wie können Menschen an übernatürliche Akteure glauben, wenn es doch die Naturwissenschaften gibt?" Jedoch ist es kein sinnvoller Ansatz, die Religion im Gegensatz zur Naturwissenschaft, ja zu beliebigen anderen Dingen zu betrachten, weil gar nicht ausgemacht ist, dass es so etwas wie die Religion" in abstracto überhaupt gibt.

Es gibt lediglich eine Vielzahl von Vorstellungen, denen Menschen anhängen, eine Vielzahl von Kommunikationsakten, die ihnen mehr oder weniger Plausibilität verleihen, eine Vielzahl von Schlussfolgerungen, die in vielen Kontexten bereitgestellt werden.

Aus demselben Grund ist es verfehlt, von der Wissenschaft“ zu sprechen, als wäre sie ein in der Welt vorhandenes reales Objekt. Auch Wissenschaft ist ein Stück Kultur, nämlich ein Bereich, in dem eine Anzahl von Menschen sich zufällig mit denselben Vorstellungen befasst. Wissenschaft als solche gibt es nicht; es gibt nur eine große soziale Gruppe, deren Mitglieder bestimmten Tätigkeiten nachgehen, über einen bestimmten, in der wissenschaftlichen Literatur gespeicherten Datenbestand verfügen und diesen Datenbestand in einer bestimmten Form vermehren oder modifizieren. Was also meinen wir, wenn wir den Streitfall »Wissenschaft gegen Religion« vor uns haben?

In den westlichen Gesellschaften nahm die Auseinandersetzung um Religion und Wissenschaft eine besondere Wendung, weil es hier nicht einfach eine dogmatische Religion, sondern eine dogmatische Religion mit Monopolstellung gab, die den großen Fehler beging, sich in empirische Realaussagen einzumischen um uns mit einer Vielzahl besonders präziser, offizieller und offiziell verbindlicher sowie angeblich durch die Offenbarung sanktionierter Aussagen über Kosmos und Biologie zu versorgen, die, wie wir heute wissen, falsch sind. Jedes Mal, wenn die Kirche ihr eigenes Bild von dem, was in der Welt geschieht, vorlegte und wenn es gleichzeitig zum selben Thema eine wissenschaftliche Alternative gab, hat diese sich als die bessere erwiesen. Jede Schlacht wurde von der Kirche verloren und zwar unwiderruflich. Das ist natürlich recht peinlich.

Die Naturwissenschaften haben jedoch nicht nur gezeigt, dass manche religiösen Geschichten über die Entstehung der Planeten entschieden hinter der Norm zurückbleiben; sie haben mehr noch den Blick darauf gelenkt, dass die Religion als Mittel der Erkenntnis grundsätzlich drastische Mängel aufweist und dass es eine bessere Methode gibt, um objektive Informationen über die Welt zusammenzutragen.

Dennoch fahren einige wenige  frohgemut fort, das Geschehene auszublenden und in einer Phantasiewelt zu leben, in der die biblischen Quellen als brauchbares Instrument zum Erwerb geologischen und paläobiologischen Wissens gelten. Aber das erfordert allerlei Anstrengung. Die meisten religiösen Menschen in westlichen Gesellschaften halten sich lieber an die Vorbehaltsklausel, Religion sei schließlich ein Spezialgebiet und befasse sich mit Fragen, die die Wissenschaft niemals werde beantworten können. Dies dient dann häufig als Fundament für eine höchst nebulöse Alltagstheologie, der zufolge Religion die Welt "schöner" oder "sinnvoller" macht oder sich den "letzten" Fragen widmet (was immer man auch darunter versteht).

Eine andere Form der Konfliktvermeidung ist der - besonders bei Wissenschaftlern beliebte - Versuch, eine "gereinigte" Version der Religion in die Welt zu setzen, eine metaphysische Lehre, die manche Anteile religiösen Denkens beibehält (es gibt eine Schöpferkraft; sie ist für uns nur schwer erkennbar; sie erklärt, warum die Welt so und nicht anders ist usw., aber jede Spur peinlichen Aberglaubens beseitigt.

Ist eine solche Religion mit Wissenschaft vereinbar? Natürlich, denn dafür wurde sie ja gemacht. Hat sie Aussichten, zu etwas zu werden, was wir mit dem Namen Religion bezeichnen? Wohl kaum. Denn dazu gehörte, dass der jeweilige praktische Kontext kognitive Aufgaben stellte. Gedanken, welche etwas leisteten; welche  relevante Kommentare zu Situationen wie Tod oder Geburt oder Eheschließung usw. lieferten. Metaphysische "Religionen", die sich mit derlei menschlichen Zwecken und Interessen die Hände nicht schmutzig machen mögen, lassen sich kaum besser verkaufen als ein Auto ohne Motor.

(Aus Pascal Boyer "Und Mensch schuf Gott", Klett-Cotta 2002, ISBN: 978-3608942620)

 

"Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht".
(Albert Schweitzer, dt. Theologe, Mediziner & Phil., 1875-1965)

 

Welt- und Gottesbilder

 

Schöpfung oder Evolution?

 

Man muss das Ganze stets vor seinen Teilen sehen!

oder: "Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile!"

(Aristoteles)

 

Wenn wir uns die Gegenüberstellung der Weltbilder à betrachten, so können wir hinsichtlich des biblischen Weltbildes (b) folgende Aussagen aus dem Katholischen Weltkatechismus Nr. 299 zwar nachvollziehen: „Weil Gott mit Weisheit erschafft, ist die Schöpfung geordnet“. Oder aus dem Evangelischen Erwachsenen-Katechismus (Gütersloher Verlaghaus ISBN 3-579-04900-3): „Durch das Wort wohnt der Welt ein Sinn und eine Ordnung inne“. Hinsichtlich des modernen Weltbildes (d) drängt sich jedoch die Frage auf: Warum gibt es im Makro- und Mikro-Kosmos  zunächst nur Chaos, Spontaneität und Unvorhersagbarkeit?  Und ohne Antwort bleiben Fragen wie: Welche Kräfte walten da draußen? Woraus besteht das Universum? Was ist dunkle Materie und dunkle Energie, aus denen das Weltall zum Grossteil besteht, (26,8 % "Dunkle Materie" und 68,3 % "Dunkle Energie", der Rest, 4,9 %, ist sichtbare Materie) die sich aber der menschlichen Wahrnehmung entziehen? („Das Zufallselement in der Quantenmechanik,  genau dieses zufällige Verhalten kann man in der Natur beobachten. Und in Schwarzen Löchern gibt es sogar einen noch höheren Grad an Unsicherheit – nur  kann man die Zufallsereignisse, die sich innerhalb von Schwarzen Löchern ereignen, nicht beobachten..." Stephen Hawking Astrophysiker).

 

                   

 

Die Evolution des Lebens à zum Menschen hin verdankt sich unzähligen Zufällen von chemischen Konstellationen, erdgeschichtlichen Katastrophen, Mutationen und gnadenloser Auslese. Von einer weisen Ordnung und Lenkung keine Spur.

 So meint denn auch der Jesuit George Coyne, bis 2006 Chefastronom des Vatikans, dass Gott die Welt ganz sicher nicht nach einem fertigen Plan geschaffen habe, sondern als ein für zufällige Entwicklungen offenes Universum. ("Die Entstehung des Lebens ist  kein determinierter, vorher bestimmter Prozess. Vielmehr ist sie eine sehr chaotische Entwicklung, deren Fortgang auf Zufällen beruht. Es gibt eine bestimmte Richtung, in die die Evolution geht. Aber es gibt auch eine Menge Zufall in ihr. Wir können nicht so viel voraussagen, wie wir glauben voraussagen zu können.")

Das hört sich modern an, ist aber nicht offizielle Kirchenmeinung. Trotzdem hat auch  der Vatikan  unter Johannes Paul II. aufgehört, wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren, zu usurpieren oder zu verketzern (anders als wie bei Abweichlern aus den eigenen Reihen). Galilei und Darwin sind kirchlich rehabilitiert. (SZ vom 25.10.1996:  „Vatikan öffnet sich der Evolutionà) . Ob alle an der Basis das wissen?                  

Bereits 1992 hatte der inzwischen verstorbene Papst im Zuge der kirchlichen Rehabilitation von Galilei erklärt, dass die Theologen der damaligen Zeit sich geirrt hätten in der Annahme, der Wortsinn der Bibel beschreibe den physikalischen Zustand der Welt. 

Was heißt, dass die biblische Schöpfungsgeschichte auch in der katholischen Kirche nun offiziell nur mehr allegorisch, d.h. sinnbildlich, aufgefasst wird. (Siehe dazu auch M28 à).

Das hat natürlich Konsequenzen für die Annahme der Bibel als „Gottes Wort“  bzw. als von einem personifizierten „Heiligen Geist“ inspiriertes Buch und bedingt eine Weiterentwicklung des biblischen Gottesbildes  à

Pater Coyne (*19.01.1933), seit dem 18. Lebensjahr Jesuit und bis 2006 Chefastronom beim Vatikan, findet die Behauptung der christlichen Religion, der Mensch sei das Zentrum des Universums, für unvereinbar mit den Erkenntnissen der Wissenschaft, und in einem Schöpfungsprozess, den er als kontinuierlichen und evolutionären verstehe, habe der Wunsch der Katholiken (wir dürfen alle Christen da  mit einbeziehen) nach einer speziellen Rolle Gottes für den Menschen einen schweren Stand. Also sei es Aufgabe der Theologen, neue Interpretationen der Glaubenslehre zu finden... die Schrift neu zu interpretieren. (Siehe Bericht über ein  Gespräch mit Pater Coyne à).

Und immer mehr israelische Archäologen bestreiten die Wahrhaftigkeit der Bibel (Altes Testament) (Und die Bibel hat nicht recht à), nachdem sie sieben Jahrzehnte lang die  Erde im „Heiligen Land“ so intensiv wie sonst nirgends auf unserem Globus durchgewühlt haben. „Alle Geschichten biblischer Urzeit, nicht nur der mythologische Garten Eden, auch Abraham, Isaak und Jakob, der Auszug aus Ägypten, die kriegerische Eroberung des Landes Kanaan, das Großreich unter König David, der Tempelbau in Jerusalem, unter König Salomon, sie alle gehören laut Professor Zeev Herzog, der die Ergebnisse aus 70jähriger Arbeit zusammenfasste, und den international renommierten Archäologen Israel Finkelstein sowie Neil A. Silberman, die darüber mehrere Bücher veröffentlichten,  ins Reich der Legenden (Siehe Wikip.). Die Archäologen, so die Wissenschaftler, fanden keine Hinweise, geschweige denn Beweise für einen geschichtlichen Kern. Das sogenannte "Wort Gottes" also Mythos,  Legende,  und interpretierungsbedürftig?

Im katholischen Weltkatechismus Nr. 299 heißt es: „Die Schöpfung ist von Gott gewollt, als ein Geschenk an den Menschen.“ Im Verständnis des biblischen Weltbildes wohl annehmbar, auch noch mittelalterlich. Bezieht man das aber auf die nach heutiger Erkenntnis vorhandenen Milliarden Galaxien in Millionen und Milliarden von Lichtjahren Entfernung, klingt es absurd. Bezüglich der Erde,  muss man sich, frei nach Hiob fragen, warum das Geschenk so schlecht zu unseren menschlichen Bedürfnissen passt, oder ganz anthropomorph: Warum geht der Schöpfer im All mit einer unvorstellbaren Verschwendung von Energien zur Schaffung immer neuer Galaxien um, während er sie hier auf der Erde versiegen lässt? Auf einem winzig kleinen Planeten im All, auf dem alles Leben von Anbeginn unter der Notwendigkeit des Fressens oder Gefressenwerdens steht, bei ständiger Bedrohung durch Unwetter, Erdbeben, Tsunamis,Wirbelstürmen, Orkanen und Vulkanausbrüchen? Das muss ein merkwürdiger Schöpfergott sein, der dann sagt :“Es ist sehr gut, ich schenke es den Menschen!“ Doch wissen wir ja bereits: Es muss umgeschrieben werden. Dafür aber wird es höchste Zeit. Man kann nur hoffen, dass sich der „Heilige Geist“ auch in unserer Zeit offenbart.

Den Vorgang des Fressens und Gefressenwerdens kann man auch vornehmer umschreiben mit „Alles Leben lebt von anderem Leben“. Auch wenn eine Generation der anderen Platz macht durch ihren Tod. So ist die Natur nun mal von „Ihm“ geschaffen. Die Evolution des Lebens auf der Erde wird heute auf 4 Mia. Jahre geschätzt, die des Menschen auf 4 – 5 Mio. Jahre.  (Evolution des Menschen à). Seit Anbeginn des Lebens gibt es den Tod, schon lange bevor es den Menschen gab. Paulus irrt also, wenn er sagt, der Tod sei die Folge der Sünde des Menschen (Röm 5,12; Gal 6,8; Röm 6,23). Aus seiner Weltsicht (siehe biblisches Weltbild) kann man es ihm verzeihen. Seine heutigen Verfechter sollten es aber besser wissen. Tod hat an sich mit Ethik oder Moral überhaupt nichts zu tun. Er ist notwendig, damit das Leben weitergehen kann. Wenn man dann noch in Nr.280 liest: „Die Schöpfung ist der Beginn der Heilsgeschichte, die in Christus gipfelt. Schon von Anfang an hatte Gott die Herrlichkeit der Neuschöpfung in Christus vor Augen,“ dann kann man nur staunend sagen: „Was diese Theologen nicht alles wissen, denn das hieße ja, Gott habe vor 13 -14 Mia Jahren beim Urknall schon geplant, dass er die ganze Übung noch einmal veranstalten würde, nur besser und vollendeter und mit einem Sohn in Menschengestalt auf einem vergleichsweise staubkorngroßen Planeten in einer unter Milliarden Galaxien. Man sollte annehmen, dass sich nach der Kenntnis des modernen Weltbildes auch der Gottesbegriff relativiert und abstrahiert hätte, jedoch scheint dessen Entwicklung bei der Masse der Gläubigen eher in umgekehrter Richtung, nämlich anthropomanisch zu verlaufen.

(Siehe auch:  Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Nr. 10, Mai 2002, S. 28.)

 

Papst Benedikt XVI war klug genug, sich auf einen solchen Streit erst gar nicht einzulassen, sondern er stellt die ganze Thematik von vornherein auf eine theologisch - philosophische Stufe mit dem Glauben als Instanz der Vernunft, denn nur wer glaubt wird selig.

„Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe – das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie in den Disput der Gegenwart eintritt“.

(Rede in Regensburg, Uni, 2006).

Nun ist der Versuch, die Philosophie zur Magd der Theologie zu machen, bereits zum Ausgang des Mittelalters gescheitert und die Vernunft hat im christlichen Glauben nichts zu suchen, wie andere Theologen richtig feststellten. Denn mit religiösem Glauben ist immer das Bestreben verbunden, andere überzeugen zu wollen und dem Glauben einen Platz im Objektiven zuzuweisen, der ihm dort per se verwehrt ist.  Der Versuch der Umdeutung, den Benedikt mit der Einbeziehung des Glaubens in den Bereich der Vernunft unternimmt, führt lediglich zur Vernebelung und schließlich über das Missverständnis zum Unverständnis. "Die Grenzen der Vernunft begreifen, - das erst ist wahrhaft Philosophie"! (Nietzsche)

Beispiele für solche Nebelkerzen aus seinem 3. "Jesus"-Band (2012):

Auslegung der Bibel: "Bei einem Text wie dem biblischen, dessen letzter und tiefster Urheber nach unserem Glauben Gott selber ist, ist die Frage nach der Gegenwart des Vergangenen unweigerlich ein Teil der Auslegung selbst. (…) Ich habe mich bemüht, in diesem Sinn mit den Texten in Dialog zu treten. Dabei bin ich mir bewusst, dass dieses Gespräch im Ineinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nie zu Ende sein kann und dass jede Auslegung hinter der Größe des biblischen Textes zurückbleibt." Dazu der verstorbene Theologe Heinz Zahrnt: "

„Die Bibel ist nicht die Urkunde der Offenbarung Gottes selbst, sondern die Urkunde des Glaubens von Menschen an Gottes Offenbarung. (...)

Gott sei Dank hat Gott nicht alles gedacht, gesagt und getan, was in der Bibel über ihn geschrieben steht! Er hat uns sein Wort gegeben, nicht seine Wörter – die Wörter stammen von Menschen. Auch wenn es in der Bibel heißt: „Der Herr hat geredet“, geschieht solches Reden durch Menschen.  Darum sollen wir Gott zwar beim Wort, aber die Bibel – um Gottes willen! – nicht wörtlich nehmen". Oder:

Geschichten und Geschichte: "Matthäus und Lukas wollten in ihrer je eigenen Art nicht ,Geschichten‘ erzählen, sondern Geschichte schreiben, wirkliche, geschehene Geschichte, freilich gedeutete und vom Wort Gottes her verstandene Geschichte. (…) Die Kindheitsgeschichten sind gedeutete und von der Deutung her geschriebene, konzentrierte Geschichte".

Übersetzt heißt das: Der Mythos (Jungfrauengeburt, Kindheitsgeschichten Jesu, Auferstehung) besteht nicht aus der "Erzählung historischer Ereignisse", sondern ist die "historische Erzählung subjektiv gedeuteter Ereignisse". Dem Mythos nachträglich ein historisches Mäntelchen zu verpassen gleicht dem Versuch, Zeit und Geschichte stillstehen, erstarren zu lassen. Die Frage nach der historischen Wahrheit eines mythischen Ereignisses, auf die sich die christlichen Kirchen zum eigenen Schaden eingelassen haben, ist deshalb eine dumme Frage! (Siehe weiter unten "Mythos Religion") Im übrigen ist die Aussage, Geschichte vom Wort Gottes her verstehen zu wollen, nach eigener kirchlicher Deutung des christlichen Gottes Gotteslästerung. (Gott wird vielfach als transzendent und ewig, frei von zeitlichen oder räumlichen Grenzen und mit höchster übernatürlicher Macht und Ehre ausgestattet beschrieben. Wegen der Unergründlichkeit seines Wesens wird er oftmals nur in symbolischen Ausdrucksweisen, in seinen Wirkungen und ansonsten in verneinenden Eigenschaften wie „unendlich“, „unergründlich“ oder „unsichtbar“ benannt. Redeweisen in Bibel, Liturgie, Gebetsformularen und dergleichen, die dazu führen könnten, Gott körperlich und insbesondere anthropomorph vorzustellen, werden dabei vielfach, als uneigentliche Aussageweisen interpretiert).

Siehe dazu: "Die Historizität Jesu Christi".

(Eine Kurzfassung, warum Vernunft und Glauben sich gegenseitig ausschließen finden Sie unter: "Manipulation des Glaubens durch die Kirche".)

 

 

Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie

 

Auszüge aus: Joseph Ratzinger, „Was  ist  das  eigentlich  –  Gott“? Herausgegeben  von Hans Jürgen Schulz. 1969 Kösel-Verlag München.

[Anm.: Inhalte in eckigen Klammern stammen vom Verfasser] 

 

„Wie versteht man eigentlich die Welt, wenn man sie evolutiv auffasst? Wesentlich dafür ist wohl, dass Sein und Zeit in eine feste Beziehung  treten: Das Sein ist Zeit, es hat nicht bloß Zeit. Nur im Werden ist es und entfaltet es sich zu sich selbst. Dem gemäß ist das Sein dynamisch verstanden, als Seinsbewegung, und es ist gerichtet verstanden: es kreist nicht im immer Gleichen, sondern schreitet voran.

Für den lebendigen Menschen freilich ist es die Grundfrage des Ganzen. Die Naturwissenschaft erklärt dazu heute in richtiger Erkenntnis ihrer Grenzen, dass diese dem Menschen unerlässliche Frage nicht innerwissenschaftlich, sondern nur im Rahmen eines »Glaubenssystems« beantwortet werden könne.

Damit sind wir in die Lage versetzt, präzis [etwa im Rahmen eines Glaubenssystems?] zu sagen, was der Schöpfungsglaube im Blick auf das evolutive Verständnis der Welt bedeutet. Angesichts der durch die Evolutionstheorie selbst nicht zu beantwortenden Grundfrage, ob hier Sinnlosigkeit oder Sinn walte, drückt er die Überzeugung aus, dass die Welt als ganze, wie die Bibel sagt, aus dem Logos, das heißt [in diesem Fall] aus dem schöpferischen Sinn, hervorkommt und die zeitliche Form seines Selbstvollzugs darstellt.

Der Schöpfungsglaube sagt uns nicht das „Was“ des Weltsinnes, sondern nur sein „Dass“: dies ganze Auf und Ab des werdenden Seins ist freier und unter dem Risiko der Freiheit stehender Vollzug des schöpferischen Urgedankens, [so wie ihn die Kirche versteht] von dem er sein Sein hat.

An Schöpfung glauben heißt, die von der Wissenschaft erschlossene Werdewelt im Glauben als eine sinnvolle, aus schöpferischem Sinn [aus dem Logos = Jesus Christus s. o.] kommende Welt verstehen.

Die Alternative Materialismus oder geistig bestimmte Weltbetrachtung, Zufall oder Sinn, stellt sich uns heute in der Form der Frage dar, ob man den Geist und das Leben in seinen ansteigenden Formen nur als einen zufälligen Schimmel auf der Oberfläche des Materiellen (das heißt des sich nicht selbst verstehenden Seienden) oder ob man ihn als das Ziel des Geschehens ansieht und damit umgekehrt die Materie als Vorgeschichte des Geistes [unzulässige Folgerung] betrachtet. Trifft man die zweite Wahl, [und nur dann] so ist damit klar, dass der Geist nicht ein Zufallsprodukt materieller Entwicklungen ist, sondern dass vielmehr die Materie ein Moment an der Geschichte des Geistes bedeutet [hoppla, das sind geistige Klimmzüge]. Dies aber ist nur ein anderer Ausdruck für die Aussage, dass Geist geschaffen und nicht pures Produkt der Entwicklung ist, auch wenn er in der Weise der Entwicklung in Erscheinung tritt.

Hinsichtlich der Erschaffung des Menschen bezeichnet die Schöpfung nicht einen fernen Anfang, sondern mit Adam jeden von uns: jeder Mensch ist direkt zu Gott. Der Glaube behauptet vom ersten Menschen nicht mehr als von jedem von uns und umgekehrt von uns nicht weniger als vom ersten Menschen.

Wenn Schöpfung [allgemein] Seinsabhängigkeit bedeutet, so ist besondere Schöpfung [bezüglich des Menschen] nichts anderes als besondere Seinsabhängigkeit. Die Behauptung, der Mensch sei in einer spezifischeren, direkteren Weise von Gott geschaffen als die Naturdinge, bedeutet, etwas weniger bildhaft ausgedrückt, einfach dies, dass der Mensch in einer spezifischen Weise von Gott gewollt ist: nicht bloß als ein Wesen, das »da ist«, sondern als ein Wesen, das ihn kennt; nicht nur als Gebilde, das er gedacht hat, sondern als Existenz, die ihn wieder denken kann. Dieses spezifische gewollt Sein und gekannt Sein des Menschen von Gott nennen wir seine besondere Erschaffung“.

[Das ist Anthropozentrismus in Reinkultur. Vor allem: von welchem Gott spricht Benedikt? Bei der Vielzahl von Göttern in den verschiedenen menschlichen Kulturen zu den verschiedenen Zeitabschnitten im Laufe der Geschichte scheint das menschliche Denken und Kennen Gottes doch sehr im Trüben zu fischen! Insofern kann man nur von den besonderen, vielfältigen Erschaffungen Gottes durch den Menschen sprechen.]

 

 

Mythos Religion

 

In unserem kollektiven Gedächtnis ist die Gesamtheit der wirklichen oder vorgestellten Ereignisse gespeichert, denen wir unsere Existenz verdanken. Triumph und Leiden eines Volkes, die Wurzeln, die den Baum des Lebens ernähren und Früchte hervorbringen lassen.

In den Schriftreligionen hat sich das kollektive Gedächtnis in den "Heiligen Schriften" niedergeschlagen, in Sammlungen von Texten, die zunächst durch mündliche Tradition in Erzählungen von Generation zu Generation überliefert und dann schließlich schriftlich fixiert und in Textsammlungen, dem jeweiligen Kanon, festgehalten wurden.

Solche Erzählungen errichten auf der Basis von Grundwerten eine gemeinsame Identität, die, vom Bewusstsein jedes einzelnen Zuhörers ausgehend, Gemeinschaft bilden und ermöglichen.

Es ist sehr wichtig zu wissen, dass die erzählten Ereignisse nicht als historische Tatsachen, sondern als mythische Erzählungen erlebt werden. Deshalb ist das erzählte Ereignis nicht mehr datierbar und fixierbar, sondern reicht in seiner Bedeutung über alle Zeitgrenzen hinaus bis in jenen Zeit - Raum zu dem es sich nach dem Bericht des Mythos zugetragen hatte. Dadurch  erst erlangt der Mythos Bedeutung für vergangene, gegenwärtige und zukünftige Geschlechter.

Die kritische Frage nach der historischen Datierbarkeit eines mythischen Ereignisses, auf die sich die christlichen Kirchen zum eigenen Schaden eingelassen haben, ist deswegen eine dumme Frage! Denn der Mythos ist nicht die "Erzählung eines wahren Ereignisses", sondern die "wahre Erzählung eines Ereignisses", eines Sinn und Werte stiftenden Ereignisses, welches Bestandteil eines kollektiven Gedächtnisses dann wird, wenn es von der ganzen Gruppe angenommen wird. Dem Mythos nachträglich ein historisches Mäntelchen zu verpassen gleicht dem Versuch, Zeit und die Geschichte stillstehen zu lassen, erstarren zu lassen.

Von Generation zu Generation wird die Geschichte weiter erzählt, abends am Lagerfeuer oder im Schatten der Dorflinde unter der sich das Dorf versammelt hat um dem Weisen zu lauschen, der die Tradition von seinen Ahnen empfangen hat, in Schulen und Gemeinschaftsräumen, in Kirchen und Synagogen, auf Wiesen und Auen. Bereits im Nachbardorf wird dieselbe Geschichte mit kleinen Abweichungen erzählt; einiges wird hinzugefügt oder auch weggelassen, die Handlung selbst kann eine andere Richtung einschlagen und manchmal wird die Geschichte zu einer ganz anderen Geschichte. Auf diese Weise entstehen mehrere Versionen des gleichen Ereignisses, die teils widersprüchlich sind, z. B. vier Evangelien, anstatt einem. Aber Widersprüche erschrecken den Mythos nicht, da es sich um unterschiedliche Wahrnehmungen des gleichen Ereignisses handelt: die einen erleben es emotional, andere wiederum ästhetisch, ethisch, philosophisch oder poetisch.

Wird zu einem Zeitpunkt der Mythos niedergeschrieben, entsteht das "schriftliche Gedächtnis", welches nunmehr ohne Unterschied der ganzen Gemeinschaft gehört. Die Stärke eines Mythos in Form einer "Heiligen Schrift" besteht darin, die Mannigfaltigkeit der Zugänge und der Tonarten der früheren mündlichen Versionen zu erhalten. Die Bibel oder jede andere "Heilige Schrift" kann diese Dialektik von Einheit und Vielfalt nur dann erhalten, falls der Fantasie eines jeden Lesers freier Raum gelassen wird: ein Text und viele Harmonien, ein unendliches Rauschen des Sinns. Eine modellhafte Festlegung durch die Institution, durch ein Lehramt, verbietet sich von selbst und führt zu langweiliger Erstarrung, zeitbedingter Entartung, starrköpfiger Verbissenheit und schließlich zum Fundamentalismus.

 

Die Wissenschaft weiß, dass sie immer nur vorläufige Modelle zur Erklärung und Veranschaulichung schwieriger Vorgänge schafft, die sie ständig korrigiert, sobald neue Erkenntnisse auftauchen. Sie weiß aber auch, dass diese Modelle nicht die Wirklichkeit selbst sind.

Die Kirchen  versäumen heute, ihre Modelle als mythische Modelle zu erkennen (wie die ersten Kirchenväter und –lehrer das noch konnten), sie von der Pseudo-Wissenschaftlichkeit der Theologie zu erlösen und sie der aktuellen Weltsicht anzupassen.

 

 

Merke: "Die Menschheit lässt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt. Sie würde an Unsterblichkeit glauben, und wenn sie das Gegenteil wüsste. Es wäre möglich, dass unser ganzes höheres Leben nichts als ein warmes Gespinst von nützlichen Täuschungen lieferte, aber es wäre auf jeden Fall etwas ganz Außerordentliches, und ein Wesen, das so weise, so göttlich träumte, möchte die Realisierung seiner Träume verdienen und — bewirken!"

(Friedrich Hebbel, dt. Schriftsteller & Dichter, 1813-1863)

 

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