Naturwissenschaft und Religion

(Wissen und Glauben)

 

 

 

"Bei allen intellektuellen Streitgesprächen neigen beide Seiten dazu, das richtig darzustellen, was sie bejahen, und das, was sie leugnen, falsch". (John Stuart Mill 1806-1873, engl. Philosoph, Soziologe, Psychologe).

"Alle Wissenschaft hat als Ausgangspunkt ein Zweifeln, gegen das der Glaube sich auflehnt". (André Gide 1869-1951, franz. Schriftsteller).

"Wenn 670 verschiedene Religionen, Kirchen, Konfessionen und Kulte dieser Erde (Religionen der Welt à) sich im Besitz einer „göttlichen Wahrheit“ wähnen, dann müssen 670 göttliche Teilwahrheiten, falls es sich denn um solche handelt, zusammengenommen eine größere Wahrheit über Gott offenbaren". (Der Verfasser)

 

"Heutzutage wird als häufigstes Argument für die Existenz eines intelligenten Gottes die tiefe innere Überzeugung und das innere Erlebnis der meisten Menschen angeführt. Aber es kann nicht bezweifelt werden, dass Hindus, Mohammedaner und andere in derselben Weise und mit der gleichen Hartnäckigkeit für die Existenz eines Gottes oder von vielen Göttern oder, wie bei den Buddhisten, für gar keinen Gott eintreten können". (Charles Darwin, brit. Naturforscher, 1809-1882)
 

Thematisiert man den Widerspruch von Wissen und Glauben, so ist zunächst einmal klarzustellen, dass von moderner, „abstrakter” Religion die Rede ist: Von einer Religion also, die in einem Konflikt- und Anpassungsverhältnis mit den Wissenschaften steht, während in den so genannten Naturreligionen erst gar keine solche Differenz entstehen kann. Die Trennung und Gemeinsamkeit des schwer vermittelbaren Paares fußt in der Abstraktion von der unmittelbar erlebten Erfahrung, in einer unfassbaren, übersinnlichen Gottheit einerseits und in einem nicht einfach sichtbaren Wissen andererseits.

 

"Wer Gott definiert, ist schon Atheist".
(Oswald Spengler, dt. Geschichtsphil., 1880-1936, Gedanken, Von der Religion)

Naturwissenschaft und Religion entstehen in dieser „abgehobenen” Form in der Antike, gemeinsam mit der Entfaltung des Geldverkehrs und der Entwicklung abstrakter Begriffe und Denkformen, wie sie so bei „Naturvölkern” nicht existieren. Die idealistischen Wesenheiten der platonischen Philosophie haben nicht nur zufällige Ähnlichkeit mit der übersinnlichen Wahrheit des Christentums. In beiden Fällen wird ein echtes und eigentliches "Jenseits des unmittelbar erfahrbaren Lebens" gesucht. Wissenschaft und Religion sind somit  zwei prinzipiell vom Alltagsdenken getrennte Formen, aber dennoch in ambivalenter Gegensätzlichkeit sich gegenüberstehende Paradigmen.  In einer Gesamtübersicht soll deshalb zunächst dargestellt werden, wie zahlreiche Theoretiker exemplarisch ihre verschiedenen Standpunkte klassifiziert haben:

 

1. Die Naturwissenschaft negiert die Religion.

Das ist immer noch eine der am meisten verbreiteten Verhaltensweisen unter den heutigen Naturwissenschaftlern. Religion ist schlichtweg entweder ein abergläubisches Relikt aus der Vergangenheit, oder bestenfalls ein Überlebenstrick, den die Natur benutzt, um die Spezies zu reproduzieren oder „Opium für das Volk“ um es für die herrschende Schicht gefügig zu machen und über widerfahrene Ungerechtigkeiten hinwegzutrösten.

"Fast alle heutigen Biowissenschaftler sind somit - wie Darwin - als Atheisten zu bezeichnen. Übernatürliche Erklärungen, Offenbarungen oder Wunder werden als Themen, die jenseits der Rationalität liegen, abgelehnt und in den Bereich des subjektiven Glaubens verwiesen." [1]

„Der Physiker Paul Dirak (1902 - 1984) zur gesellschaftlich-politischen Bedeutung der christlichen Glaubenslehre: Die Religion ist eine Art Opium, das man dem Volk gewährt, um es in glücklichen Wunschträumen zu wiegen und damit über die Ungerechtigkeit zu trösten, die ihm widerfährt. Daher kommt auch das Bündnis der beiden großen politischen Mächte Staat und Kirche so leicht zustande. Beide brauchen die Illusion, dass ein gütiger Gott, wenn nicht auf Erden, so doch im Himmel die belohnt, die sich nicht gegen die Ungerechtigkeit auflehnten, die ruhig und geduldig ihre Pflicht getan haben. Ehrlich zu sagen, dass dieser Gott nur ein Produkt der menschlichen Phantasie ist, muss natürlich als schlimmste Todsünde gelten." [2]

( [1] Prof. Dr. Ulrich Kutschera Lehrstuhl Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie, Uni Kassel in seinem Buch "Evolutionsbiologie", Parey 2001, ISBN 3-8263-3348-9, S. 235;  [2] K. zitiert  Dirak, S. 233).

 

"Kindliche Wundermärchen über Wandeln auf dem Wasser und Wiederauferstehung eines Toten werden um so eher als Wunder geglaubt je weniger die eigene Bildung dazu befähigt, die tatsächlichen Wunder des Mikrokosmos des Universums und der unendlich komplizierten Systeme des Lebens auch nur annähernd als solche wahrzunehmen".

(Georg Christoph Lichtenberg, dt. Physiker u. Schriftsteller 1742 - 1799)

 

 

2. Die Religion negiert die Naturwissenschaft.

 

Die Bibel ist die wort-wörtliche, buchstäbliche Wahrheit für den typischen Fundamentalisten. Schlimm für die Wissenschaft, die das leugnet. Die Naturwissenschaft für sich ist Teil der „gefallenen“ Welt und hat daher nur Zugang zur "echten" Wahrheit, falls sie ihr dient. Gott hat die Welt (mit allen ihren fossilen Zeugnissen) in sechs Tagen ein für alle Mal erschaffen. Punktum.

Für den Kreationisten (Kreativität, Schöpferprinzip, Gott als Schöpfer) wird das Absolute des Schöpferischen mit dem mythischen Gott gleichgesetzt, der mit allen Merkmalen der eigenen egoistischen Neigungen ausgestattet ist, die einen gerade glücklich machen. Und wer nicht daran glaubt, schmort auf ewig in der Hölle! (Reduktionistisches, anthropomorphes Denken).

 

"Die Evolutionslehre enthält ein Gedankengut, das bei konsequenter Durchhaltung das Evangelium von Jesus Christus „in Schutt und Asche“ legt...

Glücklicherweise haben wir die Offenbarung Gottes über den Ursprung der Welt! Die Wahrheit der Offenbarung Gottes hängt niemals davon ab, ob wir sie mit wissenschaftlichen Hypothesen belegen können. Wir wollen fröhlich glauben und vertrauen, auch wenn noch so vieles unklar ist...  Im Glauben wissen wir, dass Gottes Offenbarung in seinem Wort und in seiner Schöpfung sich nicht widersprechen. Sein geoffenbartes Wort liefert deshalb den Schlüssel, die Basis zum Verständnis von Natur und Naturgeschichte. Auf der Basis des von Gott gegebenen heiligen Geistes kann unsere wissenschaftliche Forschungskapazität zur Erkenntnis der Wahrheit beitragen. Das ist Schöpfungsforschung!"

(Prof. Dr. Siegfried Scherer, (gläubiger Christ, steht aber dem amerikanischen Kreationismus kritisch gegenüber), Leiter des Institutes für Mikrobiologie an der TU München - Weihenstephan. "W+W-Disk.-Beitr. 2/90 Schöpfungsforschung am Ende? Siegfried Scherer: "Die engagierten Mitglieder und Freunde der Studiengemeinschaft "WORT UND WISSEN" wissen sich berufen, im Sinne der Schöpfungslehre im wissenschaftlichen Bereich oder auf dem Bildungssektor tätig zu sein." http://www.wort-und-wissen.de/disk/d90/2/d90-2.html  .

 

"Im christlichen Glauben hat die Vernunft nichts zu suchen und die Naturwissenschaft nichts zu melden".
(Klaus Berger, Heidelberger Theologe 1940 -)

 

Die beiden vorstehenden Überzeugungen 1 und 2 führen Krieg gegeneinander,  die eine sticht die andere aus, Tod dem Verlierer!

 

 

3. Naturwissenschaft und Religion leben in friedlicher Koexistenz miteinander.

 

Da sich beide mit einem jeweils vom anderen verschiedenen Bereich des Seins befassen, hat jede ihre Berechtigung. Es sind hierbei zwei Versionen auszumachen:

  1. Beider Beiträge können in ein ganzheitliches Bild integriert werden. Die Wirklichkeit besteht aus verschiedenen Dimensionen (z.B. Materie, Körper, Geist, Seele, Gottheit). Die Naturwissenschaft beschäftigt sich meist mit den „unteren“ Bereichen (Materie, Körper), wohingegen die Religion sich zumeist mit den „höheren“ Regionen (Seele, Geist) befasst. Naturwissenschaft und Religion sind Teile eines großen Ganzen aus dem beide ihre Existenzberechtigung ziehen.

„Das Problem der Zukunft der Religion ist nicht mehr das Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Auch in dieser Hinsicht ist mit dem Beginn des Jahrhunderts eine Epoche zu Ende gegangen. Die Autonomie der historisch-kritischen Forschung, der Naturwissenschaft und der Psychologie wird heute von der herrschenden protestantischen Theologie unbeschränkt anerkannt. Ebenso hat die Wissenschaft gelernt, ihre vorwissenschaftlichen Voraussetzungen und ihre philosophischen Grundlagen von ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterscheiden. Beide Seiten haben erkannt, dass die Symbole, in denen die Religion Wahrheit ausdrückt, auf einer anderen Ebene liegen als wissenschaftliche Feststellungen über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von natürlichen Objekten. Die Religion der Zukunft wird frei sein von dem sinnlos gewordenen Konflikt zwischen Glauben und Wissen.“

(Paul Tillich, 1886 - 1965, Theologe und Philosoph, "Die verlorene Dimension. Not und Hoffnung unserer Zeit. Hamburg 1962, S. 92 f., S. 99").

 

"Gott ist nur eine Arbeitshypothese. Es zeigt sich, dass alles auch ohne Gott geht und zwar ebenso gut wie vorher".
(Dietrich Bonhoeffer, dt. ev. Theologe, 1906-1945)

 

  1. Die Beiträge können nicht in ein Bild vom Ganzen integriert werden, da sich Naturwissenschaft und Religion mit unterschiedlichen Bereichen befassen. Beide müssen zwar respektiert werden, doch kann man sie nicht voll integrieren. Dies ist ein unter Wissenschaftlern weit verbreiteter Standpunkt. Man glaubt an irgendeine Form von Geist, kann sich jedoch nicht vorstellen, wie dieser praktisch mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen ist. (Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott das, was übrig bleibt).

„Naturwissenschaft betreibe ich, indem ich das Äußere, Beobachtbare untersuche... Und ich wüsste nicht, wie bei diesem Prozess je etwas auftauchen sollte, was Gott entspricht. Ich bin wahnsinnig beeindruckt von Naturgesetzen und dass sie sich in eine einfache Formel bringen lassen, aber ich kann das nicht mit dem Göttlichen in Verbindung bringen, außer dass ich sehr bewegt bin über diese Schönheit. Es löst etwas in mir aus, was mich vielleicht an das Göttliche erinnert... In der Wissenschaft finden wir nichts mehr von dem, was eigentlich mit dem Ganzen zu tun hat. Deshalb finden wir auch Gott nicht darin. Das Göttliche findet man nur durch die Innenansicht. Deshalb glaube ich auch nicht an den jüdisch-christlichen Gott, also einen Gott, der außerhalb steht. Ich kann das Göttliche nicht von mir abtrennen. Diese Auffassung entspricht auch meinem Weltbild als Quantenphysiker."

(Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, 1929- Physiker und Philosoph, Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München, Großes Bundesverdienstkreuz 11. Juni 2004,  Altern. Nobelpreis 1987 "Gott, der Mensch und die Wissenschaft, Pattloch 1997, ISBN 3-629-00813-5").

 

"Max Planck, dessen theoretische Untersuchungen um die Jahrhundertwende den Stein der Quantenphysik ins Rollen gebracht haben, steht mit seiner philosophischen Haltung auf der Schwelle von der alten zur neuen Ära. Den Gegensatz zwischen Religion und Naturwissenschaft versucht Max Planck aufzuheben, indem er beide unterschiedlichen Ebenen zuordnet. Sie entsprechen bei ihm zwei verschiedenen Betrachtungsweisen, einer subjektiven, gewissermaßen von innen, und einer objektiven, von außen, bei der sich der beobachtende Mensch aus dem Weltzusammenhang herausgenommen hat. Im ersten Fall ist der Mensch Akteur, im zweiten Zuschauer. Der Zuschauer nimmt die Welt durch seine Sinne wahr, er treibt Naturwissenschaft... (Dürr, über Max Planck in "Physik und Transzendenz, Scherz, 1986")

 

"Gott ist die fixe Idee von Theologen, die bei dem Verständnis der Fakten des Universums hoffnungslos überfordert sind".
(Walter Schäfer, Theaterintendant und Schriftsteller 1901 - 1976)

 

 

4. Die Naturwissenschaft liefert die Argumente für die Existenz des Geistes.

 

Das ist ein heute ebenfalls sehr verbreiteter Standpunkt und wahrscheinlich der üblichste unter populären Autoren, die über das „neue wissenschaftliche Paradigma“ schreiben, welches die Mystik stützen oder beweisen soll. Er behauptet, dass viele wissenschaftliche Fakten und Entdeckungen unmittelbar auf spirituelle Wirklichkeiten hindeuten und deshalb die Naturwissenschaft uns helfen kann, die Gottheit zu erkennen. (Z.B. scheinen: der Urknall eine Art Schöpferprinzip zu erfordern, die Evolution einem intelligenten Plan zu folgen, das anthropische Prinzip vorauszusetzen, dass hinter der kosmischen Evolution irgendeine Art schöpferischer Intelligenz steht, usw.). Diese Sichtweise ist etwas einseitig, da die Naturwissenschaft dazu benutzt wird, die Religion zu bereichern, aber nicht umgekehrt, Gott kann unmittelbar aus der Natur herausgelesen werden.

"Meine Herren, als Physiker, der sein ganzes Leben der nüchternen Wissenschaft, der Erforschung der Materie widmete, bin ich sicher von dem Verdacht frei, für einen Schwarmgeist gehalten zu werden. Und so sage ich nach meinen Erforschungen des Atoms dieses: Es gibt keine Materie an sich...  Geist ist der Urgrund aller Materie... der unsichtbare, unsterbliche Geist ist das Wahre!... Und damit ist unsere Aufgabe zu Ende, und wir müssen unser Forschen weitergeben in die Hände der Philosophie."

(Max Planck, 1858-1947, Physiker, Physik-Nobelpreis 1918,Max Plank Archiv zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft, Abt. Va., Rep. 11 Planck, Nr. 1797).

 

"Die goldene Zeit der Geistlichkeit fiel immer in die Gefangenschaft des menschlichen Geistes".
(Friedrich von Schiller, dt. Schriftsteller, 1759-1805)

 

 

5. Naturwissenschaft ist nur eine Interpretation der Welt, wie bildende Kunst und Dichtung auch.

 

Verbreiteter postmoderner minimalistischer Standpunkt unter den akademischen und kulturellen Eliten, denen es darum geht, alles Wertvolle, was andere zu diesem Thema zu sagen haben, zu dekonstruieren.

 

"Du hältst das Evangelium, wie es steht, für die göttliche Wahrheit. Mich würde eine vernehmliche Stimme vom Himmel nicht überzeugen, dass das Wasser brennt und dass das Feuer löscht, dass ein Weib ohne Mann gebiert und dass ein Toter aufersteht. Vielmehr halte ich dieses für Lästerungen gegen den großen Gott und seine Offenbarung in der Natur".
(Goethe, an Lavater, 9.8.1782) 

 

 

6.  Holistische oder integrale Sicht der Wirklichkeit.

 

Die Zukunftsvision einer Theorie von Allem. Zusammenfassung aller wissenschaftlichen und religiösen Teilwahrheiten zu einer kohärenten Einbindung in eine größere Wahrheit. Integrales Paradigma, das alle Ansätze aus Naturwissenschaft und Religion kritisch betrachtet, die im Vergleich dazu partieller, enger, seichter, weniger umfassend, weniger integrativ sind.  Umfassendere und  erstrebenswertere Konditionen als die Gegenwärtigen für Individuum  und  Gesamtkultur.

„Ein menschliches Wesen ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle, als etwas vom übrigen Getrenntes – eine Art optische Täuschung seines Bewusstseins. Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, das uns auf unsere persönlichen Bedürfnisse und die Zuneigung zu einigen uns nahe stehenden Personen einschränkt. Es muss unsere Aufgabe sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Kreis unseres Mitgefühls ausweiten, sodass es alle lebenden Geschöpfe und die gesamte Natur in ihrer Schönheit umfasst“.

(Albert Einstein,1879-1955, Physiker, Physik-Nobelpreis 1922, zitiert in H. Eves Mathematical Circles Adieu (Boston 1977).

 

"Glaubt nicht bedingungslos den alten Manuskripten, glaubt überhaupt nicht an etwas, nur weil die Leute daran glauben - oder weil man es Euch seit Eurer Kindheit hat glauben lassen".
(Buddha, Religionsstifter, 560-480 v. Chr.) 

 

 

Eine Sonderstellung nimmt der Jesuit Pater George V. Coyne ein, bis 2006 Leiter des päpstlichen Observatoriums in Castel Gandolfo, Kompetenter Wissenschaftler und Priester, der Naturwissenschaft und Religion in einer Person verkörpert, dabei in einem inneren Spannungsverhältnis für eine neue Definition alter Glaubensregeln eintritt, jedoch eine integrale Sicht anstrebt.

"Es gab in der Geschichte immer einen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion. Der hat seine Fundamente in den Anfängen der modernen Wissenschaft. Anfangs wollten religiöse Wissenschaftler den Glauben mit denselben rationalen, deterministischen Gesetzen begründen, wie es in der Wissenschaft üblich ist. Aber das ist eben gerade nicht möglich. Und als dieser Versuch fehlschlug, begann der Atheismus zu wachsen. Auch der Gegensatz zwischen Kirche und Wissenschaft verstärkte sich. Ich selbst bin Wissenschaftler und Priester und ich habe festgestellt, dass es eine dramatische Veränderung gegeben hat, sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Theologie. Die Wissenschaft sieht das Universum nicht mehr als Mechanismus vergleichbar mit einem Uhrwerk, so, als würde alles in Übereinstimmung mit einem von Gott vorgegebenen Plan ablaufen, der in den Naturgesetzen seinen Beweis findet. Statt dessen kennen wir inzwischen die Quantenphysik, die Komplexität, das Chaos. Das sind wichtige Fachbegriffe in der heutigen Wissenschaftswelt, die aussagen, dass der evolutionäre Prozess sowohl physikalisch als auch biologisch kein durchgehend determinierter Prozess ist. Die Evolution bahnte sich einen Weg und scheiterte, sie führte auf einen anderen Weg und scheiterte, es gab Perioden rapiden Wachstums und Phasen langsamer Entwicklung. Drei, wenn nicht sogar viermal wurde das Leben auf der Erde im Laufe seiner Geschichte völlig ausgelöscht infolge von Asteroiden-Einschlägen und anderen Katastrophen. Die Entstehung des Lebens ist also kein determinierter, vorher bestimmter Prozess. Vielmehr ist sie eine sehr chaotische Entwicklung, deren Fortgang auf Zufällen beruht. Es gibt eine bestimmte Richtung, in die die Evolution geht. Aber es gibt auch eine Menge Zufall in ihr. Wir können nicht so viel voraussagen, wie wir glauben voraussagen zu können.

Andererseits hat auch die Theologie eine neue Richtung eingeschlagen, indem sie eingesehen hat, dass man religiösen Glauben nicht auf rein rationalem Glauben aufbauen kann. Es gab also eine Öffnung von beiden Seiten. Der Dialog ist ausgesprochen fruchtbar und findet inzwischen auf vielen Ebenen statt. Wir Forscher behandeln dieses Thema auf gelehrtem Niveau. Wir führen nicht eine Art Streitgespräch zwischen einer Religion und einer anderen. Wir sind Wissenschaftler, die ihre Forschungen betreiben im Bereich der Biologie, in der Physik und Kosmologie und so weiter. Und wir sind Theologen und Philosophen, die zusammenkommen, um Fragen zu diskutieren, die alle diese Gebiete verbinden. Zum Beispiel die Frage des Ursprungs des Universums aus der Sicht der Wissenschaft und der Schöpfung des Universums vom religiösen beziehungsweise biblischen Standpunkt aus. Die Evolution wird so vom Standpunkt der Wissenschaft aus betrachtet, und sie wird gesehen aus der Sicht derer, die glauben, dass Gott den Menschen geschaffen hat.

Wie sind diese beiden Sichtweisen vereinbar? Wie können wir einen Standpunkt entwickeln, der den jeweils anderen bereichert? Genau danach suchen wir. Aber es ist sehr schwierig, Leute zu finden, die auf einem Gebiet wirklich kompetent sind und gleichzeitig Interesse auf dem anderen Gebiet haben. Es gibt auch nur sehr wenige, die genug umfassende Kenntnisse in den Wissenschaften mitbringen, um in der Lage zu sein, diese Art von Dialog auf einem anspruchsvollen Niveau zu führen. Aber es ist eine faszinierende Leistung und eine Tradition, die wir pflegen wollen."

(George V. Coyne, Bis 2006 Direktor des Observatoriums in Castel Gandolfo, "Gott, der Mensch und die Wissenschaft, Pattloch 1997, ISBN 3-629-00813-5")

Siehe auch: Rev. George V. Coyne, SJ on Science and Religion - Vimeo (bitte anklicken).

"Es ist müßig davon zu reden, dass wir Seelen für Gott gewinnen wollen. Ist Gott so hilflos, dass er nicht von sich aus Seelen für sich gewinnen könnte? Religion ist immer die persönliche Angelegenheit jedes einzelnen".
(Mahatma Gandhi, ind. Politiker u. Reformator, 1869-1948)

 

 

Naturwissenschaft und Religion: Ein kurzer geschichtlicher Abriss.

 

Nature and Nature’s Law lay hid in the night / God said, let Newton be, and all was Light. (Alexander Pope) - Die Natur und ihre Gesetze lagen im Dunkeln verborgen . Gott sprach, es werde Newton, und alles ward Licht.

Das europäische Mittelalter gilt als beherrscht von der christlichen Religion; gleichzeitig wurde jedoch gerade hier, vor allem durch die Rezeption der Schriften des Aristoteles, der Grundstein für die moderne Wissenschaft gelegt. Tatsächlich fallen zahlreiche Universitätsgründungen in diese angeblich so finstere Epoche. Freilich musste die Vereinbarkeit jeglicher Erkenntnis mit der Heiligen Schrift belegt werden, was zu endlosen Auslegungsdebatten führte, die stets um die Frage kreisten, ob man die Bibel nun wörtlich zu nehmen oder im übertragenen Sinne aufzufassen habe – eine Fragestellung übrigens, die weit in die Neuzeit hineinwirkt. So hatte z. B. die Debatte über und mit Galileo Galilei dieses Problem zum Zentrum; noch in der Enzyklika Humanae generis von Pius XII  von 1950  ging es um die Vereinbarkeit des Darwinismus mit der Bibel.

Die großen Wendepunkte der Wissenschaft sind zugleich Relativierungen der religiösen Weltanschauung und Kränkungen des menschlichen Selbstbildes: Mit Nikolaus Kopernikus verliert die Erde ihre zentrale Stellung im Kosmos; mit Isaac Newton wird das Sternensystem zu einem selbstlaufenden Mechanismus, in dem Gott als Uhrmacher und der Mensch als Rädchen zurückbleiben; mit Charles Darwin stehen die Schöpfung und die menschliche Sonderstellung in Frage.

Diese Revolutionen haben den sukzessiven Aufstieg der Naturwissenschaften und eine Säkularisierung der Religion zur Folge, die mehr und mehr „vernünftig” zu werden sucht, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Der Widerspruch bleibt dennoch bestehen: So ist das Newton’sche Uhrwerk zwar mit der Idee eines Schöpfers (Uhrmachers) vereinbar, dessen Rolle wird jedoch frühzeitig als eine allzu neutrale bemängelt.

 

Kant und der klassische Dualismus.

 

Wissenschaft ist nur eine Hälfte. Glauben ist die andere. (Novalis)

Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion blieb nach den ersten Stürmen  der Aufklärung lange Zeit eines der gegenseitigen Anpassung: Die Theologen versuchten fleißig zu integrieren und die Wissenschaftler waren selbst religiös. Dieses Bedürfnis ist bis heute nicht verschwunden und findet seine theoretischen Protagonisten (z. B. Alister E. McGrath; Professor Oxford, Kirchengeschichtler, Physiker: "Naturwissenschaft und Religion" - Herder 2001, ISBN 3451220080 - "Der unbekannte Gott", "Der Weg der christlichen Theologie" u. a.).

Mit der Aufklärung entstand jedoch auch eine wachsende ideologische Richtung, deren Ziel es war, die Wissenschaft vom Ballast der Religion zu befreien. Die Existenz Gottes und des religiösen Empfindens wurde nach und nach als irrelevant für die Erkenntnis und den Umgang mit der Welt betrachtet. Der klassische Dualismus zwischen Glauben und Wissen wurde von Immanuel Kant zum Prinzip erhoben. Für ihn sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit außerhalb unserer Vernunfterkenntnis, sie sind transzendent und damit nicht erfahrbar. Die ihm zugerechnete „kopernikanische Wende” in der Philosophie trennt in eine Realität aus Dingen, die messbar, empfindbar und kausal in Raum und Zeit sind, und einem Ganzen, welches nur Vorstellungswelt des Ich ist. Damit war der Weg frei für eine Wissenschaft und eine Religion, die unbelästigt nebeneinander existieren konnten. In der Praxis entfaltete dieser Dualismus seine eigene Konsequenz: Während die Naturwissenschaft zu einer „objektiven Wahrheit” stilisiert wurde, an die jeder Einzelne glaubt, auch ohne es wirklich zu wissen, wandelte sich die Religion in unseren Breitengraden tendenziell zur Privatsache, bis der 11. September 2001 und seine Folgen in erschreckender Weise eine unselige Verquickung von Religion und Politik erneut deutlich machten, und seither niemand mehr so tun kann, als sei Religion Privatsache und ohne Auswirkungen auf das Zusammenleben von Menschen, Völkern und Nationen.

 

Die »natürliche« Religion gegen die »unnatürliche« Wissenschaft

 

"Wissenschaft ist für den menschlichen Geist im selben Maße »unnatürlich«, wie Religion »natürlich« ist." (Robert McCauley, Philosoph)

 

Den Angehörigen westlicher Gesellschaften ist die Frage "Wie können Menschen glauben?" am geläufigsten in der Fassung: "Wie können Menschen an übernatürliche Akteure glauben, wenn es doch die Naturwissenschaften gibt?" Die Religion im Gegensatz zur Naturwissenschaft, ja zu beliebigen anderen Dingen zu betrachten ist kein sinnvoller Ansatz, weil gar nicht ausgemacht ist, dass es so etwas wie "die Religion" in abstracto überhaupt gibt.    

Es gibt lediglich eine Vielzahl von Vorstellungen, denen Menschen anhängen, eine Vielzahl von Kommunikationsakten, die ihnen mehr oder weniger Plausibilität verleihen, eine Vielzahl von Schlussfolgerungen, die in vielen Kontexten bereitgestellt werden.

Aus demselben Grund ist es verfehlt, von "der Wissenschaft" zu sprechen, als wäre sie ein in der Welt vorhandenes reales Objekt. Auch Wissenschaft ist ein Stück Kultur, nämlich ein Bereich, in dem eine Anzahl von Menschen sich zufällig mit denselben Vorstellungen befasst. Wissenschaft als solche gibt es nicht; es gibt nur eine große soziale Gruppe, deren Mitglieder bestimmten Tätigkeiten nachgehen, über einen bestimmten, in der wissenschaftlichen Literatur gespeicherten Datenbestand verfügen und diesen Datenbestand in einer bestimmten Form vermehren oder modifizieren. Was also meinen wir, wenn wir den Streitfall »Wissenschaft gegen Religion« vor uns haben?

Betrachten wir uns z. B. den Datenbestand. In den westlichen Gesellschaften nahm die Auseinandersetzung um Religion und Wissenschaft eine besondere Wendung, weil es hier nicht einfach eine dogmatische Religion, sondern eine dogmatische Religion mit Monopolstellung gab, die den großen Fehler beging, sich in empirische Realaussagen einzumischen und uns mit einer Vielzahl besonders präziser, offizieller und offiziell verbindlicher sowie angeblich durch die Offenbarung sanktionierter Aussagen über Kosmos und Biologie zu versorgen, die, wie wir heute wissen, falsch sind. Jedes Mal, wenn die Kirche ihr eigenes Bild von dem, was in der Welt geschieht, vorlegte und wenn es gleichzeitig zum selben Thema eine wissenschaftliche Alternative gab, hat diese sich als die bessere erwiesen. Jede Schlacht wurde von der Kirche verloren und zwar unwiderruflich. Das ist natürlich recht peinlich. Einige wenige fahren dennoch frohgemut fort, das Geschehene auszublenden und in einer Phantasiewelt zu leben, in der die biblischen Quellen als brauchbares Instrument zum Erwerb geologischen und paläobiologischen Wissens gelten. Aber das erfordert allerlei Anstrengung. Die meisten religiösen Menschen in westlichen Gesellschaften halten sich lieber an die Vorbehaltsklausel, Religion sei schließlich ein Spezialgebiet und befasse sich mit Fragen, die die Wissenschaft niemals werde beantworten können. Dies dient dann häufig als Fundament für eine höchst nebulöse Alltagstheologie, der zufolge Religion die Welt "schöner" oder "sinnvoller" macht oder sich den "letzten" Fragen widmet (was immer man auch darunter versteht).

Eine andere Form der Konfliktvermeidung ist der - besonders bei Wissenschaftlern beliebte - Versuch, eine "gereinigte" Version der Religion in die Welt zu setzen, eine metaphysische Lehre, die manche Anteile religiösen Denkens beibehält (es gibt eine Schöpferkraft; sie ist für uns nur schwer erkennbar; sie erklärt, warum die Welt so und nicht anders ist usw., aber jede Spur peinlichen Aberglaubens beseitigt. (Siehe oben unter 4.)

Ist eine solche Religion mit Wissenschaft vereinbar? Natürlich, denn dafür wurde sie ja gemacht. Hat sie Aussichten, zu etwas zu werden, was wir mit dem Namen Religion bezeichnen? Wohl kaum. In der wirklichen Geschichte der menschlichen Gemeinschaften hat man sich religiöse Gedanken gemacht, weil der jeweilige praktische Kontext kognitive Aufgaben stellte. Diese Gedanken leisten etwas. Sie liefern relevante Kommentare zu Situationen wie Tod oder Geburt oder Eheschließung usw. Metaphysische "Religionen", die sich mit derlei menschlichen Zwecken und Interessen die Hände nicht schmutzig machen mögen, lassen sich kaum besser verkaufen als ein Auto ohne Motor.

Aber gestritten wird nicht nur um den Datenbestand. Die Naturwissenschaften haben nicht nur gezeigt, dass manche religiösen Geschichten über die Entstehung der Planeten entschieden hinter der Norm zurückbleiben; sie haben mehr noch den Blick darauf gelenkt, dass die Religion als Mittel der Erkenntnis grundsätzlich drastische Mängel aufweist und dass es eine bessere Methode gibt, um objektive Informationen über die Welt zusammenzutragen.

Religiöse Vorstellungen greifen stets auf mentale Systeme zurück, die es auch ohne Religion gäbe. Religion ist also etwas ganz "Natürliches", weil sie etwas "Wahrscheinliches" ist. Angesichts der mittlerweile herausgebildeten Anlagen unseres Denkens, angesichts der Art, wie wir in Gruppen leben, mit anderen Menschen kommunizieren und zu Schlüssen gelangen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass in allen menschlichen Gemeinschaften religiöse Vorstellungen mit gruppenspezifischen äußeren Merkmalen anzutreffen sind.

Im Gegensatz dazu ist wissenschaftliche Tätigkeit, wie der Biologe Lewis Wolpert schreibt, gemessen an unseren kognitiven Anlagen einigermaßen "unnatürlich". Unsere intuitiven Erkenntnissysteme beruhten auf Axiomen, die von der wissenschaftlichen Forschung als kaum überzeugend entlarvt wurden. Deshalb ist die Aneignung wissenschaftlicher Daten in aller Regel schwieriger als die Aneignung religiöser Vorstellungen.

Das Besondere bei der Aneignung wissenschaftlicher Kenntnisse liegt in der dabei geforderten Kommunikationsform, d. h.: nicht bloß in der Arbeitsweise des Einzelverstandes, sondern auch in der Art und Weise, wie der Verstand anderer Menschen auf die übermittelte Information reagiert. Wissenschaftlicher Fortschritt verdankt sich einer sehr abseitigen Form sozialer Interaktion, bei der einige unserer Motivationssysteme (einerseits der Wunsch, Ungewissheit abzubauen, andere Menschen zu beeindrucken, sich Sozialprestige zu verschaffen, andererseits der ästhetische Reiz der Erfindungsgabe) für Zwecke herangezogen werden, die sich erheblich von ihren evolutionären Voraussetzungen unterscheiden. Das heißt  mit anderen Worten, wissenschaftliche Tätigkeit ist sowohl kognitiv als auch sozial etwas äußerst Unwahrscheinliches, und eben deshalb wurde sie von nur wenigen Menschen an wenigen Orten innerhalb eines winzigen Abschnitts unserer Evolutionsgeschichte entwickelt".

(Pascal Boyer "Und Mensch schuf Gott", Klett-Cotta 2002)

 

Die Wissenschaft als Religion.

 

Mein Großvater predigte das Evangelium Christi. Mein Vater predigte das Evangelium des Sozialismus. Ich predige das Evangelium der Naturwissenschaft. (Epitaph für Sir Richard Gregory, Professor für Astronomie.)

Für den Alltagsmenschen ist die Wissenschaft längst zur Glaubenssache geworden; hoch spezialisierte Koryphäen behaupten und beweisen etwas, das dem gewöhnlichen Verstand häufig nicht mehr nachvollziehbar ist. Der ungebildete Einzelne kann weder erklären, warum sich die Erde um die Sonne dreht, noch findet er "Quarks" im Quark. Naturwissenschaft und Technik prägen zwar sein Leben, sind jedoch zu etwas Vorgegebenem geworden, so selbstverständlich wie zuvor die Universalität Gottes. Zugleich schwelgen einzelne Wissenschaftler in Allmachtsphantasien, ob sie nun als Gentechnologen den „neuen Menschen” schaffen oder als Physiker die „Formel des Universums” finden. Schon 1980 postulierte Stephen Hawking das Ende der Physik, weil fast alle Rätsel des Universums gelöst seien; im Jahr 2000 wiederum erklärten Gentechnologen die Evolution für kontrollierbar (Frank Schirrmacher).

Für Religion scheint in diesem Rahmen kein Platz mehr zu sein, es sei denn für die vereinzelten Einzelnen, die an dieser Allmacht des Wissens nur noch passiv teilhaben, die also die technologischen und ökologischen Folgen ausbaden dürfen, mithin zum Anhängsel degradiert und – nach Aussage der hohen Herren – durch Roboter ersetzbar sind. Offensichtlich bedürfen Sie des Trostes durch Religion und Ersatzreligion umso mehr, je weniger sie im Wissensgetriebe wichtig sind. Die Tatsache, dass Religion und Gott, Moral und Wertverständnis nun auch bei den Naturwissenschaftlern wieder en vogue sind, verweist jedoch auf eine grundsätzlichere Verunsicherung dieser allwissenden Männer.

 

Die Verunsicherung des wissenschaftlichen Weltbildes.

 

Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich. (Friedrich Dürrenmatt)

Wenn von der Trostfunktion religiösen Empfindens die Rede ist, so darf nicht vergessen werden, dass auch Wissenschaftler Menschen sind. Wie alle anderen auch, empfinden sie sich ebenso häufig als Rädchen im Getriebe industriell betriebener Forschung, beschäftigen sich Tag um Tag mit der langweiligsten „Flohknackerei” und sind im Privaten ebenso orientierungslos. Wissenschaft ist allzu oft bloß Teil einer „instrumentellen Vernunft”, deren Ergebnisse für Zwecke genutzt werden, die dem Forscher selbst schleierhaft sind. Auf der Suche nach dem Sinn und den Grenzen der eigenen Tätigkeit bildet die Religion zumindest eine Möglichkeit.

Hinzu kommt die Tatsache, dass die Wissenschaftstheorie inzwischen registriert hat, dass Unmengen vermeintlich objektiven Wissens sich in ständigen Brüchen zum Abfall der Geistesgeschichte gewandelt haben. Schon einmal, eine Jahrhundertwende vorher, hatten die Physiker, ähnlich wie nach ihnen Stephen Hawking, die Theorie für fertig erklärt und mussten hernach feststellen, dass ihre mechanistischen Auffassungen durch die Erkenntnisse der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie zu veraltetem Halbwissen degradiert wurden. Der Mathematiker Roger Penrose hält vergleichbare Umwälzungen auch heute für möglich. Seiner Meinung nach ist „unser heutiges Bild der physikalischen Realität reif für einen totalen Umbruch – größer vielleicht als der, der schon durch die moderne Relativitätstheorie und Quantenmechanik eingetreten ist” (zitiert nach Stephen Hawkings Kleiner Geschichte der Zeit). Diese diametral entgegen gesetzten Erwartungshaltungen zeigen deutlich die Verunsicherung des wissenschaftlichen Weltbildes.

Verbindet man die wissenschaftsimmanenten Zweifel mit der persönlichen Verunsicherung und nimmt die öffentliche Kritik an der mangelnden sozialen Verantwortung hinzu, so erhält man das Bild einer Kaste von Forschern, die zwar einerseits immer objektive Wahrheit behaupten muss und leicht in Überheblichkeit verfällt, zugleich jedoch verzweifelt nach einem Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen und natürlichen Ganzen sucht. Die Rückwendung zur Religion, aber auch zu einem esoterischen Mischmasch wie bei Fritjof Capra (angesichts einer rationalisierten Religion fast schon verständlich), von Hans-Peter Dürr um Verantwortungsappelle ergänzt, ist  eine eher vage Möglichkeit. Eine andere wäre, die Forschung von ihrer Selbstzweckgebundenheit  und Instrumentalisierung zu lösen und von vorneherein in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Eine Instanz, die fragen dürfte, welche wissenschaftlichen Gegenstände jenseits von Verwertungszwang und individuellem Größenwahn noch Sinn machten, indem sie schlicht menschliches Leben erleichterten, gibt es freilich nicht. Zunächst einmal wäre es jedoch notwendig, dass die Religionen selbst die zwischen ihnen anstehenden Fragen im Dialog klären, um deutlich zu machen, dass sie ihren Gott, Brahman, den Himmel, das Tao,  weder den Militärs, noch den Terroristen überlassen wollen, all denen also, die aus ihrer Religion eine Waffe machen.

Unter Verwendung einer Abhandlung von: (Jürgen Erdmann) Aus Encarta Online, (außer: Die »natürliche« Religion gegen die »unnatürliche« Wissenschaft).

 

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Merke: "Jeder vernünftige Verstand beginnt mit einem lebensbejahenden Atheismus. Er befreit die Seele von Aberglauben, Schrecken, Duckmäusertum, gemeiner Willfährigkeit und Heuchelei und schafft Raum für das Licht des Himmels".
(George Bernard Shaw, brit. Dichter, 1856-1950)

 

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