Glauben oder Ideologie?

 

"Es ist nicht verwunderlich, dass sich gerade die freieren Geister... mit Grausen vom Christentum und von der Kirche insgesamt abwenden".

(Hermann Detering, Theologe)

 

Stellt sich ein neutraler Beobachter heute die Frage, was die christliche Kirche außerhalb ihres sozialen Engagements noch darstellt, so erhält er als Antwort eine diffuse, nicht mehr auflösbare Mischung aus biblischem Fundamentalglauben, frühkirchlicher Dogmatik, augustinischer Weltsicht, mittelalterlicher Scholastik, moderner, mehr oder weniger plausibel erscheinender Exegesen, jesuanischer und marianischer Folklore, je nach Konfession, untermauert durch entsprechendem, auf die emotionalen Bereiche abzielenden Gebet- und Liedgutes, kindlich naiver Gottesvorstellungen, abergläubischer Volksfrömmigkeit, mechanistischem Gottesdienstvollzug in ständig wiederkehrenden Ritualen und Liturgien (vom griech. leitourgia = Dienst am Volk) und einer lebenslangen, subtilen Indoktrination, beginnend im Kindergartenalter mit vorschulischer Kinderkirche, gefolgt von Kinder- und Schulgottesdiensten, des weiteren Religionsunterricht und Sonntagsschule (sprich allgemeinem Gottesdienst) und der Ausgestaltung von Schwellenereignissen im Leben, den sog. Kasualien wie: Taufe, Initiation (Firmung, Konfirmation), Hochzeit und Begräbnis. In neuerer Zeit kommen zunehmend Elemente fernöstlicher Religionen hinzu, welche, aus ihren tausendjährigen Traditionen herausgelöst und ihres kulturellen Rahmens beraubt die christliche Religion mehr und mehr verwässern, ja degradieren und lediglich eine Zwischenstation sind, zur esoterischen Beliebigkeit und zwar im Sinne der negativ besetzten Esoterik, die man sich beim Buchkiosk an der Ecke kaufen kann. Am Schluss steht eine multirituelle, multikulturelle und multispirituelle Kakophonie, ein religiöser Relativismus, und tatsächlich gibt es ja schon längst kein einheitliches Christentum mehr, sondern nur noch individuelle Christentümer in 330 Sekten, Konfessionen und Teilkirchen, mit zusätzlichen regionalen und gemeindlich-individuellen Ausprägungen..

Dazu Kardinal Ratzinger kurz ehe er Benedikt XVI wurde in seiner Predigt zur Eröffnung des Konklaves, welches ihn dann zum Papst wählte:

..."Wie viele verschiedene Glaubenslehren haben wir in den vergangenen Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Richtungen und wie viele Denkweisen (...) Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen geschüttelt und dabei von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter. Jeden Tag werden neue Sekten geboren und dabei verwirklicht sich, was der Heilige Paulus über die Täuschung der Menschen sagt (...). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgetan. Während der Relativismus, bei dem man sich von einer Glaubenslehre zur anderen hinreißen lässt, als die einzige, den heutigen Zeiten entsprechende Verhaltensweise erscheint. So entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als das letzte Maß aller Dinge nur das eigene Ich und dessen Gelüste versteht" ...

Nun verurteilt Papst Benedikt zwar den religiösen Fundamentalismus in jedweder Form: "Papst Benedikt XVI. hat am 14.09.2012 jedwede Form von religiösem Fundamentalismus verurteilt. Dieser sei eine "Verfälschung der Religion", sagte er am Freitag während seines Flugs nach Beirut vor Journalisten. Religion müsse stets gegen Gewalt und für Frieden und Solidarität eintreten". (Kipa/apic.ch)

Dies ist jedoch seine eigene, auf Gewalt einengente Interpretation von Fundamentalismus.  Anscheinend folgt er hier dem französischen Islamwissenschaftler Oliver Roy, der im Islamismus unter anderem einen militanten Islamismus (oder islamistischen Terrorismus) und einen Neofundamentalismus unterscheidet, während Benedikt den christlichen Fundamentalismus ausklammert.

 

Fakt ist eher was Eugen Drewermann feststellt: "Heute werden etwa 80 Prozent der Bevölkerung, egal, ob sie formell noch zur Kirche gehören oder nicht, von der kirchlichen Verkündigung eher abgeschreckt als angelockt. Die Kirche als beamtete Institution tut nicht, was Jesus wollte und was die Menschen brauchen - das ist der allgemeine Eindruck; sie verwaltet im wesentlichen nur noch sich selbst, vor allem ihre beachtlichen Immobilien und Ländereien; sie redet eine unverständlich gewordene Sprache; ihre "Gottesdienste" beeindrucken als feierlich kostümierte Langeweile; und nicht zuletzt: Die Kirche scheint zu einer anonymen Behörde entartet, die sich eher an großen Mitgliederzahlen als an den Nöten und Fragen der einzelnen interessiert zeigt. Mit ihren fertigen dogmatischen Formeln, ausgefeilt in Jahrhunderten, verfügt sie nicht mehr über die Kraft, Menschen in den entscheidenden Fragen des Lebens Halt und Orientierung zu geben.

So geht derzeit ein Bruch durch die Generationen. Die Eltern können in der Kirchensprache ihren eigenen Kindern nicht mehr sagen, was sie tröstet angesichts von Krankheit, Unrecht und Tod, und was ihnen weiterhilft, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Der Kirchenbesuch schon der Achtjährigen gerät selbst am Ostermorgen in den noch verbliebenen kirchentreuen Familien zu einer Frage der Macht von Tradition und Elternautorität - nicht mehr des Glaubens; und 18jährig geworden, werden auch die Noch-Kirchgänger wie selbstverständlich wegbleiben... es war (und ist) die Uneinsichtigkeit der kirchlich verordneten Starre selbst, die Generation für Generation mit ihrem bizarren Wunderglauben und aberwitzigen Fundamentalismus eine Vielzahl nachdenklicher junger Menschen von sich wegtreibt".

 

Es gibt sie aber heute noch, die restlichen 20 Prozent gläubiger, kirchentreuer Gefolgsleute, zusammen eine erkleckliche Zahl, und sie sind - sancta simplicitas - meist auch gutgläubige Menschen, welche einen idealen Nährboden für Ideologen abgeben. Wer einige Semester den lieben Gott studiert hat, muss wohl besser wissen was für einen anderen zum ewigen Heil und Frieden notwendig ist.

Vertrauensvoll akzeptiert der Gläubige, ohne zu fragen, zumindest auf der Entwicklungsstufe der restlichen noch kirchlich Gebundenen, was die Priester ihn zu glauben und zu tun lehren.  (Stufen des Glaubens à

Dabei nutzen Gottes Stellvertreter auf Erden die Sehnsucht der Menschen nach Geborgenheit, Güte und Gerechtigkeit, oftmals basierend auf Unwissenheit, sowie die Angst und Unsicherheit ihrer Schäfchen aus. Arthur Schopenhauer verglich die Religionen einst mit Leuchttürmen, die der Dunkelheit bedürfen, um zu leuchten. Für die Priester ist es geradezu eine Notwendigkeit, dass diese Dunkelheit erhalten bleibt. Beim mehr aufgeklärten Menschen wird versucht, durch Hinweise auf den Tod und das göttliche Gericht Verunsicherung zu erzeugen – so lange, bis er  sich von Gewissensbissen ob seiner Sündenlast bedrückt fühlt, sodass übernatürliche Erlöser notwendig werden, um ihn zu entlasten.

Kraft Amtes  und Kraft der offenbarten Verheißung:  "Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet denen sind sie nachgelassen, welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten", sind es dann natürlich die Priester wieder selbst, die ihre Gläubigen erlösen: die Freude am Diesseits haben sie bereits vielen vergällt, um die Lust am Jenseits zu erhöhen. Dabei besteht, wenigstens für die kritische Theologie,  darüber weitestgehende Übereinkunft, dass der christliche Erlösungsglaube nicht von Jesu stammt. "Wie tief sich auch diese Lehre unter den Christen eingebürgert hat", schreibt der protestantische Theologe Eduard Grimm, "so hat doch der wirkliche Jesus nichts davon gewusst."

Doch die gestörte Vernunft seiner Nachfolger fand  "... eine geradezu schrecklich absurde Antwort: Gott gab seinen Sohn zur Vergebung der Sünden, als Opfer. Wie war es mit einem Male zu Ende mit dem Evangelium! Das Schuldopfer, und zwar in seiner widerlichsten, barbarischsten Form, das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches schauderhafte Heidentum! - Jesus hatte ja den Begriff "Schuld" selbst abgeschafft, - er hat jede Kluft zwischen Gott und Mensch geleugnet, er lebte diese Einheit von Gott und Mensch als seine "frohe Botschaft" ... Und nicht als Vorrecht! - Von nun an tritt schrittweise in den Typus des Erlösers hinein: die Lehre vom Gericht und von der Wiederkunft, die Lehre vom Tod als einem Opfertode, die Lehre von der Auferstehung, mit der der ganze Begriff "Seligkeit", die ganze und einzige Realität des Evangeliums, eskamotiert ist - zugunsten eines Zustandes nach dem Tode...

...Ich würde ja gerne an die Erlösung glauben - wenn die Erlösten nur etwas erlöster aussehen würden!" 

 (F. Nietzsche, dt. Philosoph , 1844 - 1900)

 

Und Carl Gustav Jung findet die Art, wie in der Kirche von Gott gepredigt wird, deswegen als schamlos, weil dort "in aller Öffentlichkeit der kirchlich interpretierte, angebliche Wille Gottes verkündet wird, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass das Geheimnis der Gottesoffenbarung in den persönlichen Bereich innerster und innigster Gewissheit gehört". Jung kommt zum Schluss, dass anscheinend nicht einmal der Pfarrer um das Gottesgeheimnis weiß, denn sonst würde er es nicht wagen, dieses öffentlich weiterzugeben und "die unsäglichen Gefühle mit abgeschmackten Sentimentalitäten zu profanieren".

Die Pfarrer, nicht selten selbst Opfer ihrer Erziehung und aus diesem Grunde ohne es zu realisieren, stehen im Dienste einer Ideologie, die sich des "Glaubens" der einfachen Leute bedient.

 

"Theologie ist der professionalisierte und institutionalisierte Missbrauch der Vernunft im Dienste des Glaubens."

(Hans Albert, dt. Philosoph und Sozialwissenschaftler, *1921)

 

 

Exkurs; "Meinen, Glauben, Wissen"

 

"Das Fürwahrhalten, oder die objektive Gültigkeit des Urteils, in Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objektiv gilt), hat folgende Stufen: Meinen, Glauben und Wissen.

Meinen ist ein mit Bewusstsein  sowohl subjektiv als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten.

Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben.

Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende Fürwahrhalten das Wissen.

Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die objektive Gewissheit  (für jedermann)".

(Immanuel Kant, KrV B 865).

D. h. wenn wir etwas nur meinen, so sind wir bereit, unsere Meinung auch zu revidieren, falls sich durch eine Evidenz, die uns etwas anderes meinen lässt, oder durch einen Beweis, der das Meinen in einen Glauben oder gar ein Wissen überführt, unsere Überzeugung ändert. Das Meinen beinhaltet immer auch die Möglichkeit der Täuschung, bezieht sich auf eine gegenwärtige Situation und beansprucht weder subjektive noch objektive Geltung.

Ziehen wir das Wissen vor: Nach Kant beinhaltet das Wissen die apodiktische (unwiderlegbare) Gewissheit der Wahrheit. Im theoretischen Bereich muss sie beschränkt bleiben auf Mathematik und Logik, wobei der transzendentalen Logik und ihren synthetischen Sätzen a priori besondere Bedeutung zukommt  (durch die Trennung in eine Realität aus Dingen, die messbar, empfindbar und kausal in Raum und Zeit sind, und einem Ganzen, welches nur Vorstellungswelt des Ich ist). Im praktischen Bereich bezieht sich die Möglichkeit des Wissens auf das Sittengesetz, welches (angeblich) verankert ist im Bewusstsein  (der Erfahrung) eines moralischen Sollens, wobei das jeweils "Gewusste" subjektive und objektive Gültigkeit beansprucht. (Für diesen Anspruch gilt natürlich die immer limitierend eingreifende Dimension der Intersubjektivität, dass z. B. die Evidenz meines Wissens für einen anderen durchaus nicht evident sein muss).

Im Glauben ist das Individuum zwar der subjektiven Überzeugung, dass ein Urteil wahr sei, aber objektiv kann es das nicht beweisen oder ausweisen. Auch gibt es innerhalb des Glaubens graduelle Unterschiede, welche je nach seiner Stärke zu Handlungen oder deren Unterlassungen führen. Kant spricht von einem "pragmatischen" Glauben, gegen den er den "doktrinalen" Glauben abhebt. Der pragmatische Glauben lässt sich von der Objektivität im Prinzip korrigieren, der doktrinale Glauben (im kirchlichen Bereich der dogmatische Glauben) besitzt eine solche Korrekturmöglichkeit nicht. Mit dem doktrinalen - dogmatischen Glauben ist immer das Bestreben verbunden, andere überzeugen zu wollen und dem Glauben einen Platz im Objektiven zu zuweisen, der ihm dort per se verwehrt ist. In dieser Hinsicht ersetzt ein glühendes Bewusstsein von der Richtigkeit des eigenen Glaubens, da es sich als nur subjektiv weiß, die pragmatische Vernunft durch missionarische Sendung und Fanatismus und erfüllt damit die Kriterien der Ideologie und des Fundamentalismus.

Siehe hierzu:

Fundamentalismus, Christlicher Fundamentalismus, Neofundamentalismus (Islam).

 

 

Kriterien zur Beurteilung einer Ideologie:

 

Der Terminus   „Ideologie“ wird in der Regel im politischen, gesellschaftlichen, staatlichen oder zwischen- und /oder überstaatlichen Bereich verwendet, „Glauben“ (als dogmatischer Bekenntnisglauben)   in seiner religiösen Bedeutung  im kirchlichen Bereich. Beide Begriffe beinhalten  folgende Elemente:

 (Beispiele in Klammern auf den christlichen, dogmatischen Bekenntnisglauben bezogen):

  1. Die Philosophie, eine Weltanschauung für die breite Masse, die neben einer allgemeinen Seins- und Entstehungslehre in einer spezifischen Geschichtsdeutung unter anderem folgende Wesensmerkmale beinhaltet:
    1. Elitebildung (Auserwähltes Volk, Auserwählte im Herrn durch Glauben).
    2. Mythos und Irrationalität, eingebunden in Dogmen die das „Heilige“ verkörpern,  welches dann formelhaft in ständig wiederkehrenden Ritualen zu bekennen ist. ("Gottes"-dienst mit Glaubens- und Schuldbekenntnissen und sonstigen formelhaften gemeinschaftlich gesprochenen Zugeständnissen und Versprechungen  in  instrumentalisierten  und mechanisierten Sonntagsgottesdiensten).
    3. Exklusivitätsanspruch, meist verbunden mit Intoleranz (allein selig machender Glauben, alleinige Kirche, alleiniger Heilsweg; z. B. Erklärung "DOMINUS IESUS" über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche).
    4. Schutz und Absicherungs- sowie Disziplinierungsmaßnahmen (z. B. theoretisch: Antichrist, falsche Propheten, ewige Verdammnis; praktisch: Inquisition, Sündenbekenntnis und -vergebung,  Strafversetzung, Exkommunikation, Entzug der Lehrerlaubnis, "Redemptionis Sacramentum"), (liturgische Instruktion zur Eucharistie).
  2. Die Eschatologie, Lehre von den letzten Dingen, vom Weltende, verbunden mit einer Heilsverheißung, einer Vertröstung auf bessere Zeiten (Auferstehung von den Toten, ewiges Leben, neues Jerusalem, Beginn des Gottesreiches).
  3. Die Mission, der sendungsbewusste, teils kämpferische  Willen zur Durchsetzung der Weltanschauung auf die Heilsverheißung hin, sowohl  unter Anwendung von Gewalt und Zwangsmaßnahmen, als auch mit den Waffen des „Geistes“; (durch Appell an das „Heilige“ oft mit Fanatismus verbunden).

Man möge die Ideologien des 20. Jahrhunderts einschließlich der amerikanischen "Bush-Doktrin" auf das obige Muster hin überprüfen.

Das explosive Gemisch aus den geschilderten Elementen hinterlässt denn auch in jeder Ideologie grauenhafte Blutspuren in der Menschheits-Geschichte, die bis in unsere Tage hinein religiös motiviert sind, ja ständig  wieder an Gewicht zunehmen, denn zweifellos sind die Religionen seit Ende des 20. Jahrhunderts entgegen allen Erwartungen zu einem weltweiten, soziokulturellen Phänomen und zu einem mächtigen Mitspieler auf der Bühne der Politik geworden. Parallel zur ökonomischen, kommunikativen und politischen Globalisierung sind wir in allen Kulturen und Ländern mit einer rasant sich ausbreitenden Hinwendung zu religiösen Glaubensinhalten konfrontiert. Jedoch sind an Stelle früherer Visionen und Utopien von "idealen" Gesellschaften nun die endzeitlichen Heilsversprechungen der Religionen von einer vollkommenen Welt getreten: statt eines sozial-revolutionären Führers erwarten nun Millionen das Erscheinen eines militanten Messias, der sie mit Gewalt ins Paradies bombt. Mittlerweile hat dieser „moderne", weltweit agierende Fundamentalismus eine eigene „politische Theologie" entwickelt, die je nach religiöser Ausrichtung variiert, die aber im Kern sehr ähnliche Ziele mit verblüffend ähnlichen Mitteln verfolgt. (Siehe dazu: Victor und Victoria Trimondi "Die Apokalyptische Matrix - Kommt es zu einem Krieg der Religionen?")

Hinsichtlich der Blutspur in der Geschichte der christlichen Kirchen durch Schuld, Mitschuld und Unterlassensschuld gilt es stets und ohne Verdrängung wach zu halten, zu was Fundamentalismus, Intoleranz und falsch verstandene „Heiligkeit“ (Heilige Kriege) fähig sind,  insbesondere   auch im Hinblick auf einen heutigen Missionsanspruch vor dem Hintergrund des biblischen Ideologiegehaltes und einer doch sehr rudimentären Bibelexegese.

 

"Ich bin überzeugt, dass die christliche Religion seit Konstantin mehr Menschen vernichtet hat als es heute Einwohner in Europa gibt".

(Voltaire, franz. Schriftsteller u. Philosoph, 1694-1778)

 

Kreuzzüge: 11. – 13. Jh. : bis zu 22 Mio. Tote, darunter Tausende von deutschen Juden. 

Heidenmission: 9. – 12. Jh.: Zehntausende toter Slawen und Germanen.

Inquisition: 13. – 18. Jh. Bis 10 Mio. Tote. Unzählige Gefolterte.

Juden: 11.-14. Jh. Blutige Progrome fordern Hunderttausende von Toten; Holocaust 20. Jh.  6 Mio. Tote:

"So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn". (Adolf Hitler)

"Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.. Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben ..." (Luther: Handbuch der Judenfrage, S. 233-238; Auch Streicher beruft sich bei den Nürnberger Prozessen   ausdrücklich auf Luthers Hetzreden gegen die Juden).

"Es ist eine Tatsache, dass niemals eine Verurteilung, niemals eine Exkommunizierung gegen das Regime Hitlers ausgesprochen worden ist, nicht einmal, als dieser und seine Partei in den Konzentrationslagern Millionen von Menschen umbrachten". (A. Tondi, ehemals Jesuit und Professor an der päpstlichen Gregoriana).

Ureinwohner Amerikas: In 150 Jahren nach der Eroberung durch die Spanier: „im Namen Gottes“ sterben 100 Millionen Menschen. (Leonardo Boff: der größte Völkermord aller Zeit).

Katharer, Waldenser, Hussiten, Täufer: Tausende von Toten auf Geheiß der Kirchen.

„Hexen“:  16. – 18. Jh.:  Bis 100.000 Tote.

Völkermord in Kroatien: 1941 –1943 750.000 tote orthodoxe Serben mit Billigung des  Vatikan und unter Beteiligung katholischer Geistlicher.

Behinderte: Im dritten Reich wurde eine nicht bekannte Zahl  behinderter Menschen bereitwillig aus zahlreichen kirchlichen Einrichtungen dem Euthanasie-Tod ausgeliefert. Sie mögen stellvertretend als Ankläger für die Rolle der Kirchen während dieses Zeitabschnittes stehen.

Völkermord in Ruanda: 1994 werden binnen 100 Tagen 800 000 Menschen umgebracht. Die Kirche hätte als einzige Institution die Autorität gehabt, das Blutbad an den Tutsi     zu stoppen. Doch die meisten Priester und Nonnen sahen dem Morden auch im Kirchenareal teilnahmslos zu und unterstützten teilweise die Mörder.

Das alles im Namen und vor dem Hintergrund eines liebenden Gottes. (Geheimnis des Glaubens!).

 

"Viele Menschen handeln im Namen Gottes. Nordiren jagen sich in seinem Namen gegenseitig in die Luft. Araber jagen sich in seinem Namen gegenseitig in die Luft. Imame und Ayatollahs unterdrücken in seinem Namen Frauen. Zölibatäre Päpste und Priester mischen sich in seinem Namen in das Sexualleben ihrer Mitmenschen ein. Jüdische Shohets schneiden in seinem Namen Tieren bei lebendigem Leibe die Kehle durch.

Das, was in der Vergangenheit von der Religion ausging - blutige Kreuzzüge, die Folter der Inquisition, Eroberer, die zu Massenmördern wurden, Missionare, die ganze Kulturen zerstörten, und ein bis zum letzten Moment geleisteter und gesetzlich legitimierter Widerstand gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis - ist noch verheerender. Und wozu war das alles gut?... Es war alles eine riesige Verschwendung von Zeit und Menschenleben. Man möchte meinen, das ganze sei ein Witz von kosmischen Ausmaßen, wenn es nicht so tragisch wäre".

 (Richard Dawkins 2004, geb.1941, Lehrstuhl für die Verbesserung des öffentlichen Verständnisses der Wissenschaft, Oxford University; Zoologe, Biologe, Schriftsteller, Literature Award 1997 der Royal Society und der Los Angeles Times).

 

 

Der Pfarrer muss ein bisschen Glauben bewahren; der Dekan darf über die Wahrheit in der Religion lächeln; der Bischof lacht laut auf; und der Kardinal macht selbst noch einen Witz darüber.

 

Seit ihren Gründerzeiten bis heute manipuliert die Kirche ihre eigene verkündete "Wahrheit" in PhilosophieTheologie, Glauben,  und Offenbarung und nimmt eine ganz gezielte Zweiklasseneinteilung zwischen der christlichen Elite einerseits und andererseits den Naiven und Narren vor, hatte doch schon Platon im 4. vorchristlichen Jahrhundert  ganz entschieden behauptet, Religion müsse in ihren frühen Stadien mythologisch sein, sozusagen eine 'therapeutische Lüge'; er bereits mahnt uns, sie niemals wörtlich zu nehmen.

Wunder, Märchen, Mythen und Legenden sind, wie auch die Einschaltquoten bei den heutigen Medien dieser Genres zeigen, allemal attraktiver, als die triviale Wirklichkeit (Beispiel: "Sakrileg" von Dan Brown). Und die Manipulatoren der Wahrheit haben spätestens seit Johannes Paul II gelernt, sich der modernen Massenmedien zur Verbreitung der biblischen Mythen,  die einer Verdummung der Masse der Gläubigen gleichkommt,  zu bedienen. Doch schon davor wurde die Volksverdummung (Kennzeichen aller Ideologien) mit System betrieben:

 

1.) Philon von Alexandrien (Philo Judaeus) ein Zeitgenosse Jesu Christi (25 v. – 50 n. Chr.) strebte danach, die griechisch- hellenistische Philosophie mit dem jüdischen Denken zu vereinen. In diesem philosophischen Eklektizismus (Werkschaffen, bei dem Vorhandenes, bzw. fremde Ideen verwendet werden) bemühte er sich, mithilfe  allegorischer Mittel nachzuweisen, dass die zentralen Inhalte der griechischen Philosophie bereits in den alttestamentlichen Schriften vorhanden seien und nur noch freigelegt werden müssten. Er hält an der verbalen Inspiration des Alten Testaments fest, und doch verwandelt er es durch seine Theorie der rationalen Allegorisierung  in ein moralisches und metaphysisches Märchen. Er wurde damit zur Ausgangbasis aller Schreiber biblisch allegorischer Mythen und wegweisend für die frühchristlichen Apologeten, z.B. Justin und die Kirchenväter, besonders für Origenes, sowie für den christlichen Neuplatonismus.

 

2.) Justin der Märtyrer (ca. 100 - 165 n. Chr.) bediente sich  als erster bei der Verteidigung des christlichen Glaubens gegen "Heiden und Irrlehrer" und den röm. Staat  der griechischen (also heidnischen) Philosophie und  übernahm dabei ziemlich ungeniert ganz einfach Teile der griechischen Mythologie:

"Wenn wir aber weiterhin behaupten, der Logos... sei ohne Beiwohnung gezeugt worden, nämlich Jesus Christus... und er sei gekreuzigt worden, gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen, so bringen wir im Vergleich mit den Zeussöhnen nichts Befremdliches vor... Wenn wir aber sagen, er sei auf ganz eigene Weise entgegen der gewöhnlichen Abstammung als Logos Gottes aus Gott geboren worden, so ist das, wie schon vorhin gesagt wurde, etwas, was wir mit euch gemeinsam haben, die ihr den Hermes den von Gott Kunde bringenden Logos nennt. Sollte man aber daran Anstoß nehmen, dass er gekreuzigt worden ist, so hat er auch das mit euren vorhin aufgezählten Zeussöhnen (Anm.: Hermes, Asklepios, Dionysos, Herakles) gemeinsam, die auch gelitten haben; denn von diesen werden nicht gleiche, sondern verschiedene Todesarten erzählt, so dass er auch in der ihm eigentümlichen Todesart ihnen nicht nachsteht... Wenn wir ferner behaupten, er sei von einer Jungfrau geboren worden, müsst ihr hierin eine Übereinstimmung mit Perseus zugeben. Sagen wir endlich, er habe Lahme, Gichtbrüchige und von Geburt an Siechende gesund gemacht und Tote erweckt, so wird das dem gleichgehalten werden können, was von Asklepios erzählt wird... Aber nicht deshalb, weil wir dasselbe wie sie (Anm.: die Heiden) lehren, verlangen wir Annahme unserer Lehre, sondern deshalb, weil wir die Wahrheit sagen." (Just. Apol. 1,20 ff, 23.)

So einfach ist das: Christus ist der Logos wie Hermes, er wird von einer Jungfrau geboren wie Perseus, er heilt Kranke und erweckt Tote wie Asklepios, weist eine eigentümliche Todesart vor und leidet wie andere Götter und fährt wie sie zum Himmel auf.  Bei den Urhebern ist es unwahr,  bei den Abschreibern ist es die Wahrheit.

 

3.) Bei Clemens von Alexandrien, (ca. 150 – 210 n. Chr.) dem (vermuteten) ersten Leiter der berühmten alexandrinischen Theologenschule, stand der "Erkennende" (der griechischen Philosophie und der verbotenen Schriften der Gnosis) hoch über dem einfachen Bibel - Gläubigen, wobei er die Christen in solche "erster Klasse" (Wissende) und solche "zweiter Klasse" (Glaubende) einteilte.

 

 

 

 

4.) Origenes (185 – 254 n. Chr.), sein Nachfolger an selbiger Schule und aus heutiger Sicht der hellste und begnadetste Kopf seiner Zeit, sagt unter Anlehnung an Philo und  mit Blick auf das Neue Testament der Bibel, dass sich dieses auf drei Ebenen auslegen lässt, wörtlich, ethisch und allegorisch, wobei jede nächstfolgende Lesart als "höher" aufzufassen sei. Die wörtliche Auffassung ist einfach das, was der Mythos an der Oberfläche sagt; die ethische Auffassung bereitet den Mythos rational für die Anwendung auf vorliegende ethische Fragen auf, die im Lauf der Geschichte veränderbar sind; die allegorische kann dem Mythos praktisch jede mystische oder spirituelle oder transrationale Bedeutung geben, die man nur will, vorausgesetzt, sie wird von der philosophischen Elite ausgearbeitet, damit sie nicht der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Der Begriff der Hypostase bzw. der Hypostasierung (Substantialisierung, Personifizierung abstrakter Attribute Gottes) spielt hier eine bedeutende Rolle.  Das ist also das Schema, in der heutigen Bibelhermeneutik (siehe dort) um weitere Auslegungskategorien ergänzt, (inzwischen sind es über 20), sodass nun das Goethewort sicherlich zutrifft:

"Das Märchen (der Bibel) ist Ursache, dass die Welt noch 10.000 Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstande kommt, weil es ebensoviel Kraft des Wissens, des Verstandes, des Begriffes braucht, um es zu verteidigen, als es zu bestreiten."  

(Johann Wolfgang von Goethe, dt. Dichter, 1749-1832)

 

Nochmals  zu Origenes: Ganz unverblümt verhöhnt er alle wörtlich genommenen Mythen. "Er spricht mit Verachtung von jenen Christen, welche die Versprechungen und Drohungen der Bibel wörtlich nehmen". Er glaubt nicht an das Weiterleben der Einzelseele oder des Ich, er glaubt nicht, dass das Heil in so etwas wie Fortdauer des Ich besteht - das wäre für ihn sogar die Hölle. Er glaubte nicht einmal an die Auferstehung des Leibes.  Die Evangelien sind nicht wörtlich zu nehmen, sagt er; wie soll man stoffliche Körper wieder zusammensetzen, deren sämtliche Bestandteile längst in andere Körper eingegangen sind? Zu welchem Körper gehören diese Moleküle? Da sieht man mal, bemerkt er höhnisch, in welche Tiefen des Unsinns der Mensch abzusteigen bereit ist, wenn er nur zu frommen Versicherungen wie, 'bei Gott ist nichts unmöglich', seine Zuflucht nehmen kann".

Alle jene, die Mythen wörtlich nahmen, bezeichnete Origenes als "bloß Gläubige" oder "schlichte Gemüter" (mit ein Grund für die Kirche, unter Berufung auf  Paulus den stets manipulierbaren "Glauben" zu ihrem privilegierten Sakrosanktum zu erheben und die wörtliche Deutung der Evangelien bis in den Fundamentalismus der heutigen Tage hinein fröhliche Urständ feiern zu lassen). So streng Origenes mit den Philosophen, die an "Albernheiten" glauben, ins Gericht geht, soviel "Toleranz bringt er allerdings den volkstümlichen, halb mythologischen Überzeugungen der ungebildeten Christen entgegen. Der Logos unterweist die Menschen auf je verschiedene Weise, ihren Fähigkeiten entsprechend; manche brauchen Milch, andere Fleisch." (Siehe auch 1 Kor 3,1-2).

 

5.) Von Augustinus (354 – 430) ist folgende Aussage überliefert: "Wahrlich, wäre es nicht wegen der Autorität der katholischen Kirche, so würde ich dem Evangelium keinen Glauben schenken!"  Augustinus ist der Auffassung, dass das Christentum, konkret die Kirche, sich als Autorität darstellen muss, wobei die Autorität nicht die Vernunft selbst ist, aber deren Platzhalterin für die Menschen, die in der Masse zu eigener Vernunftseinsicht nicht fähig sind. Die Kirche dient dazu, die Masse auf die Wahrheit einzuordnen (Liturgie = Dienst am Volk), und zwar auf die Wahrheit, die der Denkende durch Glauben in seinem Innern findet. Augustinus hat keine Einwände gegen ein Zweiklassensystem der christlichen Erkenntnisse: der bloße Glaube für die Masse, die Einsicht für die philosophisch Gebildeten. Erkenntnis der Wahrheit wurde bei Augustinus zur akademischen Übung,

 

6.) Thomas von Aquin (1224 – 1274 n. Chr.) beschreibt mehrere Wege und Stufen zur Erkenntnis der Wahrheit: Auf der Vernunft basierend in der Philosophie, auf der Offenbarung beruhend in der Theologie  und, daraus abgeleitet, auf der Bibel basierend in der Intuition und der Phantasie der Gläubigen. In seiner "Summa contra Gentiles" (entstanden ca. 1259-64) führt er aus: "Die Beweisführung (für religiöse Wahrheiten) ist schwierig und kann nur von Gelehrten verstanden werden; der Glaube aber ist nötig für die Ungebildeten, für die jungen Menschen und all diejenigen, denen es an Muße fehlt, sich mit Philosophie zu beschäftigen... Für sie reicht die Offenbarung."

 

7.) Bonaventura (1221 – 1274 n. Chr., einer der Favoriten Benedikt XVI) suchte, wie auch Thomas von Aquin Vernunft und Glauben miteinander in Einklang zu bringen. Er akzeptierte den größten Teil der aristotelischen Philosophie, lehnte aber deren Metaphysik als unzulänglich ab, da sich Aristoteles nicht vom Licht des christlichen Glaubens leiten ließ (Wie sollte er auch, da er im 4. Jh. vor Chr. lebte). Seiner Meinung nach solle man aber die Gläubigen nicht mit zu viel Philosophie verderben:

"Man soll also nicht so viel Wasser der Philosophie in den Wein der Hl. Schrift mischen, so dass aus Wein Wasser würde. Das wäre das schlechteste Wunder. Und wir lesen doch, dass Christus aus Wasser Wein machte, nicht umgekehrt...

Daraus wird klar, dass den Gläubigen ihr Glaube nicht mit der Vernunft, sondern mit der Schrift und mit Wundern bewiesen werden kann. In der Urkirche verbrannte man die Bücher der Philosophen [Apg. 19,19] denn man darf die Brote nicht in Steine verwandeln...

Dies ist also die Abfolge: Zuerst studiere der Mensch die Bibel nach Buchstaben und Geist, dann die Kirchenvätertexte und unterwerfe sie der Bibel. Entsprechend auch die Schriften der Universitätslehrer und Philosophen, aber vorübereilend und wie ein Dieb, nicht, als solle man dabei verweilen"!

 

8.) Dazu sollte man auch wissen, dass nicht nur die Aussage von Papst Leo X. (1513-1521) überliefert ist, bei dem das kirchliche Ablass – Unwesen seinen Höhepunkt erreichte und der auch   die Bannandrohungsbulle gegen Luther unterschrieb: "wie viel die Fabel von Christus uns genützt hat", sondern schon die des den Ursprüngen des Christentums viel näher stehenden Tertullian (etwa 150-225), dem Vater des abendländischen Christentums, dem eigentlichen Begründer des Katholizismus, der ganz offen und gleich dreimal von der »Christus-Fabel« schrieb! Und für den Papst Pius II, (1405-1464) waren die Fabeln gar Märchen: "Uns und den Unsrigen ist das Märchen vom Jesus zum Segen geworden!"
 

Anscheinend fürchtete die Amtskirche bereits ab dem 13. Jahrhundert (immerhin kündigten sich mit Albertus Magnus naturwissenschaftlich geschulte und vom Geiste Aristoteles getragene Gelehrte an), dass die biblischen Mythen aufgedeckt werden könnten, denn sie verhängte über mehrere Jahrhunderte ein Leseverbot für die Bibel. Dieses Leseverbot für Laien erging zuerst 1229 durch das Konzil von Toulouse, wurde unter Papst Julius III (1550 - 1555) bestätigt und 1564 von der Synode zu Trient abermals bekräftigt. D.h. alle deutschsprachigen Bibeln sind damals unter Lebensgefahr gedruckt worden! (Erfindung und Verbreitung des Buchdrucks 2. Hälfte des 15. Jh.). Seit dem Konzil von Toulouse 1229 gab es ein striktes päpstliches Verbot, die Bibel oder Teile daraus in irgendwelche Landessprachen zu übersetzen. Es war nur der lateinische Text der Vulgata geduldet. Selbst dann bedurften sogar Geistliche zum Bibellesen einer Erlaubnis ihrer Oberen, auch wenn es sich um kirchlich gebilligte Übersetzungen handelte. Noch 1805 wurde der spanische Pfarrer Miguel Solano zu Esco, ein betagter Mann, verhaftet und bis zu seinem Tode in einem geheimen Gefängnis der Inquisition festgehalten, weil er ohne Erlaubnis die Bibel studiert hatte.

"Die Päpste und ihre Helfershelfer waren so sehr davon überzeugt, dass ihre Macht ausschließlich auf der Unwissenheit beruht, dass sie immer wieder die Lektüre des einzigen Buches verboten haben, das ihre Religion verkündet; sie sagten: Hier ist euer Gesetz, und wir verbieten euch, es zu lesen; ihr erfahrt daraus nur, was wir euch zu lehren geruhen. Diese absonderliche Tyrannei ist unbegreiflich, und trotzdem gibt es sie. Jede Bibel in lebender Sprache ist verboten; erlaubt ist sie nur in einer Sprache, die nicht mehr gesprochen wird."

(Voltaire, franz. Schriftsteller, 1694-1778)

 

Bis zur Aufklärung im 18. Jh. musste der Bibel, bzw. den Teilen, welche man daraus als Übersetzung preisgab, dem Wortsinn nach geglaubt werden (sonst Scheiterhaufen oder Folterung) Als dies durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht mehr möglich war ging man einfallsreich und flexibel zur symbolischen Deutung über, wofür man nun aber die akademisch geschulten Dolmetscher des "Göttlichen" benötigte (Stichwort Bibelhermeneutik, bzw. – exegese).

Doch hier beweist sich nun die Sorge des Origenes als begründet, nur die philosophische (theologische) Elite zur Auslegung zu zulassen, gemessen an den Albernheiten, die einem noch heutzutage teilweise in den Kirchen serviert werden. 

 

9.) Weit weniger sensibel unterscheidet man noch heute in akademischen Kirchenkreisen, besonders bei den Kirchenhistorikern, zwischen der "christlichen Elite" und den "simplices" oder "idiotai", welche die biblischen Mythen wörtlich nehmen, da sie zur Abstraktion unfähig seien. Ein jeder kann sich dann ja selbst zuordnen  wo er hingehört, oder sich gleich nützlicheren Dingen zuwenden.

Ein  bekannter Kirchengeschichtler unserer Tage, der nach der  Lektüre des Manuskriptes "Und abermals krähte der Hahn" – eine kritische Kirchengeschichte des Kirchenkritikers Deschner († 2014) schrieb, "es habe ihn sehr gepackt", glaubte im letzten Teil des Buches eine Gefahr für die Laien zu erkennen. "Wäre das Buch", urteilte dieser Gelehrte, "nur für Bischöfe, Pfarrer und Theologen bestimmt, dann würde ich sagen: Ausgezeichnet!" Nun ging Deschner aber davon aus, dass gerade die Laien einmal in dieser Form erfahren sollten, was zumindest die Gelehrten unter den Klerikalen ja ohnehin längst wissen, obwohl auch bei den Kirchengelehrten inzwischen ein derart breites Spektrum von Meinungsverschiedenheiten zu den grundlegenden Glaubensaussagen der Kirchen und ihrer Dogmen zu finden ist (siehe Ratzingers Aussagen oben), sodass man zu dem Schluss kommen muss, dass sie Theologie nur noch aus wissenschaftlichem Interesse, ohne emotionale Beteiligung betreiben.

 Der einfache Mensch jedoch lässt sich von den christlichen Kirchen immer noch zum „Glauben“ rufen und nicht zum Denken. Das Denken wird ihm von jenen abgenommen, die im direkten Kontakt mit der Hypostase (oder besser Hypothese?) des „Heiligen Geistes" stehen, der sich jedoch schon längst als Instrument des kirchlichen Utilitarismus – der Zweck heiligt die Mittel – herausgestellt hat. Es ist an der Zeit, das auch den Einfachen zu sagen.

 

Wer im Rahmen eines Individuationsprozesses, der Personwerdung, die Schalen der konditionierten Sozialisationsprozesse ablegt, erkennt seine „Lebenslügen“, die durch Religion und Gesellschaft aufgebauten innerpsychischen Instanzen, die zu einem Teil des eigenen Daseins und der eigenen Realität wurden. Er weiß dann aber auch, dass Gott ohne Religionen, ohne Glauben, ohne Gebete und Anrufungen, ohne Ideologien auskommt. Andererseits kommen aber Religionen, Glauben, Gebete, Ideologien nie ohne Götzen aus, geschaffene oder selbst erschaffene und dann verinnerlichte Muster.

Neurobiologen fanden heraus, dass das bewusste "Ich" nicht unbedingt der Herr im Hause unseres Gehirns ist, sondern dass die unbewussten Kräfte eine erhebliche Rolle bei unserem subjektiven Realitätsverständnis spielen. Unbewusste Bilder, vor allem solche aus Kindheit und Jugend, lassen sich allenfalls in außerordentlichen Situationen verändern. Deshalb verharren erwachsene Menschen, wenn sie nichts mehr dazu gelernt haben, in ihrem Kinderglauben. (Siehe "Stufen des Glaubens") Und deshalb spielt die frühkindliche bewusste und unbewusste Erziehung eine besonders wichtige Rolle für das spätere "Wohin?"! Die frühkindliche bewusste Erziehung ist somit eine Chance für die Aufklärung breiter Massen, wahrscheinlich die einzige, um zukünftige Kriege im Namen des einen und doch so anderen Gottes und wegen eines verheißenen paradiesischen Jungfrauenstechens zu verhindern.

"Je mehr ich über die Religionsgeschichte lernte, desto mehr wurde mein früheres Unbehagen bestätigt. Die Lehren, die ich als Kind fraglos akzeptiert hatte, waren tatsächlich Menschenwerk, über einen langen Zeitraum hinweg konstruiert. Die Wissenschaft hatte den Schöpfergott offenbar abgeschafft, und Theologen hatten bewiesen, dass Jesus nie behauptet hatte, göttlich zu sein. Als Epileptikerin hatte ich blitzartige Visionen, von denen ich wusste, dass sie ein bloßer neurologischer Defekt waren: Waren die Visionen und Ekstasen der Heiligen auch nur Produkt einer Gehirnzuckung? Gott kam mir zunehmend als Abweichung vor - etwas, über das die Menschheit hinausgewachsen war...

Trotz meiner Jahre als Nonne glaube ich nicht, dass meine Erfahrung Gottes ungewöhnlich ist. Meine Vorstellung von Gott wurde in der Kindheit geformt und hielt mit meinem wachsenden Wissen in anderen Disziplinen nicht Schritt. Ich hatte den allzu schlichten Kinderglauben an den Weihnachtsmann revidiert; ich war zu einer reiferen Einsicht in die Komplexität des menschlichen Dilemmas gelangt, als dies im Kindergarten möglich gewesen war. Doch mein frühes, konfuses Gottesbild hatte sich nicht verändert oder entwickelt. Menschen ohne meinen eigentümlich religiösen Hintergrund stellen vielleicht ebenfalls fest, dass ihr Gottesbild in der frühen Kindheit geformt wurde."

(Karen Armstrong "A History of God" (Vintage Books, London 1999, S. 3)

 

Sobald "Gotteserfahrung"  aus der Privatsphäre (und anders ist Gott nicht erfahrbar) herausgelöst und statt dessen kollektiviert, instrumentalisiert, dogmatisiert, und konfessionalisiert wird, verkommt sie zur Ideologie.

Gelehrter Glauben wird früher oder später zum leeren Glauben, Lehrer zu Leerern. Gott lehren zu können ist per se Gotteslästerung. Schlimm genug, dass man IHN samt seinem Heiligen Geist in ein Buch eingesperrt hat und glaubt,  mit auswendig gelernten Sprüchen, und einem aus alten Symbolen zusammengefügten Glaubensbekenntnis (Symbolum)religiösen Glauben begründen zu können. Für Benedikt XVI allerdings liegt die Lösung für den Glauben  in der Akzeptanz des offenbarten Glaubensbekenntnisses und er sagt: "Offenbarung ist immer größer, als das bloß Geschriebene. Das bedeutet..., dass zur Schrift das verstehende Subjekt "Kirche" gehört, womit auch schon der wesentliche Sinn von "Überlieferung" gegeben ist." (Aus meinem Leben 1998, Deutsche Verlags-Anstalt). Wozu auch sonst bräuchten wir die Kirche.

Ein "Gott an sich" ist der menschlichen Erkenntnisfähigkeit entzogen. Wäre es anders, wäre er nicht Gott. Da die Bibel von Menschen geschrieben wurde, ist "göttliche Offenbarung" die Auslegung dessen, was menschliche Wahrnehmung in einer bestimmten Geschichtsepoche für göttliche Offenbarung hielt und damit natürlich auch der Möglichkeit des Irrtums und der Manipulation unterworfen, was eine 2000 – jährige Geschichte des Christentums ja hinreichend beweist:

 

 

 Jesus Christus – Ideologische Gottesgestalt.

 Paulus – christlicher Chefideologe.

 

(Zunächst einmal soll es nicht interessieren, ob Jesus oder Paulus historische Größen sind).

Der Jude Jesus wurde nach seinem Tode,  durch den römischen Juden Paulus (er besaß römisches Staatsbürgerrecht)  mittels griechischer Kulturattribute bereits dem Judentum entfremdet, von den Päpsten der Gründerzeit als zentrales religiöses Symbol nach Rom geholt.   (Paulus war Zeitgenosse des griechisch-jüdisch-alexandrinischen Philosophen Philon (siehe oben), der den "Logos" als Gottes Sohn bezeichnete – und Paulus versah Jesus mit der nunmehr  doppelsinnigen „Gottessohnschaft“, die jedoch unterschiedliche Bedeutung im jüdischen und hellenistischen Sprachgebrauch hatte). In Rom wurde Jesus systematisch seiner jüdischen Wurzeln, seiner jüdischen Heimat und Kultur beraubt und statt dessen glorifiziert und mystifiziert und seine Gottessohnschaft verabsolutiert.

Die Entfremdung Jesu von seinem jüdischen Glauben geschah so gründlich, dass erst 2000 Jahre später der verstorbene Papst Johannes Paul II wieder erkannte, wie tief  der christliche  Glauben  im Judentum verwurzelt ist. Und auch die evangelischen Landeskirchen in der Bundesrepublik Deutschland haben nach und nach der Judenmission eine Absage erteilt, sowohl wegen der historischen Schuld in der Judenverfolgung, als auch im neuen Erkennen eines besonderen historischen Verhältnisses zu diesem Volk (und in seiner Schuldlosigkeit am Tode Jesu, denn wie sonst hätte Gott das christliche Erlösungswerk vollbringen können)? Oder kommt man doch so langsam zu der Erkenntnis, dass die paulinische Doktrin in ihrer gnostisch-ideologischen Ausrichtung doch nicht das A und das O für die heutigen Christen sein kann?

In der jüdischen Überlieferung gab es eine Drei-Äonen-Lehre, welche die gesamte Heilsgeschichte in drei Epochen aufteilte:

1.) 2000 Jahre Tohuwabohu (Chaos);

2.) 2000 Jahre Thora;

3.)Danach 2000 Jahre messianischen Reiches.

Paulus hatte nun in den jüdisch apokalyptischen Denkstrukturen seiner Zeit und der Naherwartung des Gottesreiches, was seiner pharisäischen Ausbildung entsprach,   im Glauben an Jesus als Messias das Ende der Torah-Herrschaft gesehen, für ihn die Wahl zwischen Erlösung und Gesetz. Seine ganze Existenz stand bei dieser Alternative auf dem Spiel und er traf seine Entscheidung. („Ich missachte die Gnade Gottes in keiner Weise, denn käme die Gnade durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben“ (Gal 2,21)). Stünde da nicht eine Erwartung dahinter, wäre es Dialektik.

Paulus hat seine Briefe, (sofern es sich um seine Briefe handelt, und sofern die restlichen  linguistisch authentischen sieben,  von insgesamt vierzehn ihm zugeschriebenen Briefen, nicht unter einem Pseudonym geschrieben wurden) mit unterschiedlicher Intention (z.B. 1. Thessalonicher Brief sehr zuversichtlich an eine Gemeinde, die bereits „auf dem Weg“ ist; dagegen den Galaterbrief sehr schroff an eine Gemeinde die nicht spurt) an konkrete Adressaten geschrieben. Er hat nicht an uns und für uns Heutige geschrieben. Er hat in pharisäischer Tradition und jüdisch - apokalyptischem Denken mit der Wiederkunft des Christus und dem Ende dieser Welt noch zu seinen Lebzeiten gerechnet (1.Thess 4, 15 und 17; 1.Kor 15, 51). Er hat also mit Nachfolgegenerationen überhaupt nichts im Sinn gehabt! Sein Messiasglaube ist Zeichen der Denkweise seiner Zeit und Kultur in Korrelation mit einem damals noch sehr begrenzten und ins Mythologische verweisenden Weltbild. Dass er der Chefideologe der Kirchen wurde, dafür kann er nichts. Möge er in Frieden ruhen.

Zum Ideologen gemacht haben ihn die christlichen Kirchen, die sich nun in der einzigartigen Situation befanden, dass sowohl der Namensgeber der neuen Religion, Jesus Christus, als auch der Verbreiter des jüdischen Zweiges jener Religion, welche man dann später "christlich" nannte, nämlich Paulus, einer anderen, der jüdischen Religion angehörten!

Die Frühkirche allerdings funktionierte die Briefe des Paulus zum „Wort Gottes“ um und zementierte sie im Kanon des Neuen Testamentes als ewige Wahrheiten fest, als Grundlage für den neuen christlichen und als Abgrenzung zum jüdischen Glauben. Seither drehen die Kirchen sich in einem Circulus vitiosus ständig um die eigene Achse und kehren nach mannigfaltigen Flucht- und Ausbruchsversuchen immer wieder zum Wortsinn der Schriften zurück. Augen zu und durch, auch wenn man das selbst nicht mehr glauben kann!

 

„Das Christentum ist keine Buchreligion und die Bibel kein Koran. Darum genügt zur Vergegenwärtigung ihres Zeugnisses nicht die Zitation – es bedarf dazu einer „Reproduktion“. Ständig muss die Botschaft der Bibel „umgesprochen“ und wie ein Brief, mit neuer Adresse versehen, den Zeitgenossen nachgesandt werden. Ohne Umadressierung würde das Evangelium aus einer „guten Nachricht“ zu einer „alten Zeitung“ (Anm.: mit Ideologiecharakter)  und eine alte Zeitung wirft man fort oder tut sonst etwas mit ihr...

Was wir der Welt schulden, ist eine menschenfreundliche, Welt -zugewandte, lebensdienliche Rede von Gott, die sich vornehmlich an den so genannten "Distanzierten" orientiert. Das aber verlangt eine Theologie, die die Wissenschaft nicht verachtet, jedoch weiter zur Weisheit leitet."

(Heinz Zahrnt, Theologe).

 

Zwei Beispiele aus dem ideologischen Katalog für viele:

 

1) wenn Paulus in Röm 5 folgert, dass durch eines Menschen (Adams) Sünde der Tod über alle Menschen kam, worauf durch eines (Christi) Gerechtigkeit die Gerechtsprechung zum Leben für alle Menschen gekommen ist, dann muss man die heutige Kirche schon fragen, wo wir den mythologischen Adam aus dem mythologischen Garten Eden mit seinem mythologischen Sündenfall im evolutionären Geschehen zeitlich ansetzten sollen? Und woraus besteht seine Sünde? Vielleicht ein genetischer Unfall seines Schöpfers im Laufe der Evolution? C. G. Jung hat die Rückführung des „Bösen“  auf Gott  von der Gnosis her weiter zu denken versucht. Oder besteht die Ursünde vielleicht darin, weil er eben da ist und Mensch ist, wie es die „moderne“ Erbsündentheorie schon bei einem Baby sehen will zur Rechtfertigung der Taufe?  Diese setzt nämlich ein negatives Menschenbild und eine Pervertierung der Natur und des "Natürlichen" voraus.

In der bis heute in den evangelischen Kirchen gültigen Augsburger Konfession heißt es in Artikel 2: "Von der Erbsünde":

"Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner dass auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden. Damit werden die verworfen, die die Erbsünde nicht für eine Sünde halten, damit sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, in Verachtung des Leidens und Verdienstes Christi".

(Zu Erbsünde und Erlösung siehe auch M28).

Aber eben diese tiefenpsychologisch modellhafte  Sünde  in der Erzählung des Jahwisten um die 950 v. Chr., (die nichts anderes bedeutet  als das Erwachen des menschlichen Bewusstseins aus seinen archaischen Vorstufen), durch das jüdische Gesetz, (welches Moses auf dem Sinai  nach der Bibel ja wohl direkt von Gott empfing) später im Bewusstsein des Menschen ausformuliert und verankert, ist dann Voraussetzung dafür, dass eben derselbe gerechte und liebende Gott seinen Sohn in Menschengestalt auf die Erde schickt, um ihn wie ein Stück Vieh abschlachten zu lassen und dadurch die Menschheit ein für alle Mal zu erlösen. Das ist Ideologie pur und obskur dazu. Wer es denn so möchte! So schafft man neue Götter!

 

"Gespräch anno 33.: A.: Wissen Sie schon das Neueste? B.: Nein. Was ist passiert? A.: Die Welt ist erlöst. B.: Was Sie sagen. A.: Ja. Der liebe Gott hat Menschengestalt angenommen und sich in Jerusalem hinrichten lassen; dadurch ist nun die Welt erlöst und der Teufel geprellt. B.: Ei, das ist ja ganz scharmant."

(Arthur Schopenhauer, Philosoph, 1788-1860).

 

2) Da die meisten Angehörigen seines Volkes wohl nicht seiner Ansicht hinsichtlich des Messias waren, weiht Paulus seine Vertrauten in Gottes Plan ein: Zuerst muss die Masse der Heiden bekehrt werden, was die Juden dann so beeindrucken wird, dass auch sie den „wahren Glauben“ annehmen und damit gerettet würden, damit  sich die Zeit erfüllt. (Röm 11, 11-15).  „Wie unerforschlich ist alles, was Gott tut!“ (Röm 11, 33). Aber ihn, (Paulus) hat er eingeweiht! Er hat sich geirrt. Trotzdem meinen die Kirchen 2000 Jahre später immer noch, diesen Vorgang durch Missionierung in Form von absichtlich veranlassten Bekehrungen in alle Welt hinein weiterführen  zu müssen, obwohl sie selbst, untereinander zerstritten, der Gaben des „Heiligen Geistes“ dringend bedürften.

 

 

Der Unglaube der Amtsträger – Die Scheinheiligen.

 

"Aus dem Christentum ist weitgehend das ›kalte‹ Projekt der Zivilreligion geworden: spiritueller Flankenschutz bei der Bewältigung innerweltlicher Probleme, die sich zur Not auch ohne solche Hilfe lösen lassen. Die kalte Religion kommt ohne ernsthafte Transzendenz aus. Die Glaubenswelt ist soweit psychologisiert und soziologisiert, dass daraus ein Gemisch wird aus Sozialethik, institutionellem Machtdenken, Psychotherapie, Meditationstechnik, Museumsdienst, Kulturmanagement und Sozialarbeit".

(Rüdiger Safranski, Philosoph)

 

In einer Befragung aus 1997 antworteten evangelische Pfarrer (in %) auf folgende Fragen mit „ja“:

 

Es wäre gut, wenn meine Religion weltweit befolgt würde  20%

Die bestehende Unterschiedlichkeit der Religionen auf der Erde ist gut

und nicht veränderungsbedürftig

54%
Ist Jesus Christus ein wichtiges Vorbild 21%
Sehen Sie ein Glück für sich in ihrer Gottesbeziehung   8%
Und in der Beziehung zu Menschen 73%
Darf sich jeder von der Ehe scheiden lassen 68%

Ist es nicht richtig, dass der Mensch nicht scheiden soll, was Gott

zusammengefügt hat

58%
Hat ihre Kirche kein angemessenes Verhältnis zur Sexualität 37%
Glauben Sie an Gottes Allmacht 43%
Lenkt Gott die Welt 42%
Ist die Bibel heilig 36%
Gibt es das „Jüngste Gericht“ 34%
Kann man nach dem Tod in den „Himmel“ kommen 17%
Müssen wir deswegen sterben, weil es einen Sündenfall gab 13%
Brauchen die Menschen die Erlösung von der Sünde 52%

                            

K.P.Jörns, Theologieprofessor, „Die neuen Gesichter Gottes“ (Was die Menschen heute wirklich glauben) 1997.

Focus 24/1997 kommentierte diese Umfrageergebnisse wie folgt: „Die Kirchen haben – bis in die Reihen der eigenen Pfarrerschaft hinein – an Glauben normierender Kraft verloren.“

Befragungen kirchlicher Laien-Angehöriger ergaben, dass kirchliche Dogmen und Grundüberzeugungen umso weniger geglaubt werden, je höher der Bildungsgrad der Betroffenen ist. Eine gewisse Trägheit des Herzens (weil es schon immer so war), sonntägliche Gewohnheitsroutine, befriedigende Betätigung in kirchlichen Teilbereichen, Autoritätsgläubigkeit, die Kasualienkirche (zeremonielle Begleitung und Ausgestaltung von Taufe, Hochzeit, Beerdigung, usw.) das geringere Übel, weil man sonst keine Alternativen sieht, und das verständliche Alterssyndrom am Althergebrachten festzuhalten, um den Sinnbezug seines bisherigen Lebens nicht infrage stellen zu müssen, sind die wesentlichen Gründe, weswegen man trotzdem noch in der Kirche ist.

Einige leiden nach Nietzsche an religiösen Nachwehen:  

"Glaubt man sich noch so sehr der Religion entwöhnt zu haben, so ist es doch nicht in dem Grade geschehen, dass man nicht Freude hätte, religiösen Empfindungen und Stimmungen ohne begrifflichen Inhalt zu begegnen, zum Beispiel in der (Göttlichkeit der) Musik; und wenn eine Philosophie uns die Berechtigung von metaphysischen Hoffnungen, von dem dort her zu erlangenden tiefen Frieden der Seele aufzeigt und zum Beispiel von "dem ganzen sichern Evangelium im Blick der Madonnen bei Rafael" spricht, so kommen wir solchen Aussprüchen und Darlegungen mit besonders herzlicher Stimmung entgegen: der Philosoph hat es hier leichter, zu beweisen, er entspricht mit dem, was er geben will, einem Herzen, welches gern nehmen will. Daran bemerkt man, wie die weniger bedachtsamen Freigeister eigentlich nur an den Dogmen Anstoß nehmen, aber recht wohl den Zauber der religiösen Empfindung kennen; es tut ihnen wehe, letztere fahren zu lassen, um der ersteren willen."

(Nietzsche, dt. Philosoph, 1844-1900, Menschliches, Allzumenschliches).

 

Daneben gibt es sicherlich die noch immer fundamental sowie die naiv Glaubenden, die das futtern, was man ihnen vorsetzt, um sich ihren Platz im „Himmel“ zu erkaufen, wobei die 600 Jahre dauernde Inquisition sich über das Unbewusste wohl genetisch bis heute auswirkt.

Eine entscheidende Motivation pro Kirche in einer Welt, in welcher die Hemmschwellen hinsichtlich der Anwendung von Gewalt, Terror und Verbrechen immer tiefer gesetzt werden, stellt eine konservative Werteordnung und die traditionelle kirchliche Auffassung von "Moral" dar, die jedoch eine falsche Sicherheit vorgaukeln. Die dabei angewandte Taktik ist die, den Menschen eine "Gut" versus "Böse" - Weltsicht zu vermitteln, die ihnen das Gefühl gibt, selbst auf der Seite des "Heils" zu stehen (Gut), andererseits aber von ungläubigen Feinden umgeben zu sein (Böse). Wenn jedoch Gott nicht einmal mehr mächtig genug ist, um Tsunamis und Super GAUs,   Flutkatastrophen und Missbrauch Minderjähriger zu verhindern, gibt es dann noch einen vernünftigen Grund zu der Hoffnung, dass im Jenseits alles anders werden wird? Es ist eine klerikale Anmaßung, moralische Gewissheit zu behaupten, wo der endliche, menschliche Verstand zu schwach ist, um Lösungen zu finden. Das stiftet nur dort Unsicherheiten, wo Einsichten nötig und möglich wären. Die Wirkung theologischer Spekulationen ist nämlich nicht selten die, dass den Gläubigen selbst das Alltäglichste unsicher und fremd wird.

Auszug aus der "katholischen Moraltheologie" von Heribert Jone, noch heute nicht außer Kraft gesetzt und weiterhin für die katholische Kirche zu den wichtigsten Nachschlagewerken auf seinem Gebiet zählend:

"Wegen ihres verschiedenen Einflusses auf die Erregung der geschlechtlichen Lust werden die Körperteile eingeteilt in ehrbare (Gesicht, Hände, Füße), sog. weniger ehrbare (Brust, Rücken, Arme, Schenkel), sog. unehrbare (Geschlechtsteile und Partien, die ihnen sehr nahe sind)... Berührungen weniger ehrbarer (Brust, Rücken, Arme, Schenkel) sind... gewöhnlich Todsünde, wenn Personen des anderen Geschlechts in Betracht kommen... Bei Personen des anderen Geschlechts unehrbare Teile anschauen, ist Todsünde, ausgenommen wenn es fast unversehens und flüchtig oder kurz und von weitem geschieht... Weniger ehrbare Teile bei Personen des anderen Geschlechts anzuschauen (also Brust, Rücken, Arme, Schenkel) ist an sich keine Todsünde, außer wenn es längere Zeit geschieht..."

Nicht von ungefähr urteilt A. Tondi, ehemals Jesuit und Professor an der päpstlichen Gregoriana: "...es überrascht, in welchem Ausmaß und mit welcher Peinlichkeit sich die führende Geistlichkeit mit Fragen der Sexualität auseinander setzt... Ohne weiteres kann man behaupten, dass es kaum ein unflätiges Buch gibt, das unter diesem Aspekt schlimmer wäre als eine moraltheologische Abhandlung". Kein Wunder auch, dass sich beim Bodenpersonal Gottes ein erkleckliches Heer von Pädophilen, Homosexuellen und Autoerotikern herumtreibt, um dann auch noch "Moral" zu predigen! Siehe auch ein Interview mit K.H. Deschner. († 2014)

 

 

Dazu auch "Die Welt 24.01.2013":
 

Katholiken aller Milieus gehen auf Distanz zum Papst
Eine Studie über "religiöse und kirchliche Orientierungen" unter Katholiken zeigt: Selbst viele treue Gläubige sehen ihre Kirche kritisch. Den Papst und die Bischöfe halten sie für rückwärtsgewandt. Von Matthias Kamann
Katholiken in Deutschland sehen ihre Kirche mittlerweile deutlich kritischer als noch vor wenigen Jahren. Immer klarer distanzieren sie sich von der katholischen Sexuallehre, vom Umgang der Kirche mit Frauen und Homosexuellen sowie von der Haltung gegenüber Geschiedenen und Christen anderer Konfessionen.
Die Glaubwürdigkeit der Institution bei ihren Mitgliedern ist durch die Missbrauchsskandale tief erschüttert, zugleich beklagen gerade treue Gläubige, dass die Präsenz der Kirche vor Ort wegen des Priestermangels stark zurückgeht. Die Grundsympathie mit größtenteils als gutwillig erlebten Pfarrern in den Gemeinden steht dabei in scharfem Kontrast zu der Meinung, dass die Bischöfe und der Papst rückwärtsgewandt seien.
Dies sind zentrale Ergebnisse einer neuen Milieustudie über "religiöse und kirchliche Orientierungen", die von der Medien-Dienstleistung GmbH (MDG) in Zusammenarbeit mit zahlreichen katholischen Verbänden und Organisationen durchgeführt wurde.
Die am Donnerstag veröffentlichte Studie, deren Vorgängerin aus dem Jahr 2005 stammt, basiert nicht auf Umfragen, sondern auf insgesamt hundert jeweils mehrstündigen Einzelgesprächen mit katholischen Kirchenmitgliedern, die ihre religiösen Haltungen zudem in eigenen Texten etwa über den Sinn ihres Lebens oder ihre Idealbild von der Kirche dargelegt haben. Die hundert befragten Kirchenmitglieder wurden dabei so ausgewählt, dass jeweils zehn (fünf Frauen und fünf Männer) eines der sogenannten Sinus-Milieus abdecken.

Lockerung der Glaubensüberzeugungen in allen Milieus
Bei diesen Milieus handelt es sich um zehn gesellschaftliche Gruppen, die von Sozialwissenschaftlern anhand des sozialen Status, der Bildung und der Mentalität unterschieden werden, um die Bandbreite der Lebensformen und Grundhaltung in der Gesellschaft zu erfassen.
Die Spanne reicht vom "prekären Milieu", also der Unterschicht, über das "traditionelle Milieu" mit ausgeprägtem Sicherheitsdenken sowie die "bürgerliche Mitte" mit Leistungsbereitschaft und Harmoniebedürfnis bis hin zu gut gestellten "konservativ-etablierten" und "liberal-intellektuellen" Milieus sowie spaßorientierten "Hedonisten" oder "Performern", die in Kategorien der globalisierten Ökonomie denken.
In all diesen Milieus gibt es Katholiken. Überdurchschnittlich viele finden sich im "konservativ-etablierten" und im "traditionellen" Milieu, nämlich 41 beziehungsweise 40 Prozent gegenüber einem Katholikenanteil von 34 Prozent in der Gesamtgesellschaft. Unterdurchschnittlich vertreten sind katholische Kirchenmitglieder im "prekären" Milieu (29 Prozent) und bei den "Hedonisten", wo der Katholiken-Anteil 32 Prozent beträgt.
Quer durch alle Milieus konstatieren die Autoren der Studie eine Lockerung der Glaubensüberzeugungen. "Viele Befragte verstehen sich nicht als gläubig im traditionellen Sinn und suchen auch nicht aktiv nach einer Beziehung zu Gott." Die meisten bezeichneten sich zwar als religiös, "definieren aber den Inhalt ihres Glaubens ebenso wie ihre Vorstellungen von Gott eher diffus". Kernelemente des katholischen Bekenntnisses, etwa die Auferstehung von den Toten oder die unbefleckte Empfängnis, würden "nur noch von wenigen wörtlich genommen".

Volkskirchliche Frömmigkeit "weithin überlebt"
Die traditionelle volkskirchliche Frömmigkeit habe sich "weithin überlebt" und werde "allenfalls noch in exotischem Gewand" geschätzt, etwa bei Mystikern oder Mönchen. Vom Kanon kirchlicher Glaubenssätze hätten sich die meisten "emanzipiert". Dogmen hätten für die persönliche Ausgestaltung des Glaubens "keine Verbindlichkeit". In der Pflicht, sonntags zur Messe zu gehen, sähen sich nur die wenigsten.
"Kritisiert", so die Autoren, "wird die weltfremde, reaktionäre und obstruktive Kirchenleitung sowie die rückwärtsgewandte Kirchenpolitik das Papstes." Ihm werde "nicht selten" ein Rückfall hinter die Erneuerungspositionen des Zweiten Vatikanischen Konzils unterstellt. Persönlich haben sich die meisten offenbar von konservativen Vorgaben distanziert.
"Nicht lebensdienliche Kirchenregeln und Dogmen, die man als Laie vor einigen Jahren noch mehr oder weniger geduldig ertragen oder stillschweigend umgangen hat, werden heute offen angesprochen und kritisiert", schreiben die Autoren.
Als Beispiel nennen sie unter anderem den Umgang der Kirche mit Frauen, den Pflicht-Zölibat, den Ausschluss von Wiederverheirateten und Christen anderer Konfessionen von den Sakramenten, die Sexuallehre sowie die "Zurückdrängung des Laien-Engagements".

Katholische Identität ist schwer aufzugeben
Dennoch werde "die hierarchische Struktur der katholischen Kirche" als solche wegen ihrer traditionsbildenden Kraft nicht infrage gestellt. Mit Blick auf die Formen scheint man sogar wieder traditionsbewusster zu werden: "Diskussionen um die lebendigere Ausgestaltung von Gottesdiensten, vor einigen Jahren noch als Allheilmittel gegen Mitgliederschwund und zur Kirchenbindung von Jugendlichen gepriesen, spielen heute nur noch in den Milieus der Mitte eine Rolle."
Generell falle es den meisten Kirchenmitgliedern "schwer, ihre katholische Identität aufzugeben". Gegenüber einem Kirchenaustritt bestehe "große Scheu", zumal die Menschen nicht die Möglichkeit vergeben wollten, die Dienste der Kirche in besonderen Lebenslagen oder bei familiären Anlässen wie Taufe oder Hochzeit in Anspruch zu nehmen.

Falsche Annahmen zu Verwendung der Kirchensteuer
Allgemein geschätzt wird das soziale und karitative Engagement der Kirche. Wobei hier allerdings eine falsche Wahrnehmung im Spiel zu sein scheint: "Die meisten gehen davon aus", so heißt es in der Studie, "dass ein großer Teil der Kirchensteuer in soziale Einrichtungen fließt."
Da irren sich die Befragten: Der allergrößte Teil der Kirchensteuern wird für Personal und spezifisch kirchliche Aufgaben verwandt, während die Arbeit der Caritas (und genauso der evangelischen Diakonie) in Kitas, Kliniken oder Heimen weit überwiegend vom Staat oder den Sozialkassen finanziert wird.

Gruppierungen:
"Konservativ-Etablierte" schätzen Hüterin der Werte
Bei all diesen Mehrheitsmeinungen der Befragten zeigt die Studie aber doch, dass es zwischen den einzelnen Milieus erhebliche Unterschiede in der Haltung gegenüber der katholischen Kirche gibt.
Bei den "Konservativ-Etablierten", der traditionellen Elite (zehn Prozent der Gesellschaft), wird die Religion als Hüterin der Werte geschätzt und ist die Austrittsneigung gering. Man geht regelmäßig in die Messe und hat keinen Zweifel am Fortbestand der katholischen Kirche. Eine Modernisierung der Institution aber hält man für unerlässlich.

"Liberale Intellektuelle"
Katholiken unter den "liberalen Intellektuellen", ebenfalls obere Mittelschicht (sieben Prozent der Gesellschaft), haben ein großes, aber kritisches Interesse an Religion und halten diese für einen zentralen Bestandteil des kulturellen Lebens. Mit den kirchlichen Lebensregeln geht man in individueller Souveränität um, sieht aber im Glauben eine Basis ethischer Haltungen.
Man geht zur Kirche, wenn anspruchsvoll gepredigt und gut musiziert wird, kann auch alten Riten viel abgewinnen, hält jedoch den Schulterschluss mit anderen christlichen Konfessionen für überlebenswichtig und kritisiert die Macht und den materiellen Reichtum der Institution.

"Performer" und "Expeditive"
"Performer" (sieben Prozent) sind wohlhabende, erfolgsorientierte Globalisierungsanhänger und halten den Katholizismus grundsätzlich für unvereinbar mit dem modernen Leben. Kinder aber sollen christliche Werte lernen, Taufen oder Hochzeiten sollen kirchlich inszeniert werden. Die Sonntagsmesse besucht man kaum, engagiert sich auch nicht in der Gemeinde, findet es aber gut, dass die Institution Klarheit und Beständigkeit verkörpert.
Die Katholiken unter den "Expeditiven", den Vertretern der kreativen Avantgarde (sechs Prozent), lehnen eine institutionalisierte Religion ab und engagieren sich auch nicht in der Kirche, die sie als rückständig ablehnen. Gleichwohl ist man in diesem Milieu offen für berührende Rituale, die man mit der eigenen Patchwork-Religiosität verbindet.

"Hedonisten" mit diffusem Kinderglauben
Ähnlich ist es bei den materiell schlechter gestellten "Hedonisten" (15 Prozent der Gesellschaft), meist jüngeren Leuten, die sich auf formale Mitgliedschaft ohne jedes Engagement beschränken. Geprägt oft noch durch einen diffusen Kinderglauben ohne jede dogmatische Festlegung, schätzen sie prächtige Rituale, verlangen aber die Überwindung traditioneller Formen sowie den Einsatz der Kirche in der Dritten Welt.
Das "adaptiv-pragmatische Milieu", eine modernisierungsbereite Mittelschicht (neun Prozent), hat kaum Berührungspunkte zur Kirche, die nur bei Hochzeiten oder bei Veranstaltungen für Kinder in den Blick kommt. Gottesdienste sind weitgehend irrelevant, aber spirituelle Seelen-Wellness weiß man zu schützen. Man wünscht sich eine Verjüngung des kirchlichen Leitungspersonals und insgesamt mehr Lebensnähe.

Kirche als Garant gesellschaftlicher Stabilität
Das "sozialökologische" Milieu hat an der Gesellschaft einen Anteil von sieben Prozent. Diese materiell recht gut gestellten Leute mit grüner Grundhaltung und erheblicher Kirchenaustrittsneigung haben oft negative Kindheitserinnerungen an die Kirche und kritisieren die katholische Sexualmoral. Den Glauben lässt man sich nicht von der Institution vorschreiben, schätzt aber kulturelle Angebot der Kirche und verlangt von ihr vor allem soziales Engagement.
Die "bürgerliche Mitte" (14 Prozent) nutzt kirchliche Angebote nur sehr selten, möchte aber, dass es die gibt, weil die Kirche gesellschaftliche Stabilität garantiere. Man wünscht sich mehr Laien-Beteiligung, mehr Menschlichkeit und eine Modernisierung der Institution. Verunsichert ist man hier wegen der Missbrauchsfälle und beklagt, dass so viele Gemeinden zusammengelegt werden, sodass die Präsenz der Priester vor Ort schwächer wird.

"Traditionelle" resignieren, "Prekäre" fühlen sich allein
Die "Traditionellen" (15 Prozent) setzen sich kaum einmal kritisch mit der Kirche auseinander, halten an überlieferter Volksfrömmigkeit fest, beklagen aber, dass es zu wenig Angebote für die Jugend gibt. Katholiken aus diesem Milieu gehen häufig zur Messe und engagieren sich ehrenamtlich, fürchten aber in ausgeprägter Resignation, dass die Kirche schrumpft und an Bedeutung verliert.
In der Unterschicht der "Prekären" (neun Prozent) sind die katholischen Kirchenmitglieder oft enttäuscht von der Institution und haben nur wenig Bindung an sie. Die katholische Sexualmoral verachten sie, bewundern aber herausgehobene Persönlichkeiten mit überzeugender Ausstrahlung. Hier hat Papst Franziskus für neuen Aufwind gesorgt.
Bei Bedarf werden kirchliche Sozialeinrichtungen genutzt, oft aber fühlt man sich von der Kirche im Stich gelassen. Nur wenigen Katholiken in diesem Milieu spendet der Glaube Trost und Hoffnung.
 

Da eine 2000-jährige Geschichte lehrt, dass kirchliche und andere Ideologien keine Änderung des Zustandes der Welt herbeiführten, muss eine aktuelle Antwort auf die Probleme der Welt anders aussehen. 

Wir können keine autoritativen ethischen Vorschriften anführen, die in die Ordnung des Seins eingebaut sind. Kein Gott hat die Gesetze des guten Verhaltens in den Gesetzen des Kosmos verankert. Die Natur kümmert sich nicht um gut und böse, richtig oder falsch. Als Menschen jedoch können wir nicht mehr hinter die Ethik zurück. Wir brauchen Verhaltensnormen und Anerkennung durch andere. Ausgehend von unserem Selbstverständnis können wir einräumen, dass diese Normen unsere Normen sind - nur unsere. Wir erlassen sie für uns selbst und auch für andere, sofern wir von Ihnen Respekt, Anstand und Toleranz einfordern. Dieses Verständnis kann uns stimulieren, uns selbst zu verteidigen, wenn diese Normen herabgewürdigt oder bedroht werden. Gibt es so etwas, wie moralisches Wissen? Gibt es einen moralischen Fortschritt? Diese Fragen können weder durch Wissenschaft und Logik, noch durch Religion und Metaphysik beantwortet werden. Sie müssen gleichsam aus dem Innern unserer moralischen Einstellung selbst heraus beantwortet werden. Dann stoßen wir glücklicherweise auf zahllose kleine, bescheidene Dinge, deren wir uns absolut gewiss sind. Glück ist gegenüber Unglück vorzuziehen und Würde ist besser als Erniedrigung. Es ist schlecht, wenn Menschen leiden und noch schlechter, wenn eine ganze Kultur für ihr Leiden blind bleibt. Der Tod ist schlimmer als das Leben; der Versuch, einen gemeinsamen Standpunkt zu finden ist besser, als die Verachtung dieses Versuches, die häufig mit einer manipulativen Haltung gegenüber den anderen einhergeht. Diesen Versuch zu wagen  bleibt heutzutage nur religions- und ideologiefreien  internationalen Menschenrechts-Organisationen vorbehalten zur Schaffung   global gültiger, humaner Gesetze.  (Unter Verwendung von Text von Simon Blackburn, Professor für Philosophie an der University of Cambridge, "Gut sein, eine kurze Einführung in die Ethik", ISBN 3-89678-245-2, 2004)

Moral beginnt da, wo wir erkennen, was wir uns selbst und unseren Kindern durch unsere Einbildungen, psychischen Muster, Leichtgläubigkeiten, Ideologieabhängigkeiten, Fehlurteile, Lügen, Ausreden, Heucheleien, Irreführungen,  und Gleichgültigkeiten antun. Nirgendwo sonst ist das Pharisäertum so stark ausgeprägt, wie überall dort, wo ideologische Gesinnungen jedweder Art als Lösungsmuster vorgegeben werden, um die eigenen Machtinteressen zu kaschieren. Darin liegt ihre Falschheit und der Betrug an unseren moralischen Werten. Und davon kann man insbesondere auch die Kirchen nicht ausnehmen.

 

Zitate zum Glauben:

 

"Der größte Teil der Klugheit des Klerus besteht in der Dummheit der Laien".

(Karlheinz Deschner, Kirchenkritiker)

 

"Glaube heißt: das Auge ein für allemal vor sich schließen, um nicht am Aspekt unheilbarer Falschheit zu leiden. Man macht bei sich eine Moral, eine Tugend, eine Heiligkeit aus dieser fehlerhaften Optik zu allen Dingen, man knüpft das gute Gewissen an das falsch Sehen, - man fordert, dass keine andre Art Optik mehr Wert haben dürfe, nachdem man die eigne mit den Namen "Gott", "Erlösung", "Ewigkeit" sakrosankt gemacht hat".

(Friedrich Nietzsche, Philosoph)

 

"Der christliche Gläubige ist eine einfache Person. Aufgabe der Bischöfe ist es deshalb, den Glauben dieser kleinen Leute vor dem Einfluss von Intellektuellen zu bewahren".

(Benedikt XVI, alias Kardinal Ratzinger, Predigt vom 31.12.1979, zum Entzug der missio canonica für Hans Küng, zitiert nach "Allen,  Joseph Ratzinger, Patmos 2002").

 

"Ich habe zu meiner Hauptaufgabe die Verteidigung jener bestimmt, die sich nicht wehren können, denen gegen Angriffe auf ihren Glauben die Mittel eines theologischen Intellektualismus fehlen. Der einfache Gläubige muss das Recht haben, dass der Glaube in jeder Generation bewahrt wird. Denn die Kirche lebt in letzter Analyse in guten wie in schlechten Zeiten vom Glauben derjenigen, die einfachen Herzens sind."

(Benedikt XVI, alias Kardinal Ratzinger, Interview 1988 mit "Die Presse", Wien, zitiert nach "Allen,  Joseph Ratzinger, Patmos 2002")

 

"Wenn die Welt erst ehrlich genug sein wird, um Kindern vor dem 15. Jahre keinen Religionsunterricht zu erteilen, dann wird etwas von ihr zu hoffen sein".
(Arthur Schopenhauer, dt. Philosoph, 1788-1860) 

 

"Man sollte sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kinde nicht zu früh einen Begriff von Gott beibringen zu wollen. Die Forderung muss von innen heraus geschehen, und jede Frage, die man beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Das Kind hat vielleicht seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen wieder zu verlieren".
(Friedrich von Schiller, dt. Schriftsteller, 1759-1805)

 

"In einer Gesellschaft von Menschen gleichen Glaubens genügt es, dass einer behauptet, etwas Übernatürliches zu sehen oder zu hören, damit die anderen es auch sehen oder hören".
(Ernest Renan, franz. Religionshistoriker u. Schriftsteller, 1823-1892)

 

"Übrigens stellen die Priester uns nur darum als Ebenbilder Gottes hin, um sich selbst als Werkzeuge und Dolmetscher der Gottheit auszugeben".
(Friedrich der Große, 1712-1786 an Prinz Wilhelm von Braunschweig)

 

"Die Offenbarung Gottes in der Bibel folgt nicht einmal aus christlichen Begriffen. Wenn er sich offenbaren wollte, so hätte er vermöge seiner Liebe, die es ihm nicht erlaubte, die Menschen irre zu führen, und vermöge seiner Allmacht, die  es ihm möglich machte, ein Buch liefern  müssen, welches über alle Missdeutung erhaben war und von jedem erfasst werden konnte".

(Friedrich Hebbel, dt. Schriftsteller und Dichter in seinen Tagebüchern)

 

"Die Kirchengeschichte ist die beste Schule, um an dem Dasein eines Gottes als Weltenlenkers zu zweifeln".

(Franz Camille Overbeck, ev. Theologe, 1837-1905).

 

"Der Glaube ist nicht der Aufgang, sondern das Ende allen Wissens".
(Johann Wolfgang von Goethe, dt. Dichter, 1749-1832)

 

"Da zuletzt doch alles auf den Glauben hinausläuft, müssen wir jedem Menschen das Recht zugestehen, lieber das zu glauben, was er sich selbst, als was andre ihm weisgemacht".

(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach, österr. Schriftstellerin, 1830-1916)

 

"Der Glaube eines Menschen kann durch kein Glaubensbekenntnis, sondern nur durch die Beweggründe seiner gewöhnlichen Handlungen festgestellt werden".
(George Bernard Shaw, irischer Dramatiker, 1856-1950)
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"Christi Niederlage war nicht die Kreuzigung, sondern der Vatikan".
(Jean Cocteau, franz. Schriftsteller, 1889-1963)

 

"Man meinte bisweilen, ich sei nicht genug katholisch, jedenfalls nicht genug römisch-katholisch. Aber war Jesus von Nazareth römisch-katholisch?"

(Hans Küng, katholischer Priester und Professor mit entzogener Lehrerlaubnis).

 

"Dies ist der Gipfel des Monströsen und Lächerlichen, Gott als einen kleinlichen, unsinnigen und barbarischen Despoten zu verkünden, der einigen seiner Favoriten heimlich ein unverständliches Gesetz mitteilt und die übrigen des Volkes umbringt, weil sie dieses Gesetz nicht gekannt haben."

(Voltaire, franz. Schriftsteller u. Philosoph, 1694-1778).

 

"Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht".
(Albert Schweitzer, dt. Theologe, Mediziner & Phil., 1875-1965)

 

"Die persönlichen Lehren Christi: Demut, Feindesliebe, Unweltlichkeit werden nirgends befolgt. Vielmehr ist es im gesamten Abendlande Sitte, sich mit seinem Nächsten nicht zu befassen, gegen Feinde vorzugehen, das Leben auf die Sorge für den kommenden Tag zu stellen, den, der einem auf den rechten Backen schlägt, niederzuschießen und die geistig Armen als minderwertig anzusehen".
(Walther Rathenau, dt. Staatsmann u. Industrieller, 1867-1922)

 

"Die Religion, die nur auf Theologie gebaut ist, kann niemals etwas Moralisches enthalten".
(Imanuel Kant, dt. Philosoph, 1724-1804)

 

"Wenn die Kirche eine Moral mit menschlichem Antlitz verkünden will, muss sie sich neuen Anforderungen stellen. Und da die Kirche immer noch durch viele Seelen hindurchgeht, kann man nur wünschen, dass sie dieses menschliche Antlitz selber trägt."

(Dr. Dietmar Mieth, Prof. der theol. Ethik, Uni Tübingen)

 

"So viel an mittelalterlichem Brimborium, so viel an unwesentlichem barocken Krimskrams habe ich aufgegeben, so viele kirchenrechtlichen Zwänge abgestreift. Ich habe eine neue Freiheit und Offenheit gewonnen, die ich mir auch nicht durch irgend welche Dekrete römischer Bürokraten und allzu unterwürfige Statthalter in unserem Lande nehmen lassen will... All die Dokumente einer diktatorisch-römischen Zentrale konnte ich mit bestem Gewissen nicht unterschreiben: Ich bin nun mal der Überzeugung, dass es verantwortungsbewusste  Empfängnisverhütung geben soll, Frauenordination, Anerkennung protestantischer Ämter und Abendmahlsfeiern und endlich eine Wiedervereinigung der getrennten Kirchen. Und ich nehme mir die vom Evangelium legitimierte Freiheit, Bischöfe zu kritisieren, die als Wendehälse heute verurteilen, was sie gestern als Professoren oder Seelsorger vertreten haben."

(Hans Küng, Professor für Ökumene, Stiftung "Weltethos", Tübingen)

 

Merke: "In Zeiten blinden und unwissenden Glaubens hat die Kirche festgesetzt, dass die Schriften, besonders die des Neuen Testaments, vollständig als authentisch und wahrhaftig zu gelten haben. Heute kann sie daher nicht mehr umkehren. Die Ergebnisse der modernen Wissenschaft müssen abgelehnt, als falsch bewiesen werden. Andererseits müssen die irrigen Entscheidungen der Kirche als wahr bewiesen werden. Deshalb muss man glauben, dass schwarz weiß ist".

(Alighiero Tondi, Jesuit, Professor  und ehem. päpstl. Theologe an der Gregoriana.)

 

 

 

 

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