Stimmungsbilder von den Konzilien

 

(Wie der Mensch sich seine Götter zusammen schustert)

 

Anhand  einiger Stimmungsbilder von den Konzilien und um die Konzilien herum, soll anschließend  die Rolle des Heiligen (oder Unheiligen?) Geistes, sowohl als göttlicher Inspirator, wie auch als Objekt der Konzilien dokumentiert werden.

 

Das Konzil von Nicäa 325; von Nicäa nach Konstantinopel 381.


"Arius war offensichtlich eine faszinierende Persönlichkeit: brillant, geistreich, sympathisch, verstand es, Faszination auszuüben und Menschen in seinen Bann zu schlagen. Seine Thesen fanden in Alexandrien ebenso bei einem beträchtlichen Teil des Klerus und der Laien begeisterte Resonanz, wie sie bei anderen Widerspruch und leidenschaftlichen Protest herausforderten... Der alexandrinische Bischof Alexander ließ erst beide Seiten miteinander diskutieren. Dann kam er zur Auffassung, dass es sich um eine gefährliche Irrlehre handle und exkommunizierte Arius mitsamt seinem Anhang, als er nicht widerrufen wollte.

Aber Arius hatte auch einen beträchtlichen Anhang über Alexandrien hinaus... der eine starke Gruppensolidarität entwickelte und eine verschworene Gemeinschaft bildete. Zu ihnen gehörte Bischof Eusebios von Nikomedien, an den sich nun Arius wandte und der ihn unterstützte. Der Gegenschlag Alexanders bestand in einer ägyptischen Synode von 100 Bischöfen, die Arius verurteilte und ein Rundschreiben an alle Bischöfe des Erdkreises erließ. Eusebios antwortete mit einer bithynischen Synode, die Arius in Schutz nahm. Darauf mobilisierte Alexander durch ein Rundschreiben den ganzen Osten (Griechenland, Syrien, Kleinasien): der Effekt war, dass er Zustimmungsbriefe von rund 200 Bischöfen erhielt.

Zwangsläufig wurde Konstantin, seit 324 Herrscher auch des Ostens, mit der Frage konfrontiert...

Das Glaubensbekenntnis, das eindeutig gegen die arianische Interpretation gerichtet war, ging auf dem Konzil nicht ganz reibungslos durch. Gegen das Glaubensbekenntnis regte sich zunächst Widerstand von 17 Bischöfen. Als Konstantin jedoch mit Exil drohte, schmolz dieser Widerstand dahin. Dadurch erklärt es sich, dass er auf dem Konzil nicht überwunden und die dort erreichte Einmütigkeit nicht ganz frei war...

Dass die Staatsgewalt, die vorher die Kirche verfolgt hatte, nun ein Konzil ermöglichte... schien so neu und unerhört, dass... mehr als einer... die ungeheure Gefährdung, die gerade  eine christliche Staatsgewalt für die Kirche bedeutete, gar nicht ahnte. Doch nicht nur war (es) eine Illusion, dass das christlich werdende Römische Reich etwas mit dem Reich Christi zu tun hatte. Es war auch, wie so oft bei Konzilien, eine Illusion zu meinen, jetzt sei der Frieden hergestellt - während in Wirklichkeit die Probleme jetzt erst begannen... *1)

"An jede neue Bewegung, die etwas Neues, Ideales bringt, hängen sich Lumpen, Halunken und Gangster. Das frühe Christentum im ersten und zweiten Jahrhundert war eine neue Bewegung. Sicher hatte es viele Elemente von den heidnischen Religionen übernommen, aber es war eine Jesus-Bewegung, die neuen Wind in die Geschichte brachte.
Doch diese neue Religion, das merkten viele Machtmenschen und Geldmenschen, ist zu etwas gut: Man kann nämlich mit ihr unter einem Vorwand, unter dem Vorwand der Frömmigkeit und Religiosität, viel Geld scheffeln.
Selbst der Kaiser im Anfang des 4. Jahrhunderts, Kaiser Konstantin, merkte das. Sein Reich war gespalten, er besaß ja nur noch West-Rom, das heißt den westlichen Teil Europas, und auch in diesem Reich gab es Erschütterungen und es drohte zu zerfallen". (Anm.: Hier irrt der Herr Professor (Fußnote 2), denn die Aufteilung in Ost- und Westrom erfolgte erst 395 unter Theodosius, während Konstantin beide Reichsteile vereinte, ab 324  Konstantinopel in Ostrom errichtete, wo er ab 330 residierte. 337 segnete er dann das Zeitliche).
"Da erkannte er diese christliche Bewegung und sagte sich: Damit kann ich meine Macht zementieren. Und er kam auf die Idee: Wenn ich diesen Bischöfen, diesen Presbyteroi und den Episkopoi, diesen Verwaltern Geld, Privilegien, Häuser, Paläste und Vorrechte gebe, dann werden sie mir aus der Hand fressen.
Und tatsächlich, so geschah es. Auf der Synode von Nizäa im Jahre 325 erschien der Kaiser im Sonnenkleid der Mithras-Religion, frenetisch gefeiert von den Bischöfen, und sie – die katholischen Bischöfebeteten ihn an als den Präsentissimus Deus, als den allgegenwärtigsten Gott. Das wird leicht vergessen. Das Konzil von Nizäa, das in der Kirchengeschichte so gelobt wird, ist nicht etwa von einem Papst – der war ja damals noch nicht mal anerkannt – einberufen worden, sondern von Kaiser Konstantin. Und nun hören Sie, wie damals einer der berühmtesten Bischöfe, der Bischof Eusebius von Cäsarea, (Biograph Konstantins, nicht identisch mit dem oben erwähnten Eusebios von Nikomedien) dem Kaiser huldigte:

 

„Wie Helios“ – also die Sonne – „seine Strahlen über die Erde sendet, so der Kaiser die Lichtstrahlen seines edlen Wesens. In Dunkel und finsterer Haft hat Gott ein großes Licht aufleuchten lassen in seinem Diener Konstantin.“ Ja, sie haben ihm, dem Kaiser, sogar die Unfehlbarkeit bescheinigt; die päpstliche entstand erst im 19. Jahrhundert.

Damals schon die Unfehlbarkeit – jedoch (zunächst nur) für den Kaiser, was bedeutet: Du kannst gar nicht irren, weil du vom heiligen Geist getrieben bist. Zugleich erschien er im strahlenden Umhang eines Purpurmantels, er leuchtete im Lichterglanz, die Sonnenkrone als Nimbus, Gloriolen eines Heiligen. Erst später haben sie den Reinen und Märtyrern den Heiligenschein verliehen, doch zuvor dem grausamen Tyrannen Konstantin.
Sehen Sie, das ist nicht bloß eine Episode aus der Vergangenheit, sondern das ist das Muster (auch heute noch). Es zeigt exemplarisch, wieso Staat und Kirche zusammenhängen. Da ist auf der einen Seite die Krake, die geldgierige Krake Kirche, und auf der anderen Seite der Staat, der nun nicht mehr wie Kaiser Konstantin ein Konzil einberuft, sondern der hinter der Kirche her dackelt – in jeder Hinsicht. Politiker wagen nie, egal welcher der vier Parteien sie angehören – sie wagen nie ein Wort gegen die Kirche, sie wagen nie Widerstand, nicht bei der kleinsten Bitte der Kirche. Bei der kleinsten Anweisung der Kirche wird gezahlt – noch und nöcher. So ist die Geschichte der Kirche, die es bis heute versteht, jeden um den Finger zu wickeln". *2)

 

"Das Christentum ist heute ein Leichnam, der nur noch dank der künstlichen Sauerstoffzufuhr seitens interessierter Politiker, Theologen und Kirchenfunktionäre den Anschein von Lebendigkeit zu erwecken vermag".
(Joachim Kahl, dt. Theologe und Philosoph, 1941-)

 

Das nicänische Glaubensbekenntnis

 

Wir glauben an den einen  Gott, den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, und an den einen Herrn Jesus Christus,

den Sohn Gottes als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt,

das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater, durch den alles geworden ist,

was im Himmel und was auf der Erde ist, der wegen uns Menschen und um unseres Heiles willen herabgestiegen und Fleisch und Mensch geworden ist, gelitten hat und auferstanden ist am dritten Tage, hinaufgestiegen ist in die Himmel und kommt, Lebende und Tote zu richten,

und an den Heiligen Geist.

Die aber sagen: „Es gab einmal eine Zeit, als er nicht war", und „Bevor er gezeugt wurde, war er nicht", und „Er ist aus nichts geworden", oder die sagen, der Sohn Gottes sei aus einer anderen Hypostase oder Wesenheit, oder er sei geschaffen oder  wandelbar oder veränderlich, diese belegt die katholische Kirche mit dem Anathema.

 

"Bei Konstantin tritt 328 eine Wende ein. Zunächst hatte er für die Durchsetzung der Beschlüsse von Nikaia (Anm.: andere Schreibweise für "Nicäa oder auch Nizäa) Sorge getragen. Als noch nach dem Konzil zwei weitere Bischöfe (Eusebios von Nikomedien und Theognis von Nikaia) diesen Beschlüssen den Gehorsam verweigerten, wurden sie durch den Kaiser verbannt. 328 aber wurden sie, ohne dass sie Nikaia anerkennen mussten, wieder zurückberufen... und hatten von nun an den entscheidenden Einfluss auf den Kaiser... Die nizänische Glaubensformel, insbesondere das Homousios (Anm.: "wesensgleich", "eines Wesens mit.."), war ja der Sieg einer bestimmten Richtung, die... im Osten... ihre Gegner hatte... Der Kampf begann so im Osten mit einem personalpolitischen Kesseltreiben gegen die Bischöfe, die Hauptstützen des nizänischen Glaubens waren: vor allem Eusthasios von Antiochien und Athanasios von Alexandrien.

Sie wurden zuerst 335 auf einer Synode von Tyros abgesetzt. Athanasios musste sich nach Trier in die Verbannung begeben. Darauf annullierte eine Synode von Rom 340, von westlichen Bischöfen besucht, die Beschlüsse von Tyros und rehabilitierte die abgesetzten Bischöfe. Eine weitere Bischofssynode in Antiochien 341 bestätigte jedoch Tyros...

Die Glaubensformel von Nicäa fand vorläufig keinen allgemeinen Konsens. Denn das "Homousios" schien eine Schlagseite zum "trinitarischen Modalismus" hin zu haben, der besagt, dass Vater, Sohn und Geist nur verschiedene Erscheinungsweisen Gottes für uns sind, nicht aber Verschiedenheiten in Gott selbst... wenn Vater und Sohn "wesenseins" waren, schienen sie eben auch "identisch" zu sein... Speziell im Osten war dieses Anliegen vorherrschend. So bildeten sich dort die "Homoiusianer" (Anm.: man beachte den feinen Unterschied) als neue Partei; sie bildeten dort zeitweilig die stärkste Gruppe... Ihre Formel besagt, dass der Sohn dem Vater "wesensähnlich" sei anstatt "wesensgleich", dass also Vater und Sohn nicht identisch sind... Nun versuchte Kaiser Constantius II (Anm.: seit dem Tode Konstantins 337 - 361 Kaiser im Osten) durch ein ökumenisches Konzil die Einheit wiederherzustellen. Das war die Doppelsynode von Seleukia und Rimini (359): die östlichen Bischöfe (etwa 150) tagten in Seleukia, die Bischöfe der westlichen Reichshälfte (über 400) in Rimini... Inzwischen hatten jedoch arianische Einflüsse bei Constantius die Oberhand gewonnen... Zunächst einmal unterlagen auf diesen beiden Synoden die Arianer...  und wurden schließlich exkommuniziert (Rimini), bzw. verließen die Synode (Seleukia). Sie wandten sich aber nun an den Kaiser als ihre einzige Zuflucht, der ihnen Gehör gab, während die Delegationen der bischöflichen Mehrheit nicht vorgelassen wurden. Zu guter Letzt wurden alle Bischöfe zur Unterschrift bewogen, da sie solange nicht nach Hause fahren durften, bis sie ihre Unterschrift geleistet hatten (Anm.: da bleibt der liebe Gott dann schon mal auf der Strecke). Einer letzten kleinen Gruppe in Rimini wurde erklärt, sie könnten ihrer Unterschrift noch persönliche Zusätze anfügen. Die waren freilich nur dazu da, das Gewissen der Bischöfe zu beruhigen; den Kaiser interessierten sie nicht im geringsten; er war nur froh, nun 550 Unterschriften von Bischöfen aus allen Reichsteilen zu haben. Am 1. Januar 360 konnte er schließlich in einem Manifest mitteilen, der religiöse Frieden sei wieder hergestellt. Nizäner und Homoiusianer aber wurden von ihren Bischofssitzen vertrieben und verbannt.

In Wirklichkeit hatte man jetzt vier Gruppen: die  Homousianer (Nizäner), die Homoiusianer, die Homoier (d.h. die Anhänger der Kompromissformel von Seleukia-Rimini) und die Anhomoier, d.h. die strengen Arianer, die ihrerseits auch nicht mit der Seleukia-Rimini-Formel zufrieden waren....

Der eigentliche Arianismus hatte zu keinem Zeitpunkt die Mehrheit der Bischöfe hinter sich. Im Grunde zerfiel er von dem Moment an, wo er nicht mehr durch die kaiserliche Gewalt gestützt wurde.

Dies geschah paradoxer Weise zuerst unter Kaiser Julian (361 - 363), einem zum Heidentum zurückgekehrten ehemaligen Christen, der eine heidnische Restauration versuchte, da er mit dem Christengott nicht zurecht kam.

 

"Ist es nicht im höchsten Grade widersinnig, wenn Gott dem Menschen, den er selbst geschaffen hat, die Kenntnis des Unterschiedes von gut und böse vorenthält? ... Ein solcher Mensch wird offenbar einmal das Übel nicht meiden, und andererseits auch nicht dem Guten nachstreben. Was aber die Hauptsache ist: Gott hat nicht gewollt, dass der Mensch an vernünftiger Einsicht teilhabe, und dabei gibt es nichts, was für den Menschen größeren Wert hätte ... Wenn es so steht, muss man Gott als missgünstig bezeichnen".

(Kaiser Julian, röm. Kaiser, 361-363).


Er ließ die in Verbannung geschickten nizänischen Bischöfe zurückkehren, weil er... hoffte, dass sich die Christen so gegenseitig zerfleischen würden.

 

"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst Raubtiere dem Menschen nicht so feindlich gesinnt sind wie die Christen gegeneinander".
(Julian, römischer Kaiser, 361-363, genannt: Apostata, der Abtrünnige)

 

Dadurch bewirkte er freilich den Beginn der nizänischen Restauration... Es zeigte sich mehr und mehr klar, dass eine Einigung und die Wiederaufnahme kirchlicher Gemeinschaft nur durch Rückbesinnung auf die Formel von Nicäa geschehen konnte. Das immer neue Basteln von Glaubensformeln hatte die Kirche nur immer tiefer in die Krise gestürzt. Jetzt erst, durch das Bestehen der postkonziliaren Krise, errang Nicäa eine überragende Bedeutung, die es in der ersten Phase noch nicht hatte. Jetzt erst wurde Nicäa und speziell das Homousios zu der Norm der Rechtgläubigkeit und dem Grundstein des wahren Glaubens... Jetzt wird die Begrifflichkeit erarbeitet, die seitdem für das Trinitätsdogma elementar ist, und damit die Schwierigkeit weggeräumt, die den Homoiusianern die Annahme der Formel von Nicäa nicht möglich gemacht hatte: die Unterscheidung von "Usía" (Wesen) und "Hypóstasis" (Hypostase oder Person) in Gott; d.h. das eine göttliche "Wesen" (Gottsein) existiert in dreifachem "Personsein", wobei die "Personen" in Gott gerade nicht durch das konstituiert sind, was sie "in sich" sind..., sondern durch ihren Bezug aufeinander.

Gleichzeitig stellte sich das Problem der Gottheit und Personalität des Heiligen Geistes. Ist der Heilige Geist nur eine dem Menschen gegebene "Kraft" oder "Gabe" (also ein Geschöpf) oder eine Realität Gottes selbst? Von den damals so genannten "Pneumatomachen"... wurde die Gottheit des Hl. Geistes bestritten." *1)

 

Das Konzil von Konstantinopel I (381); von Konstantinopel nach Ephesus (431).

Das Konzil wurde vom oströmischen Kaiser  Theodosius I. (379 - 394) einberufen. Was Theodosius  von seinen Vorgängern unterschied, war weniger sein christlicher Glaube als vielmehr seine dezidiert „katholisch-orthodoxe“ Konfession: Die meisten christlichen Kaiser vor ihm hatten mit dem Arianismus sympathisiert. Theodosius erklärte hingegen 380 in dem berühmten Edikt Cunctos populos (welches an die Bevölkerung Konstantinopels gerichtet war, aber auch die Gesamtbevölkerung des Reiches ansprach) das nicänische Christentum zur De-facto-Staatsreligion. Die Erklärung des Kaisers erläuterte, als wahrer Katholik gelte nur, wer in der Religion lebe, die der Apostel Petrus den Römern überliefert habe und zu der sich der damalige Papst Damasus sowie der damalige Bischof von Alexandria, Petros, bekennen würden; daher gelte, „dass wir also an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes bei gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben“. Alle Andersgläubigen sollten als Häretiker gelten.

"Die trinitarischen Diskussionen der damaligen Zeit wurden im Osten sehr leidenschaftlich geführt. Über die Lage in Konstantinopel schreibt Gregor von Nazians (329 - 390): "Diese Stadt steckt voller Handwerker und Sklaven, von denen jeder ein tiefer Philosoph ist und in der Werkstatt oder auf der Strasse predigt. Willst du jemandem ein Silberstück wechseln, so macht er dir klar, worin sich der Vater vom Sohn unterscheidet; fragst du nach dem Preis eines Brotlaibs, so bekommst du zu hören, dass der Sohn geringer als der Vater sei; und wenn du dich erkundigst, ob dein Bad bereit sei, erhältst du zur Antwort: der Sohn ist aus dem Nichts geworden... Die leidenschaftliche Teilnahme auch theologischer Laien an der Diskussion zeigt, dass es hier um Fragen ging, die ihnen existentiell wichtig waren." *3)

 

 

 Das Nicäno - Konstantinopolitanum

(oftmals fälschlicher Weise als nicänisches Glaubensbekenntnis bezeichnet)

(Übersetzung aus dem lateinischen Konkordienbuch)

 

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater;

durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria
und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater
und dem Sohn*) hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn
angebetet und verherrlicht wird
, der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, christliche (katholische) und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

 

*) Die Textstelle "und dem Sohn (filioque)" wurde erst im 9. Jh. in den Text eingefügt. Damit waren allerdings die Ostkirchen nicht einverstanden. Deshalb kam es dann 1054 zur Kirchenspaltung zwischen den West- und Ostkirchen. Die katholische und die evangelischen Kirchen halten an dem Zusatz bis heute fest, während die orthodoxen Kirchen die Ergänzung bis heute ablehnen. Der Heilige Geist beinhaltet demzufolge also auch ein ganz und gar unheiliges, spaltendes Element.

"Weshalb wurde in diesem Glaubensbekenntnis die Umschreibung der Gottheit des Hl. Geistes als Stilmittel gewählt? Es spricht einiges dafür, dass das Glaubensbekenntnis als Dialogpapier und Verhandlungsbasis mit den Pneumatomachen (siehe oben) diente. Der Verzicht auf den Ausdruck "Homousios" und seine Umschreibung durch Gebetssprache hatte möglicherweise die Funktion, die Tür zum Dialog nicht von vornherein zuzuschlagen. Auch von da aus ist verständlich, dass das Glaubensbekenntnis, nachdem es seinen Zweck nicht erfüllte, zunächst keine weitere Verbreitung fand... Auch im Osten war es nur sporadisch bekannt und verwendet, zumal die exklusive Monopolstellung von Nicäa seiner Anerkennung entgegen stand. Nicäa hatte aber noch ein anderes Problem offen gelassen: Wie kann der überweltliche Logos sich mit den Menschen verbinden und doch Gott bleiben? Bzw. Wie kann das göttliche Wort Mensch sein, und doch sein Gott-sein von seinem Mensch-sein unterschieden werden? Hier bildeten sich zwei Denkrichtungen heraus:

1. Die alexandrinische Richtung. Sie betont die Einheit Christi. Athanasios und Cyrill von Alexandrien betonen die untrennbare Einheit von Gottheit und Menschheit in Jesus Christus, die nicht nebeneinander stehen, sondern eine einzige Wirklichkeit bilden. "so wie das Feuer das glühende Eisen durchdringt". "Das Wort ist Fleisch geworden und nicht in einen Menschen gekommen, bzw. hat nicht einen Menschen angenommen." Diese Theologie heißt auch "Logos-Sarx-Christologie" (Schema: Wort - Fleisch).

2. Die antiochenische Richtung betont dem gegenüber die Verschiedenheit von Gott und Mensch. Sie denkt das volle und eigenständige Menschsein Jesu bis zu Ende und nimmt es radikal ernst. Sie spricht mit besonderer Vorliebe von Christus als dem "zweiten Adam", bzw. dass der Logos im Menschen Jesu wie in einem Tempel wohnt oder ihn als sein "Werkzeug" benutzt. Diese Richtung heißt "Logos-Anthropos-Christologie". *1)

 

Das Konzil von Ephesus I (431); von Ephesus I zu Ephesus II, "Räubersynode"  (449).

"Die Gegenspieler...  sind Nestorios, Patriarch von Konstantinopel, als Vertreter der antiochenischen Richtung, und Cyrill, Patriarch von Alexandrien, als Vertreter der alexandrinischen Richtung...

Cyrill verstand sich auf politische Winkelzüge und auf alle Mittel des Machtkampfes, brachte dabei wenig Verständnis für andere theologische Ansätze auf; Nestorius reagierte auf Einwände ironisch, süffisant und mit gespielter Überlegenheit, wobei pastorales Geschick und Verständnis nicht seine starke Seite war. Das "Skandalon oikoumenikon"... drehte sich um den Titel"Gottesmutter" (Theotokos) und  bei dem Streit war die Frömmigkeit der Mönche, in deren Reihen die Anrufung "Theotokos" seit langem üblich war, am lebendigen Nerv getroffen. Diesen Streit nun hatte Nestorios schon vorgefunden, als er 428 Patriarch von Konstantinopel wurde... und versuchte zu vermitteln, indem er an Stelle der Termini "Gottesgebärerin" oder "Gebärerin des Menschen" (Jesus) den Ausdruck "Christusgebärerin" vorschlug. Sein Anliegen war dabei das der Nicht-Vermischung von Gottheit und Menschheit... Er setzte dem die Formel entgegen: "Maria hat einen Menschen geboren, ein Werkzeug der Gottheit"...

Zunächst nahm Cyrill an der Redeweise des Nestorios Anstoß. Es kam zu einem Briefwechsel, an dem beide im Grunde aneinander vorbei redeten... Nun wurde... Rom eingeschaltet. Nestorios informierte als erster den römischen Bischof Coelestin. Aber er beging einen schweren Fehler. Er realisierte nicht, dass die Kenntnis des Griechischen in Rom nicht mehr ohne weiteres ausreichte, um sich in diffiziler theologischer Fachterminologie zurechtzufinden. So kam es, dass sein Dossier erst einmal zur Begutachtung an den griechischkundigen Orient-Kenner Abt Cassian von St. Viktor in Marseille geschickt wurde. Auf diese Weise kam ihm Cyrill zuvor, der sein Dossier gleich mitsamt lateinischer Übersetzung nach Rom schickte. 430 verurteilte dann eine römische Synode (die ihn missverstand und seine Thesen nur verzerrt wiedergab) Nestorios und forderte ihn innerhalb von 10 Tagen nach Empfang des Schreibens zum Widerruf auf, widrigenfalls er aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen sei. Zum Exekutor des Urteils wurde niemand anders als Cyrill bestellt... Er fasste den Glauben an die Menschwerdung in 12 Anathemata (Bannandrohungen) zusammen und verlangte von Nestorios, dass er sie annehme.

(Anm.: anscheinend hat er nicht widerrufen, den Kaiser Theodosius II (408 - 450) berief ein Konzil nach Ephesos ein, das am 22. Juni begann).

Coelestin von Rom gab seinen Gesandten die Weisung, sich ganz an Cyrill zu halten und im übrigen nicht auf gleicher Ebene sich an den Diskussionen zu beteiligen, sondern zu richten... Zahlreiche ägyptische Mönche beherrschten durch ihre Demonstrationen, in Sprechchören "Theotokos" rufend, die Strassen der Stadt und heizten die Volksstimmung an... während Nestorios, zwar in der Stadt aber nicht auf dem Konzil, zu seiner Sicherheit vom Kaiser Polizeischutz gestellt bekam. Gleich zu Beginn brach der Konflikt zwischen dem Vertreter des Kaisers und Cyrill aus, die von entgegen gesetzten Konzilsvorstellungen ausgingen. Während der Kaiser die Verständigung zwischen beiden Richtungen wollte und deshalb für seinen Vertreter... die Leitung beanspruchte, fühlte Cyrill sich, von Rom voll unterstützt, als eigentlicher Herr des Konzils. Als die Ankunft der antiochenischen Bischöfe... sich verzögerte, wartete er nicht, sondern eröffnete gleich das Konzil mit den Anwesenden. Der Vertreter des Kaisers forderte, auf das Eintreffen der Antiochener zu warten. Er setzte sich jedoch nicht durch. Kyrill schob seine Konzilsleitung einfach beiseite und ließ an seinem Platz das Evangelienbuch liegen. Nestorios seinerseits weigerte sich, zum Konzil zu kommen, solange noch nicht alle Bischöfe da seien. Als Bischöfe zu seinem Haus kamen, verweigerte ihnen Polizei den Eintritt.

Das nun unter Cyrill tagende Konzil fand den zweiten Brief Cyrills an Nestorios als mit dem Glauben von Nicäa übereinstimmend, umgekehrt die Antwort von Nestorios als widersprechend. Bezeichnend ist hier für den Stand des Konzilsbewusstseins: die eigentliche Autorität stellt nach wie vor das Konzil von Nikaia dar, die Einheit von Gottheit und Menschheit in Jesus Christus. Dann wurde Nestorius abgesetzt; in einem Brief an ihn als "dem neuen Judas" wurde ihm mitgeteilt, dass er wegen seiner "gottlosen Lehräußerungen" aller kirchlichen Würden enthoben sei.

Es waren nur vier Tage nach der Eröffnung des Konzils durch Cyrill vergangen, als am 26. Juni auch die Antiochener eintrafen. Unter Führung von Johannes von Antiochien hielten sie ebenfalls in Ephesos ein Gegen-Konzil, welches seinerseits Cyrill absetzte. So hatte man unter Händeringen des Kaisers, der die Verständigung wollte, in derselben Stadt das Trauerspiel von zwei Konzilien, die sich zudem gegenseitig exkommunizierten. Der Kaiser erklärte nun das Konzil für null und nichtig, verbot den Bischöfen, Ephesos zu verlassen und kündigte die Untersuchung durch einen hohen Beamten an. Anfang Juli trafen dann die römischen Legaten ein und das Konzil wurde wieder aufgenommen und die Entscheidung der römischen Synode anerkannt; die Legaten stimmten nun ihrerseits der Absetzung des Nestorius zu. Dann wurde auch Johannes von Antiochien zugleich mit 30 Bischöfen exkommuniziert. Schließlich traf der kaiserliche Beamte ein, setzte sowohl Nestorios wie Cyrill ab, stellte beide unter Hausarrest und löste das Konzil auf... Dennoch folgte auf dieses Zuschlagen der Türen zwei Jahre später noch ein versöhnlicher Schluss... Zunächst einmal gelang es Cyrill, der ja abgesetzt war, durch Geschenke in Millionenhöhe an den Hof in Konstantinopel, die die Kirche von Alexandrien an den Rand des Bankrotts brachten, die Stimmung für sich zu wenden. Dennoch kam er nicht umhin, Konzessionen zu machen... Er gab seine anstößige Formel von der "einen Natur des fleischgewordenen Wortes" stillschweigend auf und akzeptierte eine "Unionsformel", die von Christus als "vollkommenen Gott" und "vollkommenen Menschen", gleichen Wesens mit dem Vater und ebenso mit uns, spricht... ebenso von der "Einigung zweier Naturen" und der "unvermischten Einigung", und von Maria als "Gottesgebärerin".

Für den nächsten "ökumenischen Skandal" sorgte ein Abt eines Klosters von 300 Mönchen in Konstantinopel, Eutyches mit Namen. Er radikalisierte jetzt die Formel Cyrills von der "einen Natur des fleischgewordenen Wortes"... Auf der Seite von Eutyches stand  der Nachfolger Cyrills, Patriarch Dioskoros (Dioskur) von Alexandrien. Sein wichtigster Gegner dagegen war Patriarch Flavian von Konstantinopel. Er ließ Eutyches 448 durch eine Synode in Konstantinopel verurteilen. Flavian forderte von Eutyches das Bekenntnis zu dem einen Christus in zwei (bleibenden) Naturen, was dieser verweigerte. Eutyches appellierte jetzt von Konstantinopel aus an die anderen bedeutenden Bischofssitze.

Die Konstellation war also wiederum ähnlich wie 20 Jahre zuvor: Alexandrien gegen Konstantinopel als Vertreter der rivalisierenden Theologien. Anders als damals bezog nun Rom eine eigenständige dogmatische Position und begab sich nicht in das Schlepptau Alexandriens. Papst Leo der Grosse (440 - 461)

schrieb einen Lehrbrief an Flavian, der die volle bleibende Integrität der beiden Naturen in Christus betonte, den berühmten Tomus Leonis...

Kaiser Theodosius II. jedoch, der damals eine Vermittlung wollte, stellte sich nun ganz auf die Seite Alexandriens. Der Grund ist darin zu sehen, dass in Wirklichkeit der Eunuch Chrysaphios als Minister regierte und die Politik bestimmte. Chrysaphios jedoch war ein Patenkind von Eutyches. Der Kaiser berief jetzt für 449 ein neues Konzil nach Ephesus ein, dessen Vorsitz er Dioskoros anvertraute." *1)

 

 

 

Ephesus II , die "Räubersynode"  (449);  von Ephesus II nach Chalkedon (451).

"Das Konzil begann am 8. August mit etwa 150 Bischöfen... auch Vertreter Roms waren anwesend. Schon die Umstände waren für die Gegenseite abschreckend. Die Atmosphäre der Einschüchterung, die schon auf dem Vorgängerkonzil vor 18 Jahren geherrscht hatte, war noch einmal potenziert. Ganze Kontingente von ägyptischen und syrischen Mönchen kamen angereist, die wiederum die Volksstimmung anheizten, dazu aus Alexandrien eine Truppe von  "Parabolani", einer Bruderschaft, die Kranke pflegte und Tote begrub aber dem Bischof auch als Leibwache zur Verfügung stand, handfeste Burschen, die offensichtlich... imstande waren... zu schlagen. (Anm.: Schrägdruck  zur Erklärung eingefügt aus "Catholic Encyclopedia, Classic 1914 Edition"). Die wichtigsten Kräfte der Gegenseite waren nach dem Willen Dioskoros' und des Kaisers von vornherein ausgeschaltet. Flavian von Konstantinopel kam lediglich als Angeklagter zum Konzil und hatte dort weder Sitz noch Stimme... Dioskoros beging gleich zu Anfang einen Fehler... er leistete es sich, Rom offen heraus zu fordern. Als die römischen Legaten gleich in der Eröffnungssitzung... die Verlesung des Leo-Briefes verlangten, verweigerte Dioskoros dies einfach. Dies war jedoch eine schwere Brüskierung Roms.

Es war nicht nur Gewalt und Terror, wodurch sich Dioskoros auf dem Konzil durchsetzte. Er verstand es vielmehr, viele Bischöfe dadurch zu täuschen, dass er ein anerkanntes und besonders in Ephesus 431 hochgehaltenes Prinzip anwandte und nun überstrapazierte. Dies war das Prinzip der Exklusivität von Nicäa und seines Glaubensbekenntnisses... Dies wurde jetzt radikalisiert zum Prinzip: "Keine neuen Dogmen über Nicäa hinaus!" Flavian habe jedoch durch seine Glaubensformel "in zwei Naturen", deren Unterzeichnung er von Eutyches verlangte, dem Glauben von Nicäa etwas hinzugefügt, was dort nicht stehe. Unter diesem Zeichen der nizänischen Exklusivität wurde nun Flavian mehrheitlich verurteilt und abgesetzt.

Da aber dennoch eine Minderheit Widerspruch erhob und auch der römische Diakon und spätere Papst Hilarius, des Griechischen nicht mächtig, sein berühmtes "contradicitur, Wir protestieren", in griechischen Buchstaben in den Konzilsakten erhalten... in die Versammlung hineinrief, ließ Dioskoros die Türen der Kirche öffnen: Soldaten, Parabolani, randalierende Mönche und ein lärmender Volkshaufen drangen ein und knüppelten den Widerstand nieder... (Anm.: Dabei erwischte es Flavian so schwer, dass er an den Folgen drei Tage später verschied!)

Ihren Namen, der sie unsterblich machte, erhielt die Synode gleich danach von Papst Leo, der sich von seinem Diakon Hilarius informieren ließ: sie sei kein "iudicium", sondern ein "latrocinium" gewesen (daher "Räubersynode" genannt, sinngemäß besser "Gangstersynode"). Eine römische Synode... nur wenig mehr als einen Monat nach der turbulenten Szene in Ephesus, verurteilte scharf ihre Beschlüsse. Rom hatte seit Ende des 4. Jahrhunderts den Anspruch erhoben, dass Konzilien, gleich welcher Zahl von Bischöfen, keine Autorität hätten, wenn ihnen nicht der Bischof von Rom zustimme. Jetzt war für dieses Prinzip die Probe aufs Exempel gekommen und es dauerte kein volles Jahr, bis es angewandt wurde.

Den weiteren Verlauf der Dogmengeschichte und der Konzilien entschied ein Sturz vom Pferd, an dem Kaiser Theodosius II. (450) starb. Jetzt kam seine Schwester Pulcheria ans Ruder, die die Politik des Chrysaphios immer missbilligt hatte. Sie heiratete den illyrischen Offizier Markian, der nun Kaiser wurde. Chrysaphios, Patenkind und Förderer von Eutyches, wurde nun entmachtet und hingerichtet, Eutyches interniert.

Während Kaiser Markian ein neues Konzil wünschte, das Ephesus II annullierte, war Papst Leo zunächst skeptisch. Sein eigentlicher Wunsch war ein Konzil... in Italien... Denn Leo wollte ... den Westen in die Waagschale werfen...

 

Das Konzil von Chalkedon (451)

Kaiser Markian (450 - 457) hatte das Konzil jedoch bereits nach Chalkedon (gegenüber Konstantinopel auf der anderen Seite des Bosporos) einberufen. Da Leo es nicht mehr verhindern konnte, suchte er ihm wenigstens eine feste Marschroute zu geben... Er verlangte für seine Legaten den Vorsitz und gab ihnen sein Lehrschreiben an Flavian mit, von dem er erwartete, dass das Konzil es als Direktive und Rahmen zu akzeptieren hatte...

Gleich zu Beginn des Konzils forderten die drei römischen Legaten im Namen Leos, dass Dioskoros nicht Sitz und Stimme haben dürfte, sondern auf die Anklagebank gesetzt werden müsse - andernfalls würden sie gehen. Und sie setzten sich durch. Dioskoros wurde verurteilt und abgesetzt, ebenso Eutyches, während Flavian nachträglich rehabilitiert wurde. Dann ließ man den Brief Cyrills an Nestorios vorlesen, der schon in Ephesus I angenommen war: er wurde als Ausdruck des wahren Glaubens von Nikaia anerkannt. Dann verlas man den Brief Leos an Flavian: die Konzilsväter riefen: "Petrus hat durch Leo gesprochen" - "Das ist unser Glaube" - "Cyrill und Leo lehren dasselbe".

Nun waren es die kaiserlichen Kommissare, welche drängten, es müsse eine neue Glaubensformel geschaffen werden, die jede Unklarheit beseitige. Die Mehrzahl der Bischöfe stand aber zunächst auf dem Standpunkt: Nicäa allein genügt für alle Zeiten; es bedarf keiner neuen Definition...

Es war ein komplexes und oft sehr spannungsgeladenes, ja mehrfach bis an die Zerreißprobe des unmittelbar bevorstehenden Bruches gespanntes Zusammenwirken der drei Größen: Kaiser, Papst und der... bischöflichen Mehrheit, was zu der Formel von Chalkedon führte. Aber unter diesem Druck von mehreren Seiten war eine dogmatische Definition geschaffen worden, in der sowohl die alexandrinisch-cyrillische wie die antiochenische Richtung ihre Anliegen wieder erkennen konnten und in der... zum ersten Mal auch die lateinische Theologie einen eigenständigen Beitrag geleistet hatte." *1)

 

Die Glaubensformel von Chalkedon

 

[Definition] In der Nachfolge der heiligen Väter also lehren wir alle übereinstimmend,

unseren Herrn Jesus Christus als ein und denselben Sohn zu bekennen:

derselbe ist vollkommen in der Gottheit und derselbe ist vollkommen in der Menschheit;

derselbe ist wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch aus vernunftbegabter Seele und Leib;

derselbe ist der Gottheit nach dem Vater wesensgleich und der Menschheit nach uns wesensgleich, in allem uns gleich außer der Sünde [vgl. Hebr 4,15]; derselbe wurde einerseits der Gottheit nach vor den Zeiten aus dem Vater gezeugt, andererseits der Menschheit nach in den letzten Tagen unsertwegen und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau und Gottesgebärerin, geboren;
ein und derselbe ist Christus, der einzig geborene Sohn und Herr, der in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar erkannt wird, wobei nirgends wegen der Einung der Unterschied der Naturen aufgehoben ist, vielmehr die Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen gewahrt bleibt und sich in einer Person und einer Hypostase vereinigt;

der einzig geborene Sohn, Gott, das Wort, der Herr Jesus Christus, ist nicht in zwei Personen geteilt oder getrennt, sondern ist ein und derselbe, wie es früher die Propheten über ihn und Jesus Christus selbst es uns gelehrt und das Bekenntnis der Väter es uns überliefert hat.
[Sanktion] Da dies also von uns in jeglicher Hinsicht mit aller Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit festgesetzt wurde, beschloss das heilige und ökumenische Konzil, dass keiner einen anderen Glauben vortragen, niederschreiben, verfassen oder anders denken und lehren darf ...

 

*1) Aus: Schatz Klaus, Allgemeine Konzilien - Brennpunkte der Kirchengeschichte, UTB: ISBN 3-8252-1976-3

*2) Prof. Hubertus Mynarek bei einem Podiumsgespräch am 01.03.2004 in Augsburg zum Thema: "Die Kirche und unser Geld - Bürger, wollt ihr ewig zahlen!"

*3) Aus: Ohlig Karl-Heinz, Ein Gott in drei Personen?  Grünewald: ISBN 3-7867-2167-X; Exodus: ISBN 3-905577-33-X

 

Zu *2) Die Einnahmen der Kirchen sind gewaltig: 20 Milliarden € Einnahmen durch Staatszuwendungen und 8½ Milliarden € durch Kirchensteuereinnahmen. Da nimmt es nicht wunder, wenn Norbert Feldhoff, einer der besten Finanzexperten der katholischen Kirche überhaupt (er war in der Erzdiözese Köln Finanzdirektor und eine Zeitlang auch Caritas-Direktor), sinngemäß sagte: Im Grunde genommen bräuchte die Kirche die Kirchensteuern überhaupt nicht!
Dr. Carsten Frerk hat sich als Politologe über zwei Jahre die Mühe gemacht, das kirchliche Finanzgebaren zu untersuchen. Und sein Buch ist schon fast ein Standardwerk: »Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland« (Alibri-Verlag, ISBN-Nr. 3-932710-39-8). Er kam auf Zuschüsse von 20 Milliarden, das sind 20.000 Millionen, eine unvorstellbare Zahl. Vielleicht können wir aber soviel festhalten: Wenn der Staat diese Leistungen an die Kirchen, die er ja nun schon seit vielen Jahrzehnten leistet – wobei sich in den letzten zwei Jahrzehnten die Summen deutlich erhöht haben –, wenn der Staat diese Leistungen nicht an die Kirchen abgeführt hätte, dann wäre heute die Staatsverschuldung in Bund, Ländern und Gemeinden nur etwa halb so hoch. Das ist eine Zahl.

Eine zweite Zahl: Wir alle – egal, ob wir der Kirche angehören oder nicht – zahlen über unsere Steuern in etwa doppelt soviel an die Kirchen wie über die Kirchensteuer. Das heißt, wir alle werden mit dem doppelten Kirchensteuersatz zur Kasse gebeten und die Kirchensteuerzahler natürlich mit dem dreifachen Satz, denn die müssen noch einmal zahlen, nämlich die normale Kirchensteuer.

20 Milliarden EURO vom Staat insgesamt direkt und indirekt an Subventionen, an Zuwendungen und zwar für rein innerkirchliche Zwecke! Da sind also nicht die Zuwendungen für öffentliche Sozialeinrichtungen dabei. Diese sind ja im Prinzip nicht einmal in Zweifel zu ziehen, denn wenn die Kirche oder andere freie Träger sie nicht betreiben würden, dann müsste sie der Staat bzw. die Kommune betreiben. Aber auch hier wird deutlich: Die Kirchen nutzen die paar Prozent oder sogar bei Krankenhäusern die Null Prozent, die sie selber beisteuern, dazu, ihr kirchliches Arbeitsrecht anzuwenden. Das aber bedeutet z.B., dass, wer geschieden ist und wieder heiratet, fristlos entlassen wird – fristlos, d.h. die Kirche ist nicht einmal an Kündigungsfristen gebunden.

 

Merke: "Die Statthalter Gottes mochten es noch so arg treiben, den dummen Menschen gingen die Augen nicht auf. Fürsten und Völker ließen sich von den Päpsten das Fell über die Ohren ziehen und küssten dafür den Tyrannen noch immer demütig den Pantoffel".
(
Otto von Corvin, "Der Pfaffenspiegel", (1812-1886)

 

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