Jesus Christus

 

 

 

1. "Jesus", der Name.

 

"Jesus" ist die latinisierte Form des griechischen Ιησoυς das wiederum vom hebräischen Vornamen Yehoshua (Josua) abstammt. Josua bedeutet "Jahwe ist Hilfe, Rettung".
Josua der Sohn Nuns war im Alten Testament der Nachfolger von Mose, der die Israeliten bei der Eroberung von Kanaan anführte. Das Buch Josua ist nach ihm benannt. Zur Zeit des Zweiten Tempels (serubbabelischer und herodianischer Tempel: 516 v. Chr. - 70 n. Chr.) war Josua einer der häufigsten jüdischen Vornamen. In der griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, wird Josua als Jesus (Ιησoυς) geschrieben. "Jesus" von Nazareth hieß ursprünglich also auch "Josua" (Yehoshua). Die Unterscheidung der Namen "Jesus" und "Josua" wurde erst durch die lateinische Bibelübersetzung von Hieronymus eingeführt.

"Christus" stammt vom griechischen Χριστoς (christos) und bedeutet "Gesalbter", "Messias".

 

2. Der politisch - rechtliche und gesellschaftliche Rahmen der Juden zur Zeit Jesu in Palästina.

 

Ein wesentlicher Aspekt der jüdischen Geschichte in der hellenistisch-römischen Ära, war die Existenz einer großen Diaspora, teils ein Überbleibsel aus der Perserzeit (6. Jahrhundert v. Chr.), teils ein Resultat der griechischen Vorherrschaft, in der sich neue jüdische Gemeinden als Ableger der bereits bestehenden entwickelten. Vertreibungen, politische und religiöse Unterdrückung in Judäa, bessere wirtschaftliche Aussichten und die Proselytenbewegung, als Folge des Niedergangs der alten Götterwelt im gesamten Mittelmeerraum ein Jahrhundert vor und nach Chr., begünstigten diesen Prozess. (Proselyten sind zum Judentum übergetretene Nichtjuden, die dem Götzendienst bereits abgeschworen hatten, unterwegs zum Judentum waren und die sieben noachidischen Grundgebote auf sich genommen hatten, als da sind: Verbot von Gotteslästerung,  Götzendienst, Mord, Raub, Unzucht, Genuss eines Körperteils eines noch lebenden Tieres, und das Gebot zum Errichten, bzw. Befolgen einer Rechtsordnung). Zur Zeit des röm. Kaisers Augustus (27 v. bis 14 n. Chr.) konnte der griechische Historiker Strabo berichten, dass es in der gesamten bewohnten Welt kaum einen Platz gäbe, wo sich die Macht der Juden nicht bemerkbar gemacht hätte. Es gab sie in allen Anrainerstaaten der mediterranen Welt, besonders stark in Ägypten und Syrien, der Cyrenaika und Kleinasien, auf Zypern und der gesamten griechischen Inselwelt, wie auch in den Großstädten Griechenlands, (Athen, Delphi, Korinth und Thessaloniki). Aber auch in Italien und vor allem in Rom wuchs ihre Zahl ständig, vor allem auch durch die Kriegsgefangenen unter Pompeius (röm. Feldherr 106 - 48 v. Chr.).

 

Das östliche Mittelmeer unter Cäsar und Augustus mit seinen Anrainerstaaten als Teil des Imperium Romanum (135 vor - 14 nach Christus).

 

Unter Augustus und den nachfolgenden Kaisern zählten die jüdischen Bewohner Roms bereits nach zehntausenden und es gab zahlreiche Synagogen.                 

Als Rom die Macht in der Mittelmeerwelt übernahm, erkannte der römische Staat die Notwendigkeit, gegenüber den Juden eine einheitliche Politik zu verfolgen. Diese Politik ging von dem Grundsatz aus, dass die jüdische Religion uneingeschränkt zu tolerieren sei. Die Definition der römischen Judenpolitik war das Werk von Julius Cäsar (100 - 44 v. Chr.) und Augustus, die eine Reihe von Edikten zugunsten der Juden erließen: sie erhielten das Recht, ihre eigenen Organisationen und eine autonome Verwaltung und Gerichtsbarkeit zu unterhalten; von der Teilnahme an heidnischen Riten und von anderen Verpflichtungen, die einen Verstoß gegen die jüdischen Religionsvorschriften bedeutet hätten, wurden sie entbunden; darin einbezogen war sogar die Befreiung von der göttlichen Verehrung des Kaisers, die damals als allgemein verbindliche Loyalitätsbekundung gegenüber dem römischen Staatsoberhaupt galt. (Eine Ausnahme davon gab es nur unter Caligula).

Seit der Eroberung Jerusalems durch Pompeius (63 v. Chr.) unterstand Palästina der römischen Oberherrschaft. 43 v. Chr. ernannte der römische Senat Herodes den Großen zum König von Judäa; er trat 37 v. Chr. seine Regentschaft an und zeichnete sich durch unbedingte Romtreue aus. Sein Territorium erstreckte sich auf Judäa, Samaria, Galiläa, einen Küstenstreifen und einige Teile des Ostjordanlandes. Nach seinem Tod (4 v. Chr.) wurde das Land unter seine Söhne aufgeteilt. König Herodes Antipas war als jüdischer König von Galiläa Vasall und Vollzugsgehilfe Roms, sein Bruder Archelaus als König von Judäa zeigte sich rücksichtslos und brutal dem eigenen Volk gegenüber und war so unbeliebt, dass er 6 n. Chr. von den Römern abgesetzt werden musste und nach Gallien verbannt wurde. Danach verwaltete ein römischer Prokurator die Provinz Judäa und Samaria. Im Kontext von Jesu Leben und Tod wurde besonders der fünfte Prokurator, Pontius Pilatus (26-36 n. Chr.),  bekannt.

Für Judäa und Galiläa hieß das: Die Steuer- und Abgabenpolitik bestimmte Rom mit seinen Vollzugsorganen, ebenso die Außenpolitik und die Richtlinien der Innenpolitik, für deren Durchsetzung auch ein militärischer Machtapparat zur Verfügung stand; kommunale Selbstverwaltung sowie religiöse und zivilrechtliche Angelegenheiten unterstanden den Juden.

 

(Palästina zur Zeit Christi: Rot umrandet = Römische Provinz Syrien; gelb (Galiläa, Peräa) = Teilbereich unter Herodes Antipas (4 v. - 39 n. Chr.); grün (Samaria, Judäa, Idumäa) Teilbereich unter Archelaus (4 v. - 6 n. Chr.).

 

Seit der Amtszeit  Herodes des Großen war das Amt des jüdischen Hohen Priesters von dem des Königs getrennt, jedoch, wie auch die übrigen jüdischen Ämter des 70-köpfigen Hohen Rates (Sanhedrin), von des Königs  Gnaden und seiner Willkür abhängig. Kapitalverbrechen gegen das Regime wurden von Organen des römischen Statthalters geahndet, jedoch konnte auch der Hohe Rat in Ausnahmefällen Todesurteile verhängen, z. B. bei religiösen Delikten, wie Tempelschändungen.  In der Regel jedoch war die Zuständigkeit des Hohen Rates für geringere Delikte zivilrechtlicher Art gegeben. Vorsitzender des Hohen Rates war der Hohe Priester; von 6 bis 15 n. Chr. hatte Hannas dieses Amt inne, gefolgt von seinem Schwiegersohn Kajaphas (18-36 n. Chr.). Die Pilatusgeschichte in den Evangelien spiegelt das Gerangel um die Zuständigkeiten bei der Verurteilung Jesu zwischen Pilatus (politisch zuständig für Judäa und Samaria und strafrechtlich für Kapitalverbrechen), Herodes Antipas (zuständig in Galiläa, von wo Jesus abstammte) und Hohem Rat (zuständig für religiöse Delikte und zivilrechtliche Angelegenheiten), besonders bei Lukas, treffend wider. Im Hohen Rat saßen Vertreter der Pharisäer und Sadduzäer, sowie Priester und Leviten (Tempeldiener). Da es damals im jüdischen Zuständigkeitsbereich keine Trennung zwischen Politik und Religion gab, waren die Parteien in erster Linie religiöse Parteien, die auch Politik machten.

a) Die Pharisäer: Ihr Hauptanliegen war die unbeirrbare Treue zur Thora und deren Anwendung in allen Lebensbereichen. Die Thora, auf welche sie sich bezogen, wich erheblich vom Text der Bibel ab, denn sie umfasste auch die gesamte lebendige Tradition der Halacha, die eine Weiterentwicklung darstellte mit dem Ziel, auf alle Fragen des sich stets fortentwickelnden täglichen Lebens Antworten zu finden. Diese pharisäische Tradition ergab sich aus der Interpretation der Bibel (dem Teil, den die Christen als "Altes Testament" verstehen)  und erfasste alle Aspekte der Religion, des Ritus, des Rechts und der gesellschaftlichen Ordnung u.a. mit dem Ziel, eine Humanisierung des Strafvollzugs zu erreichen. Im Hohen Rat waren sie mit einer geschlossenen Fraktion von Thorakennern vertreten und hatten maßgeblichen Einfluss auf die Ratsbeschlüsse. Sie stellten auch die "Soferim", die Schriftführer oder Schriftgelehrten. In der Theologie vertraten sie eine mittlere Position zwischen einer Vorherbestimmung (wie sie etwa die Essener lehrten) und der Lehre vom freien Willen. Sie glaubten an die Unsterblichkeit der Seele, eine individuelle Belohnung, bzw. Bestrafung nach dem Tode, an Engel als Boten Gottes und an die Auferstehung von den Toten.  Ihr Einfluss reichte über ihre unmittelbare Gefolgschaft hinaus, in die Mehrheit des Volkes hinein. Das Volk erblickte in ihnen ihre natürlichen Anführer und akzeptierte die pharisäische Halacha als den selbstverständlichen Ausdruck der jüdischen Religion. Dem spirituellen und sozialen Wirken der Pharisäer ist es zu verdanken, dass die jüdische Religion zu jener Zeit ihre Lebenskraft behielt und einige von ihnen traten auch überall in der Diaspora als führende Vertreter der Proselytenbewegung auf.

Jesus bezieht sich in seinen „Weherufen gegen die Pharisäer”, die im Neuen Testament überliefert sind (Matthäus 23), auf die heuchlerischen Pharisäer, die auch im Talmud (jüdisches Gesetzes- und Religionswerk) verurteilt werden. Neben dem „Schulter-Pharisäer”, der seine guten Taten auf den Schultern trägt, gibt es natürlich auch, (wie es in allen menschlichen Gemeinschaften unterschiedliche Menschen und Anschauungen gibt), die vielen „gottesfürchtigen Pharisäer”, wie z. B. Hiob, und die „Gott liebenden Pharisäer”. Diese werden in den Evangelien als Jesus gegenüber positiv eingestellt beschrieben (Lukas 7, 37 und 13, 31). Jesus spricht hier im N.T. ein menschliches Problem schlechthin an, exemplarisch festgemacht an der allen seinen Zuhörern bekannten Fraktion der Gesetzesmacher, der Pharisäer.

b) Die Sadduzäer: Hauptwidersacher der Pharisäer waren die Sadduzäer, die im religiösen Bereich das konservative Element verkörperten. Sozial gesehen bildeten sie die Oberschicht der jüdischen Gesellschaft und zu ihnen gehörten die Aristokratie, die Plutokratie (Macht des Geldes und des Besitztums), und vor allem die alten Priesterfamilien. Für sie galt nur die geschriebene Thora als heilig und sie billigten den Weisen, den Lehrern, den "Hachamim" der Pharisäer nicht die Autorität zu, ihre eigenständigen Deutungen der Thora zu verkündigen und als Grundlage für Gesetze zu bestimmen. In vielen Dingen, die mit dem Tempeldienst, mit Rechtsproblemen und mit dem Alltagsleben zusammenhingen, waren sie anderer Meinung als die Pharisäer. In Glauben und Philosophie hielten sie am freien Willen fest und verwarfen viele der Glaubensvorstellungen ihrer Zeit, so die Auferstehung von den Toten und die Bedeutung der Engel. Weitere gesellschaftliche Gruppierungen:  

c) Die Essener: Waren nicht im Hohen Rat vertreten und arbeiteten teils als Bauern, teils als Handwerker, häuften weder Silber noch Gold an, verzichteten auf jeglichen Reichtum, stellten keine Waffen her und lehnten den Handel in jeglicher Form ab. Es gab bei ihnen keine Sklaven, keiner besaß ein eigenes Haus und ihre Wohnungen standen jedem Gleichgesinnten offen. Sie veranstalteten oft Gemeinschaftsessen, nahmen sich der Alten und Kranken an und sorgten für deren leibliches Wohl. Ihre Ein- und Ausgaben, Kleidung und Verpflegung waren kommunalisiert.

d) Die Zeloten: Bei ihnen handelte es sich um Sekten, die sich im wesentlichen die Einstellung des pharisäischen Judentums zu eigen machten, aber in ihrem Kampf um politische Freiheit und die Befreiung von der römischen Herrschaft extremer waren als die meisten Pharisäer. Es hat sich eingebürgert, alle diese Sekten unter dem Sammelnamen "Zeloten" zusammen zu fassen, obwohl der Begriff nur eine einzige Strömung in der aktivistischen Befreiungsbewegung bezeichnete. (Die "Helden" von Masada z. B. werden heute nicht den freiheitsliebenden Zeloten zugeordnet, sondern der extrem nationalistischen Sikarier - Sekte, die ihre Angehörigen auf der Festung Masada zum Selbstmord zwang, um nicht den Römern in die Hände zu fallen).

 

 

 3. Religiöse Strömung

Die Synagoge wurde in der Zeit des zweiten Tempels  geschaffen und gewann überragende Bedeutung in Palästina und der Diaspora. Sie bewirkte eine der größten Umwälzungen in der Religions- und Sozialgeschichte. Sie war ein völlig neuer Gottesdienstraum, in dieser Form sonst nirgendwo bekannt und verzichtete auf das strenge Zeremoniell des Tempels. Sie wurde zum Zentrum des religiösen und gesellschaftlichen Lebens der Juden und diente anderen monotheistischen Religionen als Vorbild für deren Kirchen und Moscheen.

Der jüdische Monotheismus zur Zeit  Jesu war bereits ausgesprochen abstrakt, nachdem die Propheten verstummt waren und eine Verbindung zwischen Mensch und überirdischer Welt nicht mehr empfunden wurde. Während das Bild Gottes immer abstrakter wurde, gewann der Glaube an Engel als Vermittler zwischen Gott und Mensch mehr und mehr an Boden. Daneben war die Thora und deren Ausdeutung, die alle Aspekte des Daseins erfasste, sich jedoch auch im Formalistischen und in Äußerlichkeiten verzettelte, ein wesentliches Element des Judentums in der letzten Hälfte des zweiten Tempels. Charakteristisch für das religiöse Leben zur Zeit Jesu   waren z. B. eine rigorose Gesetzesfrömmigkeit im ethischen wie kultischen Bereich (Speisegesetze und Reinheitsgebote hatten nahezu den gleichen Stellenwert wie ethische Vorschriften) sowie eine Aufwertung des Kultes (Betonung der Heiligkeit des Tempels und der heiligen Stadt Jerusalem), zum andern das Anwachsen apokalyptischer Strömungen.

Die Glaubenstreue der Juden gipfelte im Märtyrertum als höchsten Ausdruck ihrer Bereitschaft, eher zu sterben, als die Gebote der Thora zu übertreten und wurde auch zu einem  politischen Faktor den Römern gegenüber. In manchen Kreisen war es mit apokalyptischen, endzeitlichen Vorstellungen verknüpft und dieser Überzeugung zufolge setzte das Reich Gottes das Blut der Heiligen voraus zur Erlösung Israels. Die endzeitlichen, eschatologischen Vorstellungen und die Auferstehung von den Toten, um die das normative Judentum seit Makkabäerzeiten (2. und 1. Jh. v. Chr.) in der täglichen Liturgie betete, waren verknüpft mit messianischen Erwartungen und waren ein jüdisches Erbteil seit den biblischen Propheten, allerdings ohne die Prämisse, dass der Messias von einer Jungfrau geboren, gekreuzigt und begraben werden müsse. Das ist christliches, von anderen Religionen, bzw. Mysterien übernommenes Sondergut. In der jüdischen Apokalypse gegen Ende des 2. Tempels vermischten sich nationale Hoffnungen mit einer universalen Vision. Als Ende der Zeit galt nicht nur der Zeitpunkt, zu dem Israel geläutert und seine Feinde bestraft würden, sondern auch der Tag, an dem alle Völker und alle Menschen gerichtet würden. Diese Welt würde vergehen und an ihrer Stelle eine wunderbare neue Welt entstehen. Höchster Ausdruck dieser Erwartung war eben der pharisäische Glauben an die Auferstehung von den Toten und die Ankunft des Messias.

"Am dritten Tage auferstanden von den Toten", heißt es im Glaubensbekenntnis der christlichen Kirchen über Jesus Christus. Was zwei Jahrtausende lang ein Mysterium war, war schon lange vorher angekündigt.

Der Bibelforscher Israel Knohl ein angesehener Bibel-Experte von der Hebräischen Universität in Jerusalem hat eine Steintafel entziffert, die von einer anderen Auferstehung berichtet – Jahre vor Jesu Geburt. Diese "Gabriel-Offenbarung" die, hier sind sich die Experten nach eingehenden Untersuchungen einig, keine Fälschung sein kann, wurde Jahrzehnte vor der Geburt Jesu auf Kreidestein geschrieben und untermauert die Theorie von Israel Knohl über Mythen um einen Messias vor Jesus, der getötet wird und nach drei Tagen zum Leben aufersteht. Knohl unterscheidet einen „Messias Sohn des Josef“ vom „Messias Sohn des David“ aufgrund verschiedener Textstellen im Talmud. Diesen Sohn des Josef identifiziert Knohl als die historische, bei Josephus Flavius erwähnte Figur des Simon, ein Rebell, der sich nach dem Tod des Königs Herodes zum neuen König ausrief, dessen Aufstand aber von den Römern blutig unterdrückt wurde. In der Gabriel-Offenbarung beziehen sich die Verkündigungen des Erzengels auf einen gewissen Ephraim. In der Bibel ist das der Name des Sohnes von Stammvater Josef, dem Lieblingssohn Jakobs. Knohl untersucht auch andere Stellen des Gabriel-Textes und findet weitere Anspielungen auf einen Messias Josefsohn, der getötet und zum Leben aufgeweckt wird.  Hier sieht Knohl den Ursprung eines „Katastrophen-Messianismus'“, der die Befreiung der Juden vom Tod eines Erlösers und dessen Auferstehung zum Leben abhängig macht. Jesus von Nazareth, der Heilsbringers aus dem Hause Davids ist einer dieser Messiase.  

Das heißt, die Apokalyptik mit ihrer Naherwartung des kommenden Weltgerichts und die mit ihr verbundene Erwartung eines politischen und eschatologischen Messias bildet den geistesgeschichtlichen Hintergrund des Wirkens Jesu und der  messianischen Bewegung  um Jesus von Nazareth und ist eine Antwort auf bislang offene Fragen zur Entstehung des Christentums aus dem Judentum: Jesus verliert etwas von seiner mythologischen Einzigartigkeit, gewinnt dafür aber an geschichtlicher Präsenz und wohl auch an jüdisch nationaler Identität. Die Inschrift verändere nicht nur "unsere Ansichten über die historische Person Jesus Christus", sondern zeige auch eine neue Verbindung zwischen Juden- und Christentum auf, sagte Knohl. "Dieser Text könnte das fehlende Glied zwischen Judentum und Christentum sein, da er den christlichen Glauben an die Wiederauferstehung des Messias in jüdischer Tradition verwurzelt."

Nach den historisch als echt vermuteten Jesusworten (z.B. „Logienquelle“, Thomasevangelium der Apokryphen) erkannte Jesus im Gottesbild seiner Zeitgenossen mehrere Fehldeutungen der Schriften der Väter und versuchte, diese zwar in der ursprünglichen Sinndeutung,  jedoch "zeitgemäß", d.h. mit Blick auf die Naherwartung des Gottesreiches, zu interpretieren und gerade zu rücken. Er wollte also das Judentum reformieren. Was jedoch in der hellenistischen Welt daraus gemacht wurde, entsprach mit Sicherheit nicht seiner Intention.

 

 

4. Die Historizität Jesu Christi

 

 

Geschichtswissenschaft ist nach Johan Huizinga (niederländischer Kulturhistoriker 1872 - 1945) die geistige Form, in der sich die Menschen über ihre Vergangenheit und die Bedingungen ihrer Entwicklung Rechenschaft geben. Was immer wir tun, geschieht vor dem Hintergrund der Erfahrungen, des Wissens und der Traditionen, die unser Dasein geprägt haben; wir sind geschichtliche Wesen. Die Kenntnis der Vergangenheit hilft uns, unser gegenwärtiges Handeln und seine Bedingtheit zu verstehen. Die Gegenwart ist ohne die prägende Vergangenheit gar nicht denkbar, woraus sich zwangsläufig das Bedürfnis des Menschen ergibt, sich ein Bild von der Geschichte zu machen. 
In dieses Geschichtsbild, die Summe der Vorstellungen, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort über den Verlauf von Geschichte herrschten und das Denken und Handeln von Menschen und deren historisches Selbstverständnis beeinflussten, fließen  zahlreiche Faktoren religiöser, philosophischer, sozialer, politischer und ökonomischer Natur ein, welche das Geschichtsdenken und damit auch das jeweilige Geschichtsbild und die geschichtliche Identität von Individuen oder Gruppen prägen. Vor diesem Hintergrund können ein- und dasselbe historische Ereignis, aber auch eine ganze Epoche – etwa die Oktoberrevolution oder das Zeitalter des Absolutismus – aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen gänzlich voneinander abweichende, ja sogar widersprüchliche Bewertungen erfahren.
Als der athenische Historiker Thukydides um 400 vor Christus seine Schriften über den Peloponnesischen Krieg zwischen Sparta und Athen veröffentlichte, klagte er: "Eine objektive Geschichtsschreibung zu erstellen, war nicht einfach, weil die Zeugen der einzelnen Ereignisse nicht dasselbe über dasselbe aussagten, sondern je nach Gunst und Gedächtnis berichteten."

Ursprünglich wurde Geschichte einfach erzählt und interpretiert. Dargestellt wurden Ereignisse und Geschehnisse aus der subjektiven Sicht des Interpreten, (Sieger oder Verlierer einer Schlacht sehen ein und denselben Tatbestand nun einmal unterschiedlich) die weiterhin geprägt war von einem Weltbild, welches sich ätiologischer (die Entstehung, Schöpfung betreffend), soteriologischer (die Erlösung des Menschen betreffend) und eschatologischer Mythen (die letzten Dinge des Menschen und dieser Welt betreffend)  bediente, zur Erklärung existentieller Fragestellungen, und aus der die Historizität einer Person oder eines Ereignisses nur dann herausgefiltert werden kann, falls Zeitzeugen unterschiedlicher Fraktionen darüber übereinstimmend unterrichten (und nicht solche die jemand kennen, der jemand kannte, dessen Urgroßvater gesagt haben soll...). Eine einigermaßen objektive Geschichtsschreibung gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert als man begann, sich verstärkt mit der Geschichte nach wissenschaftlichen Kriterien zu beschäftigen,  d. h. Daten und Fakten  systematisch zu erfassen.  Aber letztlich bleibt die Geschichtswissenschaft auch heute noch immer durch die Werthaltungen der Gegenwart bzw. durch das Wertesystem des Wissenschaftlers beeinflusst. Nach dem Historiker Geoffrey Elton (1921 - 1994) sind die historischen Fakten Begebenheiten, welche vergangen sind und über die Quellen Spuren bis in die heutige Zeit hinein hinterlassen. Diese Spuren benutzen die Historiker, um die Fakten in der Gegenwart zu rekonstruieren. Um eine ernsthafte Rekonstruktion durchzuführen, muss der Historiker sämtliche Vorurteile und Vorannahmen über Bord werfen und sich den Quellen unvoreingenommen zuwenden. Den größten Feind der objektiven Arbeit des Historikers stellt somit die Ideologie dar, da sie den Historiker zwingt, seine Quellenfundamente an das von außen auferlegte Paradigma anzupassen. Stattdessen muss die Quelle aus dem Kontext des Entstehungszeitraums heraus und unter Ausschluss der heutigen geschichtswissenschaftlichen Theorien interpretiert werden.

Hier scheint es angebracht einen Blick auf das Jesus-Buch Papst Benedikts hinsichtlich der Historizität Jesu Christi zu werfen, (Herder 2007, ISBN 978-3-451-29861-5, "Jesus von Nazareth") denn es erhebt keinen geringeren Anspruch, als dass ":der biblische Glauben sich auf wirklich historisches Geschehen bezieht. Er erzählt nicht Geschichte als Symbole über geschichtliche Wahrheiten, sondern er gründet auf Geschichte, die sich auf dem Boden dieser Erde zugetragen hat. Das Factum historicum ist für ihn nicht eine auswechselbare symbolische Chiffre, sondern konstitutiver Grund".

Deswegen ist es wichtig, sich noch einmal den Unterschied zwischen Geschichtsschreibung (siehe oben) und mythologischer Dichtung (siehe Inhaltsverzeichnis 2.b.) vor Augen zu führen.

Benedikt XVI lässt gleich im Vorwort zu seinem Jesus-Buch die Katze aus dem Sack, wenn er feststellt, dass die Fortschritte der historisch-kritischen Forschungsmethode eine Situation geschaffen haben, die für den Glauben dramatisch sei, weil sein eigentlicher Bezugspunkt, die Gottheit Jesu Christi unsicher wird und deswegen die innere Freundschaft mit Jesus droht, ins Leere zu greifen. Ergo, so seine Logik, darf nicht der Bezugspunkt in Frage gestellt werden, denn damit wäre der Anfang vom Ende der Kirche eingeläutet, sondern die Methode, aus welcher zwangsläufig das Ergebnis resultiert, muss relativiert werden. Sein Konstruktionspunkt ist „die Gemeinschaft Jesu mit dem Vater“ in die man ja wohl alles hinein interpretieren kann; seine Methode: der „kanonische Zugang“ zur „Heiligen Schrift“, vor etwa 30 Jahren in Amerika als Projekt der „kanonischen Exegese“ entwickelt. Es handelt sich dabei um eine scholastische Bibelauslegung in modernisierter Form, die zu den auf Tradition gegründeten Zugängen zur "Heiligen Schrift" gehört, sich auf die Bibel "als Ganzes" stützt (ganzheitlicher Zugang) und eine theologische Interpretationsmethode darstellt, die sich "explizit im Rahmen des Glaubens bewegt". Jeder biblische Text wird dem gemäß im Lichte des Kanons der ganzen Heiligen Schrift interpretiert, d.h. jedoch „im Licht der Bibel als Weisung für den Glauben einer Gemeinschaft von Gläubigen“. Bei diesem Prozess wurden, und werden auch heute noch nach der Fixierung des Kanons, hermeneutische Methoden angewendet: die Methode sucht jeden Text innerhalb des einzigen Planes Gottes (wer kennt den schon?) zu situieren, um eine „Aktualisierung der Heiligen Schrift für unsere Zeit“ anzustreben. (Von einer „kanonischen“ Hermeneutik spricht man, wenn die Wiederholung der Traditionen, trotz neuen religiösen, kulturellen, theologischen Bedingungen in sich verändernden Situationen, die Identität der Botschaft aufrechterhält). Wohlgemerkt, es geht darum, trotz der Erkenntnisse der historisch-kritischen Forschung, die Aussagen der Bibel um jeden Preis in das „Heute“ zu transportieren. Dazu dient Benedikts Buch, welches zu schreiben sicherlich nur ein kirchlich intellektueller, mit allen katholischen Wassern gewaschener Würdenträger in der Lage ist. Aus Theologie wird auf diese Weise allerdings Ideologie.

 "Wenn aber die Wahrheit Gottes sich durch meine Unwahrheit als noch größer erweist und so Gott verherrlicht wird, warum werde ich dann als Sünder gerichtet?" (Paulus, Röm 3,7)

Man muss es dem Oberhaupt einer christlichen Kirche zugestehen, dass er seinem Lebensmittelpunkt und dem Inhalt seines Lebens seine persönliche Würdigung zukommen lässt. Wie könnte er auch anders. Jedoch ist auch klar, dass seine Äußerungen, seine Auslegungen untrennbar mit dem obersten Kirchen-Amt der katholischen Kirche und ihrer (seiner) Lehren verbunden sind. Es gibt deren aber auch noch andere, oftmals sich in unüberbrückbarer Ambivalenz befindliche Exegesen. Z. B. verursachen die komplexen Beziehungen zwischen dem jüdischen und dem christlichen Kanon der heiligen Schriften zahlreiche Interpretationsprobleme. Die christliche Kirche hat nach eigenen Feststellungen als „Altes Testament“ die Schriften übernommen, die in der jüdisch-hellenistischen Gemeinschaft maßgebend waren; darunter finden sich solche, die nicht oder in anderer Form in der hebräischen Bibel enthalten sind. Das Corpus der Texte ist somit verschieden. Welches ist nun das richtige, das ursprüngliche oder aber das mehrfach redigierte und translatierte? So gesehen ist Exegese auch, wenn man feststellt, dass die kanonische Interpretation beider „Schriften“ nicht identisch sein kann, da ja jeder Text in seiner Beziehung zum ganzen Corpus gelesen werden muss. „Vor allem aber liest die Kirche das Alte Testament im Lichte des österlichen Geschehens – Tod und Auferstehung Jesu Christi - (also im Lichte eines mythologischen Geschehens schlechthin) und das führte nach Auffassung der Kirche zu etwas grundlegend Neuem und verleiht den heiligen Schriften mit souveräner (christlicher und vor allem katholischer) Autorität einen entscheidenden und definitiven Sinn (vgl. Dei Verbum, 4). Diese neue Sinnbestimmung gehört voll und ganz zum christlichen Glaubensgut. Trotzdem darf sie deshalb der älteren, kanonischen Interpretation, die dem christlichen Osterglauben vorausging, nicht jede Bedeutung absprechen. Denn jede Phase der Heilsgeschichte muss auch in ihrem Eigenwert geachtet werden. Das Alte Testament seines Sinnes zu entleeren, hieße das Neue Testament von seinen geschichtlichen Wurzeln abschneiden“. (Päpstliche Bibelkommission). Um es ganz klar zu sagen: Das Neue Testament macht ohne das Alte Testament keinen Sinn (siehe oben). Nachdem nun die israelischen Archäologen Finkelstein/Silbermann in ihren Büchern: "Keine Posaunen vor Jericho, die archäologische Wahrheit über die Bibel"; "David und Salomo, Archäologen entschlüsseln einen Mythos" endgültig das Alte Testament als Mythos entschlüsselt haben, gilt dies natürlich ebenso für das Neue Testament. D.h. beide Testamente bewegen sich im Raum der Mythologie.

Dass der christliche Osterglauben  einen ausgesprochen jüdischen Hintergrund hatte, haben wir bereits oben festgestellt. Was daraus entstanden ist, wissen wir. Zum Beispiel stehen im Neuen Testament etwa 250 Zitate aus dem Alten Testament griechischer Übersetzung und etwas mehr als 900 Anspielungen darauf. Dabei gingen die Autoren oder Redakteure wie folgt vor: sie sammelten Verheißungen aus dem Alten Testament und interpretierten diese als Fakten in die Geschichte Jesu hinein. Die Leserschaft kann somit bis heute die "Erfüllung der Weissagungen" daraus herauslesen.

Benedikt XVI macht im ersten Kapitel seines Buches Lukas aufgrund der kanonischen Exegese zum Geschichtsschreiber (siehe oben) um das Wirken Jesu historisch festzumachen; die historisch-kritische Forschung stuft Lukas als Geschichtenschreiber ein, der uns keine Nachrichten aus erster Hand überliefert. „Das gesteigerte Interesse des Verfassers an mirakulösen, wunderbaren Erzählungen, Heilungs-, Befreiungs- und Strafwundern, das „Überwiegen der Personallegende“ erweckt vielmehr den Eindruck, dass  es hier um eine retrospektive Konstruktion geht, deren Form weitgehend der Rhetorik des griechischen Romans entlehnt ist und deren Absichten die moderne Kritik unzweideutig aufgedeckt hat“. Natürlich hat der Glaube an Jesus Christus eine eigene 2000 jährige historische Komponente. Das ist ja der Trick der kanonischen Exegese, dass sie sich explizit am Glauben einer Glaubensgemeinschaft, wie er in ihrem Kanon festgelegt ist, festmacht. Damit ist allerdings das mythologische Gründungsereignis als solches noch nicht auf historischem Grund.

Die historisch-kritische Methode hat festgestellt, auch das sei hier wiederholt, dass in den Evangelien zwei historische Ebenen übereinander gelagert sind: Die Zeit Jesu (um 30) und die Zeit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer (nach 70), und die "Weissagung" dieses Ereignisses, z.B. in Mk 13, 1, Jesus (rückblendend) in den Mund gelegt wurde. Die Feindseligkeit der Christen gegen die Juden erfolgte nach 70, als die jüdische Sekte der "Christiani" anfing,  die Gottheit des Menschen Jesus von Nazareth zu konzipieren, was für die Juden unvorstellbar und Gotteslästerung war. Doch so wurde das (angeblich) negative Urteil Jesu über seine jüdischen Glaubensbrüder, die "Pharisäer und Schriftgelehrten" von den Evangelienschreibern  in schriftstellerischer Freiheit zurück projiziert.

Und ebenso sind sich Neutestamentler beim Johannesevangelium heute einig, dass darin kein einziges authentisches Wort von Jesus überliefert ist, auch nicht in den anrührenden und autobiografisch erscheinenden "Ich bin" - Aussagen. (Z. B.: "Ich bin das Brot des Lebens", „das Licht der Welt“, „das Tor“, „der gute Hirte“, „die Auferstehung und das Leben“, „der Weg, die Wahrheit und das Leben“, „der wahre Weinstock“. Doch bei Benedikt XVI sind das Selbstprädikationen Jesu, die seine Gottheit begründen sollen!

Soweit zum Jesusbuch Benedikts XVI. Darüber hinaus liefert aber auch die Archäologie durch die Ausgrabung von materiellen "Zeitzeugen" wertvolle Hinweise. (Siehe M4: "Die Bibel hat doch nicht Recht" und M19: "Das Ende der biblischen Archäologie".)

Unter Anlegung historisch - kritischer und archäologischer Befunde ist die Bibel ein ungeschichtliches Buch und Jesus Christus eine historisch im Detail nur schwer nachzuvollziehende Person. Deswegen ist der Streit um die Geschichtlichkeit Jesu seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts verstummt. Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Theologen sehen heute in den Evangelien die Umformung von Mythen in eine quasi geschichtliche Berichterstattung und deren Einbettung in einen geografisch realen und mit realen Geschichtsdaten ausgestatteten Hintergrund mit einer fortschreitenden Personifizierung einer religiösen Idee, nämlich der Vergöttlichung des Menschen Jesus zum Christus, Messias, Heilsbringer und Erlöser, die schließlich im Umkehrschluss zur Vermenschlichung Gottes führte. D.h. heute ist nicht mehr der historische Jesus  entscheidend, weil seit der Aufklärung nicht mehr haltbar, sondern der kerygmatische, der verkündete Jesus;  letztlich ein Gedankengebäude, ein Ideen- und Denkmuster und damit die Rückbesinnung auf das antike Stilmittel der Personifizierung eines philosophischen Mythos mittels der Allegorie und dessen Einbindung in modernere geistes- und gesellschafts-wissenschaftliche Trends. Dieses Experiment ist früher oder später zum Scheitern verurteilt, weil eine künstliche Kombination von antiken Stilmitteln mit aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten keinen  Sinn mehr macht.  Evangelien und Apostelgeschichte sind keine Geschichtsbücher (obwohl zum Teil irreführender Weise als solche bezeichnet), sondern Glaubenszeugnisse. Als solche subjektiv, vom Zeitgeist und vom damaligen Weltbild geprägt. Übertreibungen, Ausschmückungen, Namensänderungen, Fälschung von Urheber und Autoren gehörten zur damaligen Geschichtenschreibung ebenso dazu, wie die Vorliebe zu bestimmten philosophischen Richtungen und Mysterien. Kein Wunder also, dass Spekulationen um diesen Jesus auch heute noch ständig neue Nahrung erhalten. (z.B.: Baigent - Leigh, Verschlusssache Jesus, 1991, ISBN 3426265575; Eisenmann – Wise, Jesus und die Urchristen, 1992, ISBN3570022145; Kersten, Jesus lebte in Indien, Sein geheimes Leben vor und nach der Kreuzigung, 1996, ISBN 3548354904; Carotta, War Jesus Caesar? 2000 Jahre Anbetung einer Kopie, 1999, ISBN 3442150515). Der "Wahrheitsgehalt" dieser Bücher, steht dem der Evangelien in nichts nach, da sie hinreichend gut recherchiert und oft besser begründet werden, als die Schriften des Neuen Testamentes.

 

Es bleibt festzustellen, dass die zeitgenössische Geschichtsschreibung Jesus ignoriert hat. Das ganze außerchristliche 1. Jh. schweigt über ihn. Zwar sahen die Blinden wieder, konnten die Lahmen wieder gehen und die Toten erhielten ihr Leben zurück, doch die Historiker von Palästina, Griechenland und Rom nahmen davon keine Notiz.

Tacitus schreibt um 117, also ca. 90 Jahre nach Jesu Tod aufgrund umlaufender Erzählungen über das Christentum:

"Der Mann, von dem sich dieser Name herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden; und für den Augenblick unterdrückt, brach der unheilvolle Aberglaube wieder hervor, nicht nur in Judäa, dem Ursprungsland dieses Übels, sondern auch in Rom, wo aus der ganzen Welt alle Gräuel und Scheußlichkeiten zusammenströmen und gefeiert werden." (Annales 15, 44, 13; zitiert nach Roloff, Jesus.) Man kann heute nicht nachvollziehen, ob Tacitus sich von christlichen Quellen leiten ließ oder selbst nachforschte; außer, dass eine Christus genannte Person von Pontius Pilatus hingerichtet wurde, finden sich hier  keine Informationen. Zudem liegt hier wohl eine Verwechslung von Christen der Zeit Trajans (röm. Kaiser von 98 - 117) mit jüdischen Messianisten der Zeit Neros (54 - 68)  vor. Aufgrund der geringen Bedeutung des Urchristentum im 2. Jahrhundert ist das aber nicht verwunderlich. Bedenkt man, dass Plutarch  den Tod des mythischen "Pan-Attis" auch unter Tiberius datierte, so kann man ermessen, wie damals Legende und Geschichtsschreibung  miteinander verwoben waren. Schriftsteller aus den ersten 100 Jahren nach Jesu Tod wie der angebliche "Zeuge" Sueton (65-135) nennen Jesus überhaupt nicht (er spricht von einem "Chrestus" als Anstifter von Unruhen in Rom zur Zeit des Claudius), der jüngere Plinius spricht nur vom Christentum, nicht von der Person, so dass  eine Berufung auf diese als Zeugen von keinem heutigen Gericht anerkannt würde.

Noch beredsamer ist das Schweigen der jüdischen Historiker aus diesem Zeitraum. Josephus Flavius, kurz nach Jesu Kreuzigung geboren, oft als nicht christlicher Zeuge von den Kirchen angeführt, schrieb um das Jahr 93 eine jüdische Geschichte von der (biblischen) "Weltschöpfung" bis zu Nero, worin er alles bis dato für ihn Interessante festhielt, doch obwohl er in diesen "Jüdischen Altertümern" (Antiquitates Iudaicae) Johannes den Täufer, sowie Herodes und Pilatus nennt und aus dieser Zeit geringste Details des politischen und gesellschaftlichen Lebens berichtet, übergeht er Jesus völlig. Sein "außerchristliches Zeugnis" ist eine nachträgliche christliche Interpolation (nachträgliche Einfügung) des sogg. "Testimonium Flavianum" im 3. Jh., in dem der Jude (!!!) Josephus sowohl Jesu Wunder, wie auch seine Auferstehung und die Erfüllung des Weissagungsbeweises bezeugt haben soll. Was heißt, Josephus wäre Anhänger Christi gewesen, doch Origenes (siehe übernächstes Kapitel) erklärte wiederholt von Josephus, dass er nicht an Christus glaubte, was darauf schließen lässt, dass dessen Josephus-Text die oben erwähnte Interpolation noch nicht enthält und auch die Kirchenväter Justin (siehe übernächstes Kapitel), Tertullian und Cyprian berufen sich nicht darauf. Die Stelle ist heute (fast) allgemein als Fälschung anerkannt, auch für einen katholischen Theologen besteht darüber "natürlich gar kein Zweifel".(E. Peterson, Frühkirche, Judentum und Gnosis).

Der jüdische Geschichtsschreiber Justus von Tiberias weiß in den von ihm überlieferten Fragmenten auch nichts von Jesus, obwohl er Zeitgenosse und Landsmann aus Tiberias, nicht weit von Kapernaum war und eine Chronik von Moses bis in die Zeit nach Jesu Tod schrieb, diesen aber darin nicht erwähnt.

Und schließlich finden wir auch bei der Hauptfigur der folgenden Abhandlung, Philon von Alexandrien, von dem wir 50 Schriften besitzen, und der ein großer Kenner der Bibel und der jüdischen Sekten war, diesen Jesus nicht, obwohl er zur selben Zeit lebte und Jesus  noch um 20 Jahre überlebte!

 

 

Daraus lässt sich ableiten, dass der Jesus des Neuen Testamentes eine Fiktion ist, entstanden aus der Weltsicht der damaligen Zeit im Zuge des Untergangs der alten mythischen Götterwelten und der progressiven Entstehung einer neuen Religion, als Ersatz dafür. Ätiologie, Soteriologie und Eschatologie müssen aus Gründen der historischen Redlichkeit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand seiner Zeit entsprechend gedeutet und können keinesfalls unverändert auf das hier und jetzt übertragen werden. Das schließt nicht aus, dass es einen "Yehoshua" (Jesus) aus Nazareth als Person gegeben hat, war doch dieser Name zur  Zeit des biblischen Jesus einer der gebräuchlichsten (weswegen sich dahinter auch viel verschleiern lässt). Auch mag es sein, dass sich ein Yehoshua aus Nazareth mit dem etablierten religiösen und gesellschaftlichen System überwarf und deswegen am Pfahl hingerichtet  wurde (schließlich säumten "Gekreuzigte" (besser Gepfählte) als Abschreckung zu Hunderten die Strassen von und nach Jerusalem in bestimmten Epochen der römischen Besatzungszeit). Auch mögen sonstige einzelne historische Begebenheiten und geografische Gegebenheiten den Hintergrund für die biblischen Erzählungen abgeben. Die Gottheit des Jesus von Nazareth, seine Funktion als Erlöser und seine Wundertaten stammen jedoch aus der griechisch - jüdisch - hellenistischen Mythologie und Philosophie (Logos als Gottessohn), mit Elementen, die sich auch in der Gnosis wieder finden,  sowie aus zusätzlichen Segmenten anderer Religionen, z.B. dem Mithraskult und wurden erst ab dem 2./3. Jahrhundert anlässlich der Kanonisierung des Neuen Testamentes und ab dem 4. Jahrhundert im Rahmen eines fortschreitenden Dogmatisierungsprozesses auf den Konzilien festgeschrieben. Unter ernstzunehmenden Gesichtspunkten einer historisch kritischen Forschung können deshalb die oft greifbaren legendenhaften  Erzählungen über den Jesus von Nazareth des Neuen Testamentes, und das Neue Testament in seiner Gesamtheit, nicht als geschichtliche Tatsachenberichte anerkannt werden. Und das gilt für die gesamte Bibel.

 

Siehe auch: Finkelstein/Silbermann, Keine Posaunen vor Jericho, die archäologische Wahrheit über die Bibel; David und Salomo, Archäologen entschlüsseln einen Mythos. (ISBN 978-3483341516; 978- 3406546761).

 

 

"Der psychologische Typus des Galiläers ist noch erkennbar, aber erst in seiner vollständigen Entartung (die zugleich Verstümmlung und Überladung mit fremden Zügen ist -) hat er dazu dienen können, wozu er gebraucht worden ist, zum Typus eines Erlösers der Menschheit...

Dieser heilige Anarchist, der das niedere Volk, die Ausgestoßnen und "Sünder", die Tschandalas innerhalb des Judentums zum Widerspruch gegen die herrschende Ordnung aufrief - mit einer Sprache, falls den Evangelien zu trauen wäre, die auch heute noch nach Sibirien führen würde, war ein politischer Verbrecher, soweit eben politische Verbrecher in einer absurd-unpolitischen Gemeinschaft möglich waren. Dies brachte ihn ans Kreuz: der Beweis dafür ist die Aufschrift des Kreuzes. Er starb für seine Schuld, - es fehlt jeder Grund dafür, so oft es auch behauptet worden ist, dass er für die Schuld andrer starb...

Dieser "frohe Botschafter" starb wie er lebte, wie er lehrte - nicht um "die Menschen zu erlösen", sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat. Die Praktik ist es, welche er der Menschheit hinterließ: sein Verhalten vor den Richtern, vor den Häschern, vor den Anklägern und aller Art Verleumdung und Hohn, - sein Verhalten am Kreuz. Er widersteht nicht, er verteidigt nicht sein Recht, er tut keinen Schritt, der das Äußerste vom ihm abwehrt, mehr noch, er fordert es heraus ... Und er bittet, er leidet, er liebt mit denen, in denen, die ihm Böses tun ... Die Worte zum Schächer am Kreuz enthalten das ganze Evangelium. "Das ist wahrlich ein göttlicher Mensch gewesen, ein "Kind Gottes" sagt der Schächer. "Wenn du dies fühlst - antwortet der Erlöser - so bist du im Paradiese, so bist auch du ein Kind Gottes ..." Nicht sich wehren, nicht zürnen, nicht verantwortlich machen ... Sondern auch nicht dem Bösen widerstehen, - ihn lieben" ...

(Friedrich Nietzsche, Der Antichrist).

 

"Wo wir in der Bibel - wie in den Evangelien - Parallelüberlieferungen desselben "Stoffes" haben, zeigt sich besonders klar, dass unterschiedliche Wahrnehmungs- und Erinnerungsgestalten auf einen gemeinsamen, vor aller literarischen Fassung liegenden Ursprung zurückgehen. Gegenüber dem gemeinsamen Ursprung der Jesus-Christus-Geschichte als dem primären Ereignis handelt es sich bei allen Literatur gewordenen christlichen Gottesszeugnissen im Neuen Testament und später um sekundäre, d.h. verschriftlichte Erinnerungsgestalten. Die Begegnungen wirklicher Menschen mit Jesus Christus sind literarisch so wenig erreichbar wie Jesus selbst, da er nichts Schriftliches aus eigener Hand hinterlassen hat... Auf einen besonderen Punkt - den der direkten Gottesrede - gebracht, heißt das: es gibt keine Möglichkeit, den Wortlaut bestimmter biblischer Texte in exklusiver Weise als direkte und unmittelbare, also authentische Gottesrede zu sanktionieren... Biblische und andere heilige Schriften sind keine Diktate Gottes. Kein biblischer Text ist kodifiziertes "Wort Gottes". An keiner Stelle... Wer die Bibel in theologischer Literatur oder kirchlichen Äußerung zitiert, muss deutlich machen, dass er verschriftlichte Erinnerungsgestalten ("die Überlieferung") auslegt und mit seiner Auslegung etwas Eigenes - nämlich das, was er verstanden hat - neben eine im Dunkeln bleibende Begegnung, deren Wahrnehmung und literarische Erinnerung stellt." (Klaus-Peter Jörns, Prof. Dr. theol., Professor für Praktische Theologie in Berlin).

 

Merke: "Wenn man das Kreuz anbetet, an dem Christus gestorben ist, muss man auch den Esel anbeten, auf dem er geritten ist".

 (Bischof Claudius von Turin, 9. Jh.)

 

"Christi Niederlage war nicht die Kreuzigung, sondern der Vatikan".
(Jean Cocteau, franz. Schriftsteller, 1889-1963)

.

 

Home                                 Seitenanfang                                Jesus-Logos