Die Wahrheit über die Wahrheit

Aktuelle Wahrheitsinterpretationen aus der Philosophie postulieren, dass man bei jedem Kriterium entweder auch die Möglichkeit von Irrtümern bzw. Täuschungen einräumen muss, oder aber die Kriterien sich ebenso wenig eindeutig feststellen lassen, wie dies auf den Begriff der Wahrheit selbst zutrifft. Wir treffen nie auf objektive Wahrheit, sondern nur auf eine durch das menschliche Bewusstsein gefilterte.

Das heißt auch, dass man keine absoluten Wahrheitskriterien angeben kann, sondern solche Kriterien als Kennzeichen von wahren "Aussagen" zu verstehen sind. Die Philosophie bevorzugt deswegen heute dafür den Begriff der "Richtigkeit".

 

 

Philosophische Wahrheitstheorien

Korrespondenztheorie

Aristoteles, zahlreiche mittelalterliche Philosophen und Thomas von Aquin rechnet man der Korrespondenz- oder Adäquationstheorie zu. "Veritas est adaequatio rei et intellectus".  (Und in Bezug zu den platonischen Universalien: universalia sunt in re: Ideen, Abstraktionen haben keine Substanz sondern wohnen den Dingen inne). Die Wahrheit besteht, ihnen zufolge, aus der Übereinstimmung von Ding und Intellekt, bzw. Sache und Verstand. D. h., wenn man von einer Aussage behauptet, sie sei wahr, dann ist die auf diese Weise gebildete Aussage genau dann wahr, wenn die Ausgangsaussage wahr ist. Aristoteles: Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr. (Aristoteles, Metaphysik 1011 b 26ff.).  D. h. falsch ist eine Aussage, welche von Seiendem aussagt, es sei nicht, oder von Nicht-Seiendem, es sei. Wahr dagegen ist die Aussage, welche von Seiendem aussagt, dass es ist, und von Nicht-Seiendem, dass es nicht ist. Wahres oder Falsches aussagen heißt damit immer Sein oder Nichtsein aussagen, wobei sich dies immer auf Seiendes oder Nicht-Seiendes bezieht. Kritik: Sobald es um abstrakte Eigenschaften oder Funktionen geht (Röte, Mut, Kraft) treffen die Aussagen der Korrespondenztheorie nicht mehr zu. Außerdem setzt diese Theorie eine paradigmatische Erkenntnissituation voraus (Regeln, Mustern, Beispielen folgend), in die sich Hypothesen, Modalitäten, Negationen und Generalisierungen nur schwer einfügen lassen.

Konsenstheorie

Karl-Otto Apel (* 1922) vertritt die Konsenstheorie. Sie besagt, dass eine Aussage dann wahr ist, wenn eine möglicherweise unendlich große Menge von Menschen unter idealen Kommunikationsbedingungen dieser Aussage zustimmen würde. Kritik: Ein Konsens zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft kann durchaus auf einem Irrtum beruhen. Der Konsens sagt noch nichts über die objektive Wahrheit einer Aussage aus. Dies heißt, dass aufgrund einer übereinstimmenden Ansicht nur darüber entschieden ist, dass etwas jeweils für wahr gehalten wird, nicht aber auch darüber, ob der jeweils behauptete Sachverhalt tatsächlich besteht. Dieser Einwand wird vor allem von Vertretern des Empirismus erhoben.

Kohärenztheorie

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1715) und idealistische Philosophen gehören zu den Vertretern der Kohärenztheorie. Nach ihrer Auffassung besteht die Wahrheit einer Menge von Aussagen darin, dass sie untereinander kohärent, also widerspruchsfrei miteinander vereinbar sind. Kritik: Die Kohärenz eines Aussagesystems ist als Wahrheitskriterium deshalb nicht geeignet, weil es zu jedem in sich schlüssigen System A von Aussagen ein alternatives, ebenfalls kohärentes System B geben kann, das sich zwar auf denselben Gegenstand bezieht, aber zugleich mit System A unverträglich ist, so dass dann mehrere Wahrheiten nebeneinander bestünden.

Evidenztheorie

Die Evidenztheorie gehört zu René Descartes (1596 - 1650), Franz Brentano (1838 - 1917) und Edmund Husserl (1859 - 1938). Ein Satz ist wahr, wenn er mit einem evidenten Urteil übereinstimmt, was der intuitiven Evidenz einer Aussage entspricht. Demzufolge ist die Wahrheit einer Aussage darin begründet, dass sie dem gesunden Menschenverstand unmittelbar einleuchtet und plausibel ist (Common sense). Kritik: Gegen das Kriterium der Evidenz spricht, dass es sich gerade im Bereich der Intuition auch um Täuschungen handeln kann.

Pragmatische Theorie

Die Auffassung, wahr sei, was für die Praxis fruchtbar und nützlich ist, entspricht einer pragmatischen Wahrheitstheorie. Kritik: Gegen den Aspekt der Nützlichkeit als Wahrheitskriterium spricht die Tatsache, dass sicherlich auch Irrtümer und Täuschungen nützlich sein können, und nicht auszuschließen ist, dass auch fehlerhafte Ansichten zu erfolgreichem Handeln führen. Dieser Einwand wurde bereits von Platon vorausgesehen, der Sokrates in seinen Dialogen den Beweis antreten lässt, dass was falsch ist, nicht nützlich sein kann und umgekehrt.

Redundanztheorie

Frank Plumpton Ramsey (1903 - 1930) formuliert die Redundanztheorie: Das Wort "wahr" ist überhaupt überflüssig.

 

Der kritische Rationalismus Karl Poppers

Es gibt keine absolute Sicherheit eine "statische Wahrheit" vollständig erkannt zu haben, sondern nur die heute am besten haltbare "vermutete Wahrheit". "Wir können zwar nicht sicher wissen, ob eine Theorie wahr ist, aber sehr wohl, dass eine bestimmte Theorie falsch ist: nämlich wenn ein Experiment sie widerlegt". Durch dieses "Aussieben" (Falsifikation) falscher Theorien kommen wir, so Popper, der Wahrheit immer näher, ohne sie jemals zu erreichen.

Mit Hilfe der Widerlegung soll jede aufgestellte Theorie aktiv angegriffen werden, und dies intensiv und immer wieder. Wird die Theorie nicht erfolgreich widerlegt, so heißt das nicht zwingend, dass sie wahr ist, sondern nur, dass sie eher der Wahrheit entspricht oder ihr näher kommt als eine vorherige und bereits widerlegte Theorie. In diesem erkenntnistheoretischen Prozess tastet man sich also förmlich an die Wahrheit heran, kann sie laut Popper eventuell auch erreichen, wird das Wissen über ihre Absolutheit aber prinzipiell nicht erlangen. In diesem Sinne ist das Streben nach Wahrheit und Erkenntnis ein dynamischer Prozess.

Dabei hält Popper, trotz seiner Schlussfolgerung, dass man nie wissen kann, ob man die absolute Wahrheit gefunden hat, an ihrer Existenz fest und lehnt den Relativismus, also die Abhängigkeit der Wahrheit von den Umständen, ab.

Um den Terminus "absolute Wahrheit" richtig zu verstehen, muss man bedenken, dass dieser Terminus mehrere Bedeutungen hat:
-Absolute Wahrheit ist absolutes Wissen über die Wirklichkeit insgesamt, das heißt, über die ganze Welt.
-Absolute Wahrheit ist jener Teil der relativen Wahrheiten, der erhalten bleibt und im Prozess der Erkenntnisentwicklung anwächst.

-Absolute Wahrheit umfasst gewisse unwiderlegbare Resultate der Erkenntnis über einzelne Seiten untersuchter Objekte oder Klassen von Objekten in Form von Konstatierungen und Beschreibungen.
-Absolutes Wissen ist endgültiges Wissen über einige bestimmte Aspekte der Wirklichkeit.
Alle diese Bedeutungen stehen miteinander in Zusammenhang, aber nur in der ersten Bedeutung ist die absolute Wahrheit erschöpfendes, allgemeines, absolutes Wissen.
Eng verwandt mit dem Begriff der absoluten Wahrheit ist der Begriff der objektiven Wahrheit. Objektiv wahr ist eine Behauptung, deren Inhalt der Wirklichkeit, der objektiven Welt entspricht und nicht vom Wollen und Wünschen des erkennenden Subjekts abhängt. Es ist klar, dass nicht in allen Ontologien die Existenz objektiver Wahrheiten angenommen werden kann.
Mit dem Begriff der absoluten und der objektiven Wahrheit ist auch der Begriff der ewigen Wahrheiten eng verwandt (lat.: aeternae veritates). Dieser Begriff der in einigen metaphysischen oder religiösen Schriften verwendet wird, geht davon aus, dass jede Wahrheit ewig sein muss, d. h. unveränderlich für alle Zeiten und unter allen Bedingungen. Wenn sich die Wahrheit später ändert, so das Argument, bedeutet das, dass das, was man als Wahrheit angenommen hatte, keine Wahrheit ist.

Bertrand Russell stellt drei Forderungen auf, denen seiner Meinung nach jede Theorie der Wahrheit genügen muss:
Es muss Falschheit geben können.
Wahrheit und Falschheit sind Eigenschaften von Glaubensüberzeugungen oder Aussagen.
Die Wahrheit oder Falschheit hängt immer von etwas ab, das jenseits des Glaubens liegt.
Russell vertritt nun eine Korrespondenz mit Fakten. Damit Falschheit möglich ist, darf das, womit der wahre Glaube übereinstimmt, nicht ein einzelnes Objekt sein. Der Glaube ist nach Russell ein Verhältnis zwischen dem Bewusstsein und einem Faktum, d. h. einem Komplex miteinander in Beziehung stehender Objekte. Ein Glaube ist wahr, wenn er mit dem assoziierenden Komplex, d. h. dem korrespondierenden Faktum, übereinstimmt, sonst ist er falsch.


 

Das psychologische Realitätskonzept der Wahrnehmung und mögliche Täuschungen.

 

Wahrnehmung bezeichnet im Allgemeinen den Prozess der Informationsaufnahme über die Sinne. Auch die aufgenommenen und ausgewerteten Informationen selbst werden gelegentlich Wahrnehmung(en) genannt. Die Fähigkeit zur Sinneswahrnehmung kann bewusst durch die sog. Aufmerksamkeit gesteigert werden.

Realität (Wirklichkeit) bezeichnet das, was unabhängig vom Subjektiven, also unabhängig von Wahrnehmung, Gefühlen und Wünschen, objektiv der Fall ist und existiert. Im engeren Sinne ist Realität der philosophischen und wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich; Dinge der Realität sind also messbar, und können als Basis für Theorienbildung dienen.

In der Philosophie wird vielfach unterschieden zwischen der uns durch ihre Erscheinung gegebenen Realität und den "Dingen an sich", die Träger der wahrnehmbaren und/oder messbaren Eigenschaften sind. Nach Kant hat Naturwissenschaft nur mit Erscheinungen zu tun, nie aber mit den Dingen an sich. Diese Differenz lässt sich auch durch die Begriffe intersubjektiv und objektiv ausdrücken, denn die Sinnesorgane des Menschen reduzieren die Wirklichkeit durch das Wahrnehmen herab, das Wahrgenommene entspricht also nicht der Realität. Da die Sinnesorgane der Menschen untereinander jedoch gleich aufgebaut sind, ist ein gemeinsames, also intersubjektives "Wissen" von der Realität möglich.


In der Psychologie und der Physiologie bezeichnet Wahrnehmung die Summe der Schritte, Aufnahme, Interpretation, Auswahl und Organisation von sensorischen Informationen – und zwar nur jener Informationen, die zum Zwecke der Anpassung (Adaption) des Wahrnehmenden an die Umwelt oder deren Veränderung (Modifikation) aufgenommen werden. Gemäß dieser Definition sind also nicht alle Sinnesreize Wahrnehmungen, sondern nur diejenigen, die auch geistig verarbeitet werden. Gegenstände der Wahrnehmung werden als Objekte bezeichnet.
Das psychologische Objekt ist eine Person oder ein Gegenstand, durch welche die Libido (psychische Energie) ihr Ziel erreicht. Es kann sich dabei um einen Menschen, eine Sache, etwas wirklich oder nur in der Phantasie Vorhandenes handeln. Das Objekt kann ständig wechseln und braucht keine dauerhafte Bindung mit der Libido einzugehen, kann innerhalb oder außerhalb des eigenen Körpers liegen und sich als Objektlibido einem oder mehreren Objekten der äußeren Welt zuwenden.
Die psychologische Objektbesetzung entspricht dem sich Aneignen von Situationen, Situationsteilen, Dingen, Personen und deren Vorstellungen zum Zwecke der Befriedigung eigener Wünsche und Vorstellungen. (Am Anfang steht die Liebe ("Objektbesetzung") des Kindes zur Mutter). Gleichbleibende Elemente in den objektiven Gegebenheiten des Kontaktes mit solchen Objekten führen einerseits zum Aufbau von unveränderbaren und objektimmanenten Beziehungen von gewünschten Objektaspekten in der Erlebnis- und Vorstellungswelt des Individuums. Dabei ist Objektbesetzung andererseits gleichbedeutend mit der Verdrängung oder inneren Abwehr von anderen, unerwünschten Objektaspekten oder Objekten.

 Die Gesamtheit aller Objektbeziehungen eines Individuums, der angeeigneten und der verdrängten ist sein Realitätskonzept, seine Vorstellung von Wirklichkeit und vollzieht sich in subtilen psychischen Prozessen, die oftmals unbewusst bleiben.

Teil der Objektbesetzung ist die "Übertragung". Unter positiver Übertragung versteht man die Projektion "freundlicher oder zärtlicher" Gefühle, welche bewusstseinsfähig sind auf einen anderen Menschen und ihre "Fortsetzung ins Unbewusste"; (bei der negativen Übertragung entsprechend "feindselige" Gefühle). Nach C. G. Jung gibt es auch eine vom eigenen Erleben unabhängige Übertragung bei einem aus dem kollektiven Unbewussten stammenden Archetypus, z.B. der "großen Mutter" (Maria), dem "guten Vater" (Gott Vater oder Jesus) etc.

 

Weitere Instanzen der psychologischen Wahrnehmung:
Imago ist das innere, unbewusst gebildete und unbewusst bleibende, mit bestimmten Eigenschaften ausgestattete "Bild" einer Person. Die bedeutsamsten sind die (in früher Kindheit gebildeten) Bilder von Vater und Mutter. Diese Imagines werden (besonders von Neurotikern) häufig auf Beziehungspersonen (physisch z. B. auf den Arzt, metaphysisch z. B. auf Jesus und Maria) projiziert und spielen so in der Einstellung zur mitmenschlichen und/oder religiösen Umwelt eine bedeutende Rolle.
Die Imagination ist die Fähigkeit, sich nicht vorhandene Gegenstände und Situationen anschaulich zu vergegenwärtigen. Sie konkretisiert sich in Form von Bildern, Symbolen Fantasien, Träumen, Ideen, Gedanken. In Form der Einbildungskraft wird sie zu Heilzwecken verwendet, indem man unbewusste Inhalte dem Bewusstsein zuführt. Dabei werden die Inhalte des Unbewussten nicht nur wahrgenommen, sondern zugleich umgestaltet und integriert. (Aktive Imagination).
Suggestion ist ein psychischer Vorgang, durch den ein Mensch unter weitgehender Umgehung der rationalen Persönlichkeitsbereiche dazu gebracht wird, unkritisch (ohne eigene Einsicht) Gedanken, Gefühle, Vorstellungen und Wahrnehmungen zu übernehmen. Suggestion kann von einer fremden Person (Heterosuggestion) oder in der eigenen Psyche (Autosuggestion) bewirkt werden, sich auf Individuen oder Gruppen (Massensuggestion) beziehen. Anerkannte Autoritätspersonen als Suggestoren begünstigen den Prozess;

Illusion bedeutet "Sinnestäuschung", die verfälschte Wahrnehmung wirklicher Gegebenheiten, bzw. Hinzufügen vermeintlicher Wahrnehmungen zu den wirklichen, sodass die Wahrnehmungsgegenstände verändert erscheinen (z.B. ein Baumstumpf als sich hinkauernde Gestalt). Es ist ein Sinnesreiz vorhanden, der jedoch subjektiv umgedeutet wird. (Illusionäre Verkennungen).
Halluzination ist eine Sinnestäuschung, bei welcher die Wahrnehmung kein reales Objekt hat (Irreale Wahrnehmung). Es handelt sich um eine Sinneswahrnehmung, die ohne Reizung des Sinnesorgans von außen zustande kommt, wobei fest an die Realität der Wahrnehmung geglaubt wird. Von der Illusion unterscheidet sich die Halluzination durch das Fehlen jedes Sinnenreizes.
Visionen sind optische Halluzinationen meist im Zusammenhang mit religiös-ekstatischen Erlebnissen. Es werden leuchtende Gestalten, Gott, Christus, Engel, Teufel, Fratzen, wilde Tiere und dergl. gesehen. Die Erscheinungen werden bald als übersinnliche Wahrnehmungen, dann wieder als täuschende Vorspiegelungen aufgefasst.

 

Unterdrückung eigener gewünschter Realitätskomponenten kann krank machen. Eine Neurose ist nach S. Freud eine Gesundheitsstörung, deren Symptome unmittelbare Folge und symbolischer Ausdruck eines krankmachenden seelischen Konfliktes sind, der unbewusst bleibt. Der Konflikt ist in der Kindheitsentwicklung verwurzelt und die Symptomatik entsteht aus einem Kompromiss zwischen Triebwünschen und einer ihre Realisierung verhindernden Abwehr. Die ekklesiogene Neurose steht mit einer religiösen Erziehung und Umwelt besonders hinsichtlich ihrer sexualfeindlichen sittlichen Normen in Zusammenhang.


Psychisches Erwachsenwerden wird u. a. dadurch definiert, dass man das mehr emotionsgesteuerte Wunschdenken in den obigen Kategorien der psychologischen Wahrnehmung in Richtung eines vernunftgesteuerten Realitätsdenkens verschiebt.

Neurobiologen fanden heraus, dass das bewusste "Ich" nicht unbedingt der Herr im Hause unseres Gehirns ist, sondern dass die unbewussten Kräfte, Sehnsüchte und Wünsche eine erhebliche Rolle bei unserem subjektiven Realitätsverständnis spielen. Unbewusste Bilder, vor allem solche aus Kindheit und Jugend, lassen sich allenfalls in außerordentlichen Situationen verändern. Bezüglich des religiösen Glaubens verharren erwachsene Menschen, wenn nichts mehr nachgekommen ist, in ihrem Kinderglauben. Deshalb spielt die frühkindliche bewusste (und ungewollt unbewusste) Erziehung eine besonders wichtige Rolle.  .


Das psychologische Realitätskonzept eines Individuums ist stets subjektiv, selektiv und Täuschungen unterworfen. Das muss bei sämtlichen Prozessen der Wahrheitsfindung durch intersubjektiven Austausch strikte Beachtung finden.

 

"Wenn ich irgend etwas von diesem großen Symbolisten (Jesus Christus) verstehe, so ist es Das, dass er nur innere Realitäten als Realitäten, als "Wahrheiten" nahm, - dass er den Rest, alles Natürliche, Zeitliche, Räumliche, Historische nur als Zeichen, als Gelegenheit zu Gleichnissen verstand. Der Begriff "des Menschen Sohn" ist nicht eine konkrete Person, die in die Geschichte gehört, irgend etwas Einzelnes, Einmaliges, sondern eine "ewige" Tatsächlichkeit, ein von dem Zeitbegriff erlöstes psychologisches Symbol. Dasselbe gilt noch einmal, und im höchsten Sinne, von dem Gott dieses typischen Symbolisten, vom "Reich Gottes", vom "Himmelreich", von der "Kindschaft Gottes". Nichts ist unchristlicher als die kirchlichen Kruditäten (grobe Behauptungen) von einem Gott als Person, von einem "Reich Gottes", welches kommt, von einem "Himmelreich" jenseits, von einem "Sohne Gottes", der zweiten Person der Trinität. Dies alles ist - man vergebe mir den Ausdruck - die Faust auf dem Auge - o auf was für einem Auge! - des Evangeliums: ein welthistorischer Zynismus in der Verhöhnung des Symbols ... Aber es liegt ja auf der Hand, was mit dem Zeichen "Vater" und "Sohn" angerührt wird - nicht auf jeder Hand, ich gebe es zu: mit dem Wort "Sohn" ist der Eintritt in das Gesamt-Verklärungs-Gefühl aller Dinge (die Seligkeit) ausgedrückt, mit dem Wort "Vater" dieses Gefühl selbst, das Ewigkeits-, das Vollendungs-Gefühl. - Ich schäme mich daran zu erinnern, was die Kirche aus diesem Symbolismus gemacht hat: hat sie nicht eine Amphitryon - Geschichte an die Schwelle des christlichen "Glaubens" gesetzt? Und ein Dogma von der "unbefleckten Empfängnis" noch obendrein? ... Aber damit hat sie die Empfängnis befleckt"
(Friedrich Nietzsche, "Antichrist")


(Anm.: In der griechischen Mythologie gelobte Alkmene. Tochter des Königs Elektryon von Mykene dem Amphitryon, König von Theben, ihn zum Mann zu nehmen, wenn er den Tod ihrer Brüder, die im Kampf gegen die Taphier gefallen waren, rächen würde. Während dieses Kriegszuges besuchte Göttervater Zeus Alkmene als Amphitryon verkleidet. Alkmene gebar daraufhin Zwillinge: Herkules als Sohn des Zeus und Iphikles als Sohn des Amphitryon).

 

Merke: "Je religiöser ein Mensch, desto mehr glaubt er; je mehr er glaubt, desto weniger denkt er; je weniger er denkt, desto dümmer ist er; je dümmer er ist, desto leichter kann er beherrscht werden. Das gilt für Sektenmitglieder ebenso wie für die Anhänger der großen Weltreligionen mit gewalttätig intolerantem "Wahrheits"-Anspruch. Dagegen hilft, auf Dauer, nur Aufklärung".
(
Adolf Holl, Religionssoziologe)
 

 

Home                           Seitenanfang                              Kirchliche Wahrheit