Kirchliche Methoden der Wahrheitsfindung

Die Wahrheit bei Paulus

 

Nun vertritt die christliche Kirche den Begriff der "aeterna veritas", der "ewigen Wahrheit" in Bezug auf ihren Gottessohn Jesus Christus. Vergegenwärtigen wir noch einmal, dass solche Wahrheit ewig sein muss, das heißt, unveränderlich für alle Zeiten und unter allen Bedingungen. Somit entspricht die "ewige Wahrheit" auch der "objektiven Wahrheit". Wenn sich die Wahrheit später ändert, so das Argument, bedeutet das, dass das, was man als Wahrheit angenommen hatte, keine Wahrheit ist. Das gilt es zu überprüfen.

Paulus, das muss man ihm lassen, löste eine 2000 – jährige und noch immer andauernde kulturelle Revolution aus, indem er entschied, die Wahrheit von allen sonstigen Gesetzmäßigkeiten loszulösen und sie für jedermann zugänglich zu machen. Das macht seine Genialität aus in der Wirkungsgeschichte des Christentums. Sein Konzept ist verblüffend einfach: Wahrheit ist sowohl singulär als auch universal; Wahrheit ist verabsolutierte Subjektivität. Damit könnten wir bereits aufhören, weiter zu forschen, doch muss zunächst dieses Konzept verdeutlicht werden. (Im Anhalt an Alain Badiou's, "Paulus - Die Begründung des Universalismus". ["Was uns am Werk des Paulus interessiert, ist die paradoxe, von ihm erfundene Verbindung zwischen einem Subjekt ohne Identität und einem Gesetz ohne Stütze, eine Verbindung, welche  die geschichtliche Möglichkeit einer universalen Botschaft begründet. Die unerhörte Geste des Paulus besteht darin, die Wahrheit dem kommunitären Zugriff zu entziehen, egal ob es sich um ein Volk, eine Stadt, ein Reich oder eine soziale Klasse handelt. Diese Geste und ihre gründende Kraft neu zu denken und ihre Konsequenzen nachzuzeichnen, ist heute ohne Zweifel eine Notwendigkeit. Denn die Frage des Paulus ist genau die unsere: Welches sind die Bedingungen einer universalen Singularität?"]

 

"Wenn aber die Wahrheit Gottes sich durch meine Unwahrheit als noch größer erweist und so Gott verherrlicht wird, warum werde ich dann als Sünder gerichtet?" (Röm 3,7)

 

Die Wahrheit bei Paulus besteht darin, ein einmaliges (wie wir wissen fiktives) Ereignis (die Auferstehung Christi) zu bekennen und ihm dann treu zu bleiben. Damit ist seine Wahrheit singulär (einmalig), beruht weder auf Grundsätzen (ist nicht axiomatisch), bedarf keiner Legalität (weder institutionell, noch philosophisch als "Gesetz der Wahrheit") und keiner (philosophischen und kodifizierten) Struktur. Diese Wahrheit autorisiert sich durch keine Identität und konstituiert keine Identität. Sie ist uneingeschränkt allen angeboten und für jeden bestimmt, also universal. Es ist eine "Wahrheit" für alle "Gläubigen" dieser Wahrheit. Dabei sind vier Merkmale zu erkennen:

 

  1. Die Wahrheit existiert erst ab einem bestimmten Zeitpunkt eines Ereignisses (der behaupteten Auferstehung Christi) und ist exklusiv nur für das christliche Subjekt bestimmt, das weder Jude (oder beschnitten), noch Grieche (oder weise) sein darf, noch einer spezifischen sozialen Klasse oder einem bestimmten Geschlecht angehört (Theorie der Gleichheit der Wahrheit für das christliche Subjekt, siehe auch unten bei Augustinus). "Es heißt nämlich in der Schrift: Ich lasse die Weisheit der Weisen vergehen und die Klugheit der Klugen verschwinden... Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit... Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit". (1 Kor 1, 19, 22-24).
  2. Die Wahrheit ist ausschließlich subjektiv und beruht auf einem Bekenntnis, welches eine Überzeugung hinsichtlich eines einmaligen Ereignisses ausdrückt. Es gibt keine Einordnung in ein menschliches oder natürliches, literales Gesetz. Das verlangt gleichzeitig eine radikale Kritik des (jüdischen) Gesetzes und der (griechischen) Philosophie (als "gelehrte Unkenntnis"). "Weil wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Christus Jesus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus, und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht... ("Niemand", so schreibt später der Kirchenvater Augustinus (354 bis 430), "glaubt etwas, ohne vorher nachzudenken, ob man es glauben muß.")  ...Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden... Ich missachte die Gnade Gottes in keiner Weise; denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben". (Gal 2,16, 19, 21)
     "Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme im irdischen Sinn sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen". (1 Kor 1, 26-27). "Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen" . (1 Kor 1, 25). Hinzu kommt bei Paulus die Aufhebung der kosmischen und natürlichen Gesetze:  "Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod" (1 Kor 15, 26).  Das heißt für Paulus: So wie Christus den Tod überwunden hat, so werden auch wir ihn überwinden.                                               
  3. Die Wahrheit ist ein Prozess und bedarf keiner Erkenntnis, sondern eines Bekenntnisses. (Wahrheit als Ideologie, Paradoxie der Wahrheit in dialektischer Begründung). Entscheidend ist die Treue zu diesem Bekenntnis in dreifacher Subjektivität: dem Glauben (Benennung und Für- Wahr- Halten des Subjekts), der Hoffnung (in die Zukunft gerichtete Kraft des Subjekts auf das Ziel des erfüllten Wahrheitsprozesses),  der Liebe (die innige und tiefe Verbundenheit des Subjekts, die aufopfernde Instanz seiner Überzeugung).

    "Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe". (Es handelt sich hierbei, da die Evangelisten ihre Werke zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschrieben hatten, vermutlich um die urchristliche, kurze Glaubensformel von der "Rechtfertigung des Menschen und der Überwindung des Todes durch den Glauben an den auferstandenen Christus") "Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe". (Das kann nur eine kurze Glaubensformel sein) "Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus auferweckt. Er hat ihn eben nicht auferweckt, wenn Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden". (1 Kor 15, 1-2, 13-17).

  4. Die Wahrheit ist in sich geschlossen und von sich aus indifferent gegenüber der Beschaffenheit sonstiger menschlicher Organisationen und Situationen (z. B. gegenüber dem römischen Staat bei Paulus oder dem jüdischen Gesetz); sie ist diesen entzogen. Die Indifferenz gegenüber dem Staat und dem Apparat der Meinungen (heute "Medien") drückt zugleich die Subjektivität dieses Entzuges aus. "Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte... damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes. Und doch verkündigen wir Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden. Vielmehr verkündigen wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben". (1 Kor 2, 4-9). 

    (Man möchte hinzufügen, dass es mit der Weisheit Gottes, so wie Paulus sie sieht, nicht allzu weit  her sein kann, denn hätten die Machthaber dieser Welt Christus nicht gekreuzigt, weil sie die Weisheit Gottes, so wie er selbst auch, erkannten, dann hätte Christus die Sünden der Welt nicht auf sich nehmen und nicht von den Toten auferstehen können, um der Menschheit Heil, Erlösung und Unsterblichkeit zu bringen, was wiederum bedeutet, dass im Falle der Erkenntnis der Wahrheit, die Weisheit Gottes das Unheil der Menschen verursacht hätte!). Ein weiteres Beispiel der umwerfenden Logik des Mannes aus Tarsus ist in Röm 7, 1-7 zu finden. Er folgert: 

  1. Das Gesetz hat für einen Menschen nur Geltung, so lange er lebt. Ergo, so Paulus, ist eine Frau nur so lange durch Gesetz an ihre Ehe gebunden, solange ihr Mann lebt. Daraus folgt:

  2. Geht sie während Lebzeiten ihres Mannes fremd, trifft sie die Strafe des Gesetzes; ist aber der Mann gestorben, dann ist sie frei vom Gesetz und wird nicht zur Ehebrecherin, wenn sie einem anderen gehört. So gut so schön, so definierte man damals eben das Gesetz (die Gebote). Doch nun Paulus'  Folgerung:

  3. ...also sind auch die Gläubigen frei vom Gesetz durch das Sterben Christi, "da sie nun einem anderen gehören, dem, der von den Toten auferweckt wurde... Jetzt aber sind wir frei geworden von dem Gesetz, an das wir gebunden waren". Sei's drum!.

Einschub: "Bei der Frage über die Unsterblichkeit der Seele hängt alles davon ab, ob man behaupten darf, dass sie immer war, denn nur, wenn sie immer war, wird sie immer sein, hat sie aber einen Anfang genommen, so muss sie auch ein Ende nehmen. Darf man ja sagen? Entsteht sie nicht, entwickelt sie sich nicht wie der Körper, wächst in ihr das Bewusstsein nicht ebenso wie im Leibe das Gefühl der Kraft? Findet sie in sich einen Faden, der bis über die Geburt hinausgeht, eine geistige Nabelschnur, die sie auf eine ihr selbst erkennbare Weise mit Gott und Natur verbindet? Und wie ihre Wurzeln nicht über die Geburt, so reichen ihre Fühlfäden nicht über den Tod hinaus, und Geburt und Tod selbst entziehen sich ihr wie Zustände, die ihr nicht mehr allein angehören. War sie aber des ungeachtet immer, wie fällt dann das christliche Dogma, als ob ihre ganze geistige Existenz in Ewigkeit von dem kleinen Erdendasein abhängig sei, in nichts zusammen".

"Die Menschheit lässt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt. Sie würde an Unsterblichkeit glauben, und wenn sie das Gegenteil wüsste. Es wäre möglich, dass unser ganzes höheres Leben nichts als ein warmes Gespinst von nützlichen Täuschungen lieferte, aber es wäre auf jeden Fall etwas ganz Außerordentliches, und ein Wesen, das so weise, so göttlich träumte, möchte die Realisierung seiner Träume verdienen und — bewirken!" (Friedrich Hebbel, dt. Dichter, 1813 - 1863)

 

Die Wahrheit bei Paulus entzieht sich den semantischen, philosophischen, und juristischen Wahrheitsbegriffen. Er erfindet seine eigene "Wahrheit".

 

 

AUGUSTINUS , BONAVENTURA und die illuminierte Wahrheit

 

Beispiel Augustinus:

 

a. Die weisen Heiden, die dummen Christen und die Autorität der Kirche:

 

Augustinus (354 – 430), Kirchenlehrer und Philosoph erkannte die Anfälligkeit des paulinischen Wahrheitsbegriffes. Wie bei den Schriften des Augustinus häufig der Fall, war  sein "Gottesstaat" - "De Civitate Dei" - eine Reaktion auf die Bedrohung seines Glaubens und des Glaubens seiner Kirche. Im 5. Jahrhundert entwickelte sich seine Heimat Nordafrika zu einem Zufluchtsort für Flüchtlinge aus Italien, das von den Westgoten überrannt wurde. Unter diesen Flüchtlingen waren viele gebildete Neuheiden, deren Familien Augustinus zum Teil gekannt hatte, als er in Rom und Mailand lehrte. Sie brachten nicht nur ihre heidnischen Praktiken mit, sondern auch ihre heidnischen Theologien. Wie die Platoniker hatten auch sie ihre Religion über Jahrhunderte in Debatten verfeinert. Das Christentum wirkte dagegen auf Augustinus schwächlich und mangelhaft. Grob gesagt, die Heiden waren die ,Weisen‘, die ,Erfahrenen‘, die prudentes; und die Christen waren ,dumm‘. Folgende Aussage ist von ihm überliefert: "Wahrlich, wäre es nicht wegen der Autorität der katholischen Kirche, so würde ich dem Evangelium keinen Glauben schenken!"  Augustinus ist der Auffassung, dass das Christentum, konkret die Kirche, sich als Autorität darstellen muss, wobei die Autorität nicht die Vernunft selbst ist, aber deren Platzhalterin für die Menschen, die in der Masse zu eigener Vernunftseinsicht nicht fähig sind. Die Kirche dient dazu, die Masse auf die Wahrheit einzuordnen (Liturgie = Dienst am Volk), und zwar auf die Wahrheit, die der Denkende durch Glauben in seinem Innern findet. Augustinus hat keine Einwände gegen ein Zweiklassensystem der christlichen Erkenntnisse: der bloße Glaube für die Masse, die Einsicht für die philosophisch Gebildeten. Um diese „Weisen“ aus ihrem Heidentum zu retten, antwortete Augustinus ihnen in ihrem eigenen Stil, in ihrer Sprache und Denkweise, und zitierte ihre Philosophen. Dabei verschmolz er die Gedanken dieser Philosophen mit der Bibel wie zuvor auch schon Philon, Clemens und Origenes von Alexandrien. Die Ideale und Moralvorstellungen der Neuheiden waren denen der Heiligen Schrift ebenbürtig und würden so einen gleichwertigen Platz im "Gottesstaat" finden. Die philosophische Methode, insbesondere die des Neoplatonismus mit ihrer allegorischen Sichtweise, wurde das manipulative Mittel für Augustinus, um das Christentum den Neuheiden verständlich zu machen. Augustinus (Origenes folgend) sah die Funktion der Sprache darin, auf mehreren Ebenen Sinn zu vermitteln. Für Augustinus war es das Ziel des Verstehens, sich über die materiellen Dinge des Lebens zu erheben und Gott zu begegnen - als „erhabene Gegenwart in der Seele der Weisen, wenn ihr Geist sich über die Materie erhebt“ (aus De Civitate Dei). (Die heutige Kirche folgt ihm auch hierin: siehe zwei moderne allegorische Interpretationen des "Himmels" und der "Eucharistie" durch Benedikt XVI. auf der nächsten Seite).

Erkenntnis der Wahrheit wurde bei Augustinus zur akademischen Übung, bei der der Philosoph seine Argumentation mit seiner eigenen Autorität oder durch den „Autoritätsbeweis“, das Zitieren einer Autorität, eines anerkannten Philosophen/Theologen, stützte. Parallel hierzu hatte sich ja auf den Kirchenkonzilien des 4. Jahrhunderts (siehe unten) der Standard entwickelt, dass das jeweilige Glaubensbekenntnis (und in der Gründerzeit gab es einige Dutzend davon) die Grundlage der Glaubenssysteme der Kirche bildete. Man musste weiter nichts tun - nur das Glaubensbekenntnis annehmen, ob man es verstand oder nicht. Wenn das nicht geschah, wurde die Autorität der Kirche und, nach Konstantin, auch des Staates eingesetzt, um Konformität einzufordern; Ketzern drohte die Todesstrafe. Die "Rechtgläubigkeit", der Glaube, die Gesinnung wurde zum Maßstab des Christseins, nicht das Verhalten oder die Praxis. So förderte die Kirche eine Gesinnungsethik, gleichbedeutend mit dem Pharisäertum. Die Verantwortungsethik, die tätige Frömmigkeit wurde als Intellekt feindliche und zweitklassige Form des Christseins deklariert.

 

 

b. "Gut" und "Böse" und die Sünde:

Aus solch abgehobenem Geist heraus entwickelt Augustinus in seinem Werk vom Gottesstaat ("De civitate Dei") eine Geschichtstheologie und behauptet, dass der Gegensatz der beiden Reiche, des Gottesreiches (das Reich des Geistigen) und des Teufelsreiches (das Reich des Körperlichen), und deren Kampf gegen einander das eigentliche Thema der Geschichte sei. Beide civitates, die "civitas Dei" und die "civitas terrena" sind "in dieser Weltzeit ineinander verschlungen und miteinander vermischt, bis sie im Jüngsten Gericht getrennt werden". Die Grundgedanken seiner Geschichtstheologie in "de civitate Dei" haben weithin die Kirchenpolitik des Mittelalters bestimmt und sind noch heute, das beweisen die Bücher  Johannes Paul II. und Benedikt XVI., im christlichen Denken lebendig.

Augustinus' neoplatonische, dualistische Identifikation von körperlich mit "böse" und geistig mit "gut" deckt sich eindeutig nicht mit der Sicht des Paulus. Das zeigt sich in seiner Erbsündenlehre.

»In Adam haben alle Menschen gesündigt.« So verstand Augustinus Röm. 5, 12 nach der lateinischen Übersetzung: "Wie durch einen einzigen Menschen (Adam) die Sünde in die Welt eintrat und durch die Sünde der Tod..."). Durch Zeugung und Geburt wurde die Sünde Adams nach Augustinus »gewissermaßen erblich« und durch sie die ganze Menschheit zur »massa perditionis«, zur Masse des Verderbens. Aus dem »posse non peccare« (Nicht "Sündigen müssen") des Urstandes wurde das »non posse non peccare«, das "Sündigen müssen". So steht die Menschheit seit Adams Fall unter der misera necessitas peccandi, und geblieben ist nur die Freiheit zu sündigen, aber nicht die possibilitas utriusque partis (der freie Wille, sich für das Gute zu entscheiden). Die ererbte Schuld aber vermehrte sich noch durch die Sünden und Verschuldungen, die der Mensch aus eigenem Willen hinzufügt.   

Paulus jedoch sah auch eine Chance für die Menschheit, wieder in eine Beziehung mit Gott zu kommen, nachdem sie im Garten Eden den Zugang zu ihm verloren hatte. Dies konnte jedoch nur geschehen, wenn die Menschheit durch den Glauben an Jesus Christus eine „neue Schöpfung“ in Gottes Händen wurde. ("Wenn Gott für uns ist, wer ist gegen uns?" Röm  8, 31). Anstatt den Zustand der Menschheit wie Augustinus als „gefallen“ darzustellen, beschreibt Paulus eher, dass sie darin versagt hat, das anzunehmen, was Gott ihr angeboten hat. Paulus bezeichnet nur Menschen, die einmal eine Beziehung mit Gott hatten und dann die Wahrheit ablehnen, als abgefallen (Gal. 5, 4). Augustinus sagt im Hinblick auf die Sünde, dass der „Fall der Menschheit“ die Folge von Sünde sei. Die Menschheit habe die geistige Beziehung mit ihrem Schöpfer verloren und sei somit in einen niedrigeren Stand zurückgefallen.

 

c. Vernunft und Wahrheit:

Augustinus, der ganz im platonischen Sinne sich die Frage stellt, wie weit die Vernunft vom Sichtbaren zum Unsichtbaren vordringen kann, stellt fest, dass der menschliche Geist, über die Sinne und das Irdische zu urteilen vermag und zieht daraus den Schluss, dass die Vernunft allem Vergänglichen überlegen ist. Das Kriterium des Urteils der Vernunft ist wahre Gleichheit und Einheit, also Wahrheit. (Theorie der Gleichheit der Wahrheit, siehe oben bei Paulus) Die Wahrheit, so erkennt Augustinus, kann nicht irren und ist so über den Geist erhoben, der irren kann. Gott und die Wahrheit (Logos) sind ein und dasselbe; nur er kann über uns urteilen. Wahrheit aber und also auch Gott kann nur der Geist erkennen.  Deswegen sind für Augustin nur die Kultelemente heiligend, die der Vollziehende auch versteht.
Der Mensch kann nur zum Glück gelangen, insofern er sich dem höchsten Sein, Gott zuwendet. Das Vergängliche aber ist nicht der Verehrung des Menschen würdig, denn es ist von niedrigerem Sein als seine Vernunft. Diese kann überall, auch im Niedrigen, Wahrheit erkennen, denn alles ist von Gott. Er ist es, durch den wir urteilen, und so können wir ihn auch in jedem Urteil finden. Die Wahrheit steht über dem Menschen, sie kann ihm aber nicht entzogen werden, außer er wendet sich von ihr ab. Durch die Verehrung der Wahrheit wird der Mensch unbesiegbar. Durch sie wird der Mensch in Gott frei. Gott ist das Licht, in dessen Schein der Mensch zur Erkenntnis gelangt. Wahrheit kennt weder Zeit noch Raum, sondern ermöglicht beide. Sie ist also kein privates Gut. Insofern sie Objekt der Lehre und Praxis des Christentum ist, kann in seiner Lehre die wahre Religion (vera religione) gesehen werden.  (Anm.: Hier liegen offensichtlich  Beweisfehler vor, (petitio principii) bei denen zum Beweis selbst noch beweisbedürftige Prämissen verwendet werden).

 

d, Von der Wahrheit erleuchtet?

Augustinus formulierte als "höhere Ebene des Geistes" eine Illuminationstheorie der Wahrheit, die später Bonaventura übernahm:

Gott erleuchtet den begnadeten Menschen mit dem Licht übernatürlicher Wahrheiten, so meinen beide. Bloße Verstandestätigkeit, rationalistisches Spekulieren, sind einer göttlichen Eingebung eher hinderlich!!! Sie bringen Vorurteile mit sich, die den Weg zur Wahrheit verbauen. (Umgekehrt ist richtig!)

Augustinus: "O Wahrheit, Wahrheit, wie sehnte sich damals mein Geist in seinen innersten Tiefen nach dir, wenn jene mir mit Wort und Schrift (gemeint ist die Bibel) ohne Aufhören von dir redeten. Lockspeisen waren es nur, die mir, da ich nach dir Hunger hatte, statt deiner Sonne und Mond reichten, deine schönen Werke, doch deine Werke nur, nicht du selbst noch deine erstgeschaffenen. Denn vor jenen körperlichen Geschöpfen, wie herrlich sie auch am Himmel erglänzen, waren deine geistigen. Ich aber hungerte und dürstete auch nach jenen erstgeschaffenen Werken nicht, sondern nach dir allein, der du die Wahrheit bist, bei welchem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis". (Man spürt förmlich seine Sehnsucht nach Vereinigung mit der Wahrheit).

 

 

Beispiel Bonaventura:

 

Bonaventura (1221 – 1274 einer der Favoriten Benedikt XVI) suchte, wie auch Thomas von Aquin Vernunft und Glauben miteinander in Einklang zu bringen. Er akzeptierte den größten Teil der aristotelischen Philosophie, lehnte aber deren Metaphysik als unzulänglich ab, da sich Aristoteles nicht vom Licht des christlichen Glaubens leiten ließ (Wie sollte er auch, da er im 4. Jh. vor Chr. lebte). Bonaventuras Meinung nach solle man aber die Gläubigen nicht mit zu viel Philosophie verderben:

"Daraus wird klar, dass den Gläubigen ihr Glaube nicht mit der Vernunft, sondern mit der Schrift und mit Wundern bewiesen werden kann. In der Urkirche verbrannte man die Bücher der Philosophen [Apg. 19,19] denn man darf die Brote nicht in Steine verwandeln...
Dies ist also die Abfolge: Zuerst studiere der Mensch die Bibel nach Buchstaben und Geist, dann die Kirchenvätertexte und unterwerfe sie der Bibel. Entsprechend auch die Schriften der Universitätslehrer und Philosophen, aber vorübereilend und wie ein Dieb, nicht, als solle man dabei verweilen".

Das historische Offenbarungswort in der Bibel ist für Bonaventura endgültig, aber der "Heilige Geist" wirkt über die Gelehrten der Kirche als Interpret in der fortschreitenden Geschichte. (Als Beispiele dazu auf der nächsten Seite zwei moderne Interpretationen des "Himmels" und der "Eucharistie" von Benedikt XVI.).

Bonaventura übernahm von Augustinus die Lehre von der Erleuchtung des menschlichen Geistes durch das Göttliche. Sein Werk "Reise des Geistes zu Gott" von 1259 sowie seine kurzen mystischen Abhandlungen spiegeln seine Beschäftigung mit den Möglichkeiten der Seele wider, Gott zu erkennen und mit ihm eins zu werden: „Ferner sind in den Engeln Kräfte, die sich auf vernunftbegabte Seelen beziehen. Mit ihnen leiten sie die Menschen. Die Engel bringen nämlich Lichtstrahlen herab und Geistseelen hinauf, damit diese Erleuchtungen empfangen. Sie haben also eine Kraft des Herabbringens, weil sie in gewissem Sinn Lichter und Durchgang sind und weil sie in sich für uns den göttlichen Lichtstrahl abschwächen, damit er uns mehr entspricht. Dann ist in ihnen aber auch eine Kraft des Hinaufbringens. Mit ihr bereiten sie uns durch ihr Herabsteigen und ihr Hinaufbringen für das Empfangen jenes Lichtstrahls vor, aber nicht so, als ob sie dies selbst vollbrächten. Ferner ist in ihnen eine höchste Kraft, mit der sie sich Gott zuwenden zum Empfang der Erleuchtungen und des ewigen Lichts, das sie lieben. Und alles führen sie zu diesem Licht zurück, so dass es sich Gott in Liebe und Lob zuwendet. Und weil die Seele in Zukunft das Leben der Engel teilen soll, deswegen will Gott, dass sie deren Beispiel annimmt und in diesem Leben, soweit dies möglich ist, sich unter sie mischt.“ (Schön, wie er Gottes Willen erkennt).

 

Die Wahrheit bei Augustinus und Bonaventura ist irrational, (Erleuchtung), als "akademische Übung" manipulativ und, da vom Bildungsgrad abhängig, mehrdeutig.

 

 

Beispiele kirchlicher Wahrheitsfindung als chronologische Abfolge in der Kirchengeschichte

 

Ein Blick in die chronologische Abfolge kirchenhistorischer Ereignisse lässt die Methoden kirchlicher Wahrheitsfindung gut erkennen, wobei festzustellen ist, dass diese einer eigenen inneren Logik nicht entbehren:

 

Ca. 300 – 130 v. Chr.: Das hebräische Alte Testament wird in Alexandria ins Griechische Übersetzt (Septuaginta). Dabei unterläuft der Fehler, dass die hebr. "Alma" = junge Frau (in Jes. 7,14) als "Parthenos" = Jungfrau übersetzt wird, wovon dann später die Jungfräulichkeit der Gottesmutter Maria profitierte.

Ab Mitte/Ende 1. Jh. n. Chr.: Niederschrift der Evangelien, von denen ca.  60 Versionen existieren.

Ca. 200 n. Chr.: Um den Kanon des Neuen Testamentes der Bibel wird lange und leidenschaftlich und buchstäblich unter Kämpfen gerungen, von den ca. 60 Evangelien bleiben schließlich 4 übrig.

325 n. Chr.:  Konzil von Nicäa: Arius contra Alexander von Alexandrien. Jesus Christus wird durch ein Machtwort des Heidenkaisers Konstantin und per erzwungener Mehrheit als mit Gott (Vater) wesensgleicher Sohn  in den Götterstand verabschiedet, Arius, der Jesus als höchsten Propheten, aber doch als Menschen sah, mit dem Kirchenbann belegt und ins Exil geschickt. (Trotzdem lässt sich Kaiser Konstantin auf dem Totenbett von der Vernunft leiten und von einem Anhänger des Arius taufen!!!) Das verabschiedete Nicänische Glaubensbekenntnis endet mit der Klausel: (welche etwas anderes glauben) "....diese belegt die katholische Kirche mit dem Anathema." (Anm.: dem Kirchenbann).

Das Konzil legte weiterhin fest, dass das Osterfest am Sonntag nach dem jüdischen Passahfest gefeiert werden soll.
Das Passahmahl wurde, da nach Auffassung der Kirche aus besonderem Anlass von Jesus zelebriert, rechtskräftig zum Abendmahl erklärt.
Der Sabbat (Samstag), der als heilig galt, wurde auf den Sonntag verlegt.
Die biblischen Speisegebote (5Mo14, 3-21), die das Essen von unreinen Tieren verbieten, wurden aufgehoben.
Die tägliche rituelle Reinigung (3Mo11, 25-40; 15, 5-7), wird als Ritus der Taufe weitergeführt, mit dem neue Sinn einer Initiation (Beitrittserklärung) zur Kirche.

Auf diese letzteren Festlegungen wird am Ende dieses Kapitels noch ausführlich hinsichtlich ihres Wahrheitsanspruches einzugehen sein.

367 n. Chr.: Athanasius von Alexandrien legt autoritativ die 27 im NT enthaltenen Schriften als kanonisch fest, nachdem ca. 200 Jahre lang keine Einigung erzielt werden konnte.

Ca. zur selben Zeit: Basilius von Cäsarea erklärt den Heiligen Geist als eigenständigen göttlichen Heilsbringer.

381 n. Chr.: Das 1. Konzil von Konstantinopel legt fest, dass der Heilige Geist nur aus dem Vater hervor geht.

Ca. 412 – 415 n. Chr.:  Augustinus schreibt eine Erbsündenlehre, erklärt gleichzeitig Maria, die Mutter des nunmehr göttlichen Jesus für sündenrein und nimmt sie von der Erbsünde aus. (Frage: wie war das mit der Großmutter?)

431 n. Chr.: Konzil zu Ephesus. Nestorius, Patriarch von Konstantinopel, weigert sich den Titel "Gottesmutter" für Maria anzuerkennen. Da Jesus 2 Naturen habe, eine göttliche und eine menschliche, sei Maria die Mutter des Menschen Jesus. Cyrill, Patriarch von Alexandrien  und mit der Führung des Konzils beauftragt setzt Nestorius daraufhin ab. Ein sofort in derselben Stadt einberufenes Gegenkonzil setzt Cyrill ab und man exkommuniziert sich samt Anhang gegenseitig. Kaiser Theodosius lässt das ganze Konzil für nichtig erklären und setzt beide Kontrahenten noch einmal ab und stellt sie unter Hausarrest. Cyrill kann dennoch das Blatt für sich wenden, da er Konstantinopel mit Geschenken in Millionenhöhe schmiert, was sein eigenes Patriarchat finanziell an den Rand des Ruins bringt, doch zunächst steht der Verleihung des Titels einer "Theotokos" = Gottesgebärerin an Maria nichts mehr im Wege: ("Wer nicht bekennt, dass die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist, der sei im Banne.")

449 n. Chr.: Räubersynode von Ephesus. Dioskoros von Alexandrien unterstützt die These, dass Jesus aus 2 Naturen, aber nicht in 2 Naturen fleischgeworden sei und deshalb nur eine, nämlich göttliche Natur habe, welche die menschliche Natur aufsauge. Er lässt diese These durch Schlägertrupps durchsetzen, wobei der später heilig gesprochene Patriarch von Konstantinopel Flavian, sein Gegenspieler, tot auf der Strecke bleibt.

451. n. Chr.: Konzil  von Chalkedon. Verurteilt die Räubersynode von Ephesus und bestätigt die Zweinaturenlehre Christi: Wahrer Mensch und wahrer Gott.

Ab 5. Jh. n. Chr.: Der Siegeszug der Maria durch die Jahrhunderte beginnt und ist bald so grandios, dass sie im Bewusstsein des Volkes zeitweilig ihren Sohn verdrängt. Selbst viele Kirchenväter schreiben ihr das Werk der Erlösung zu.

649 n. Chr.: Das sog. Laterankonzil stellt fest: "Wenn einer nicht gemäß den heiligen Vätern bekennt, dass im eigentlichen und wahren Sinne Maria die heilige Gottesgebärerin ist und immerwährende Jungfrau und unbefleckt und dass sie das Wort Gottes selbst, das vom Vater vor aller Zeit geboren ist, wahrhaft und wirklich in der Fülle der Zeit ohne irdische Zeugung vom Heiligen Geiste empfangen und ohne Verletzung ihrer Jungfräulichkeit geboren hat, und dass auch nach der Geburt ihre Jungfräulichkeit unversehrt geblieben ist, der sei im Banne".

9. Jh. n. Chr.: Entgegen der Einsicht von Konstantinopel 1, wird im Westen festgestellt, dass der Heilige Geist aus dem Vater und dem Sohne (filioque) hervorgeht, da gem. Joh. der Vater den Geist als Ratgeber in Jesu Namen senden wird. Da die Ostkirche damit nicht einverstanden ist, kommt es 1054 zum Schisma (Kirchenspaltung) was wiederum beweist, dass der Heilige Geist auch ein spaltendes Element beinhaltet.

1854 n. Chr.: Pius IX lässt endlich Maria auch im Dogma unbefleckt zur Welt kommen, was ja Augustinus schon 1400 Jahre vorher festgestellt hatte, und

1950 n. Chr.: Pius XII nimmt Maria dogmatisch leiblich in den Himmel auf, wo sie nun als "Aeiparthenos", allzeit Jungfräuliche thront.

 

Vier der ersten ökumenischen Konzilien (Synoden) (Nicäa, Konstantinopel I, Ephesus I, Chalkedon) wurden im Ergebnis als endgültig festgeschrieben und klar von Konzilien minderen Ranges abgegrenzt. Seither stellen sie letzte unfehlbare Autorität des wahren Glaubens dar, absolute Wahrheit, die nicht mehr hinterfragt werden darf. Der Vergleich der "vier heiligen Synoden" mit den vier Evangelien, mit denen sie ebenso anzunehmen und zu verehren seien, wurde festgestellt.

 

 

Notwendige Korrekturen "Ewiger Wahrheiten".

 

Heute allerdings ist es ein vorrangiges Anliegen in der Erforschung des Neuen Testaments geworden, die Wurzeln des Christentums erneut zu überprüfen Der Versuch, nach dem Holocaust bzw. der Shoah das Judentum besser zu verstehen, hat zu überraschenden Eingeständnissen und notwendigen Korrekturen der Sicht von Jesus von Nazareth, Paulus von Tarsus und der Urkirche geführt. Eine allgemeine Erkenntnis ist, dass das Christentum des 1. Jahrhunderts in seinen Glaubensinhalten weit jüdischer oder hebräischer war, als man seit fast 2000 Jahren angenommen hatte. Ein Fachmann, der über die Bedeutung dieser wiederentdeckten Wurzeln nachgedacht hat, ist John Garr, PhD., (Dr. der Philosophie), Präsident der Restoration Foundation, die darauf spezialisiert ist, das hebräische Erbe dessen, was heute Christentum heißt, bekannt zu machen. Auszüge aus einem Interview:

 

In der Mitte des 2. Jahrhunderts wurden die hebräischen Grundlagen des christlichen Glaubens durch die erste große Irrlehre angegriffen, die die Kirche herausforderte. Die Irrlehre wurde Marcionismus genannt. Ihr Urheber Marcion war ein sehr reicher Mann, der stark von der hellenischen Kultur, dem Denken Platons und der Gnosis beeinflusst war. Marcion wollte das Christentum vollständig vom Judentum und dem Gesetz abkoppeln. Er sagte, das Alte Testament sei der Bericht einer gescheiterten Religion, die abgeschafft werden sollte und tatsächlich von Jesus selbst abgeschafft worden sei. Er ging sogar so weit, Matthäus 5, 17 umzuschreiben, wo Jesus in der Bergpredigt sagt: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Marcion kehrte dies um – tatsächlich habe Jesus gesagt: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten zu erfüllen; ich bin nicht gekommen zu erfüllen, sondern aufzulösen.“ Darüber hinaus nahm er einige Paulusbriefe und einige Abschnitte des Lukasevangeliums und redigierte sie so, dass jede Verbindung mit dem Judentum oder dem Alten Testament ausgemerzt wurde. Die Folge seines Handelns war, dass die Kirchenführer ihn schließlich als Ketzer brandmarkten und exkommunizierten.

Angesichts dieser Tatsachen sollte man denken, dass Marcions Spur sich in der Geschichte verlor, doch unterschwellig hat sein Einfluss die christliche Kirche bis in die Gegenwart hinein durchdrungen. Er lässt sich wohl am besten als Antinomismus bezeichnen – die Einstellung, gegen das Gesetz [Anm. :  gr. Nomos = Gesetz] zu sein, die in vielen christlichen Gemeinschaften eine große Rolle spielt. Viele Antinomianer würden sagen, dass sie das Evangelium der Gnade Gottes predigen; Gnade und Gesetz seien unvereinbare Gegensätze und könnten nicht nebeneinander existieren. Die Vorstellung, das Gesetz sei völlig ungültig geworden, das Alte Testament habe keine Bedeutung mehr, Jesus sei gekommen, das Gesetz aufzulösen und die Gläubigen stünden heute nur unter der Gnade Gottes, ist somit im Grunde ein Neo-Marcionismus.

 

Paulus war Jude, aber kein Christ.

 

Betrachten wir uns noch einmal Paulus, diesmal mehr im religiösen, denn im philosophischen Kontext: Zu Paulus’ Zeit gab es keine Christen im modernen Sinn des Wortes. Natürlich war auch Jesus selbst kein Christ – in seiner Zeit gab es das Wort ja noch gar nicht. Der Begriff "Christen" kam als Bezeichnung für die Anhänger „des Gesalbten“ [griechisch christos] auf. Man hätte sie leicht auch „Messianer“ nennen können, um sie als Anhänger des Messias Jesus zu identifizieren.

Paulus sah sich nie als Christ in der Weise, wie wir dies heute definieren. Er hätte sich nur in dem Sinn als Christ bezeichnet, dass er ein Jünger des Juden Jesus war, den er als Messias oder Christus erkannte. Er war ganz zweifellos ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft seiner Zeit.

Interessanterweise gab es zurzeit von Jesus oder Paulus kein monolithisches, festes Judentum. Es gab viele Ausprägungen des Judentums, und die früheste christliche Bewegung war einfach eine davon. Es gab das herodianische Judentum, das essenische Judentum, das pharisäische Judentum, das sadduzäische Judentum und so weiter. Ich glaube, James Charlesworth (Prof. Dr. Charlesworth schrieb und veröffentlichte mehr als 30 Bücher über das Neue Testament, die Schriftrollen vom Toten Meer, und andere jüdische Literatur). hat etwa 150 verschiedene jüdische Sekten identifiziert, die alle im 1. Jahrhundert existierten. Am Anfang wurde das Christentum also überhaupt nicht als Christentum erkannt; es war einfach eine der vielen Sekten des Judentums des Zweiten Tempels.

Tatsächlich bekannte sich Paulus dazu, „dass ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, dem Gott meiner Väter so diene, dass ich nach allem glaube, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten [in der Thora und den Neviim]“ (Apg. 24, 14). Damit sagte Paulus einfach, dass er Gott – den Gott seiner Väter – in einer Weise anbetete, die andere innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als eine der jüdischen Sekten erkannt hätten.

Die Römer nannten die Anhänger Jesu "christiani" – das Suffix –ianus/-iani bezeichnete die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei oder Gruppe und ursprünglich hatte das Wort christiani eine negative Bedeutung; es war ein Spottwort, ebenso wie das Wort iudaei (Juden), als es zuerst gebraucht wurde. So wurden die Menschen vom Stamm Juda genannt, und es war eigentlich ein Ausdruck der Rassendiskriminierung. Das Gleiche gilt für den ursprünglichen Gebrauch des Wortes Christen [christiani], als Anhänger Jesu in Antiochia zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden. Es war zuerst ein negativer Ausdruck, den Menschen außerhalb der Kirche verwendeten; doch mit der Zeit wurde er von der Gemeinschaft der Gläubigen angenommen, wie auch der negative Ausdruck Juden von der jüdischen Gemeinschaft als Selbstidentifikation übernommen wurde.

 

Paulus nennt sein Glaubenssystem „den Weg“ – dass Menschen Nachfolger auf „dem Weg“ wurden. Das war nur natürlich, denn die ganze hebräische Auffassung von der Beziehung mit Gott bedeutete ein „Wandeln mit Gott“.

Tatsächlich ist das „Wandeln mit Gott“ älter als das Judentum und das Christentum, und in gewisser Weise ist es beiden übergeordnet. Es geht zurück auf den Garten Eden, wo Adam und Eva mit Gott wandelten. In der siebten Generation nach Adam wandelte Henoch mit Gott und war Gott "wohlgefällig" [1. Mose 5, 22]. Gottgefällig sein bedeutet das Gleiche wie "Wandeln mit Gott". Die Verwendung des Ausdrucks der Weg passte sehr gut in die jüdische Vorstellungswelt. Wenn man wandelt bzw. geht, gibt es einen Weg, auf dem man geht, oder eine Straße, auf der man geht. In der jüdischen Gemeinschaft hieß der Standard für akzeptablen Lebenswandel "halacha", wörtlich „der Weg, auf dem man wandeln sollte“. So war es nur natürlich, dass der vorherrschende Ausdruck der ersten Jünger Jesu für die Beschreibung ihrer Erfahrung „der Weg“ war. (Vgl.: "Weg der Wahrheit", "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"). Eigentlich war Paulus, nicht Jesus der Gründer dessen, was wir als Christentum kennen. Paulus trug einfach das Erbe weiter, das er von seinen Vätern erlernt hatte; das "Wandeln im Sinne der halacha".  Es ging ihm nicht darum, sich davon zu lösen und eine neue Religion zu gründen. Ich würde sagen, er sah sich wahrscheinlich bis zu seinem Todestag als Pharisäer, denn seine Ansichten ähnelten denen der pharisäischen Partei mehr als denen irgendeiner anderen Partei im Judentum. In Apostelgeschichte 23, 6 bekennt er: „Ich bin (nicht „Ich war“) ein Pharisäer.“ [Anm.: Paulus betonte hier aus taktischen Gründen seine Abstammung als Pharisäer]. In Philipper 3, 6 erklärt er sogar, im Hinblick auf die Thora, das Gesetz, sei er untadelig gewesen – eine ziemlich weit gehende Aussage.

Paulus und die anderen Apostel versuchten einfach, ihre Sicht von Jesus als Messias zur normativen Sicht für die gesamte jüdische Gemeinschaft zu machen. Es ging ihnen nicht darum, sich von der jüdischen Gemeinschaft zu lösen und eine völlig neue Religion zu gründen. Die Vorstellung, Paulus habe eine neue Religion gegründet, ist etwa so absurd wie die Vorstellung, Jesus sei gekommen, um eine neue Religion zu gründen. Erst in der dritten Generation nach dem Apostel Paulus begann das „Christentum“ Gestalt anzunehmen, das letztlich zur „Christenheit“ wurde.

Im frühen 20. Jahrhundert schrieb der deutsche Theologe Adolf von Harnack: „Es war Paulus, der die christliche Religion vom Judentum befreite. . . . Er war es, der das Evangelium zuversichtlich als eine neue Kraft ansah, die die Religion des Gesetzes ablöst“. Dies klingt sehr nach (dem oben zitierten) Marcion. Von Harnacks Denken war in dieser Hinsicht wirklich eine reine Form des Neo-Marcionismus. Er ging so weit, zu sagen, wenn die Kirche den Mut dazu gehabt hätte, hätte sie anerkannt, dass Marcion Recht hatte; dann wäre das Judentum abgeschafft und das Gesetz aufgelöst worden. Hiervon war er felsenfest überzeugt. Tatsächlich hätte von Harnack aus vollem Herzen mit Julius Wellhausen (Dt. Orientalist, Exeget und Historiker 1844 – 1918) übereingestimmt, der sagte, Paulus sei „der große Pathologe des Judentums“ gewesen.

Diese ganze Denkrichtung glaubte (fälschlicherweise), Jesus habe dem Judentum ein Ende bereitet, und Paulus habe es begraben. Dieses Denken gründete in den Vorurteilen des Germanismus gegen das Judentum, in seiner starken, offenen Judenfeindlichkeit, aber auch in dem beginnenden Antisemitismus, der schließlich im Holocaust des 20. Jahrhunderts gipfelte. Die Vorstellung, Paulus sei irgendwie derjenige, der offenbart habe, dass das Judentum eine gescheiterte, leblose Religion war, die nichts weiter brauchte als einen Sarkophag, um sie zu bestatten, steht in völligem Gegensatz zu allem, was Paulus von sich selbst und seinem Glauben dachte und vertrat.

In einer führenden Nachrichtenzeitschrift war kürzlich zu lesen: „Jahrhunderte lang besuchten viele Christen von Kleinasien bis Afrika weiterhin die Gottesdienste in der Synagoge und feierten die jüdischen Hochfeste.“ Dann zitierte der Artikel die Theologin Paula Fredriksen: (Studierte Antikes Christentum am Wellesley College, Oxford University, und Princeton University, unterrichtete in Stanford, Berkeley, und der "Hebrew University" in Jerusalem, und ist gegenwärtig "Professor of Scripture" an der Boston University, Autorin verschiedener Studien über Jesus, Paulus, und Augustinus, erhielt 1999 den  "Jewish National Book Award").  „Die Heidenchristen des 4. Jahrhunderts behielten trotz der antijüdischen Ideologie ihrer eigenen Bischöfe den Samstag als Ruhetag bei, ließen sich von jüdischen Freunden zum Passahfest Mazzen schenken und feierten sogar noch immer dann Ostern, wenn die Juden das Passahfest feierten.“ D.h. in der Gemeinde von Antiochia – und vielen, wenn auch nicht allen heidenchristlichen Gemeinden der ersten Zeit – war es eine Selbstverständlichkeit, die jüdischen Feste und den Sabbat zu feiern. Es gab in der Urkirche keine Bestrebungen, sich von diesen historischen und biblischen Praktiken zu lösen, denn die ersten Gläubigen blieben einfach Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Es ist sehr interessant, dass Paulus den Heidenchristen in 1. Korinther 5, 7-8 die Feier des Passahfestes empfiehlt, wenn nicht sogar anmahnt: „. . . Auch wir haben ein Passahlamm, das ist Christus, der geopfert ist. Darum lasst uns das Fest feiern . . . im ungesäuerten Teig der Lauterkeit und Wahrheit.“ Paulus muss das Passahfest und die Tage der Ungesäuerten Brote gefeiert haben, zuerst mit den Mitgliedern seiner eigenen jüdischen Gemeinschaft, seiner eigenen jüdischen Familie. Doch er muss das Passahfest auch mit denen gefeiert haben, die an Jesus glaubten und keine Juden waren. Paulus dachte, dass diese Menschen, die in der Vergangenheit „Heiden“ (Nichtjuden) gewesen waren, Mitglieder des Volkes Israel in einem weiteren Sinne geworden waren, weil sie durch ihren Glauben an Jesus als Messias in Gottes Familie aufgenommen waren. Er spricht spezifisch vom "Fest der Ungesäuerten Brote", zu dem das Passahfest gehört. Die Kirche behielt dieses Fest also bei. Ich glaube, es gibt keinen Zweifel daran, dass das Passahfest zur Zeit des Paulus und bis ins frühe 2. Jahrhundert hinein gefeiert wurde. Erst als die Kirche im Westen, im lateinischen Sprachraum Einfluss gewann, begann sie, darauf Wert zu legen, weniger mit den Juden zu tun zu haben.

Der Konflikt wurde immer größer, bis die westliche Kirche jegliche Verbindung mit dem jüdischen Volk loswerden wollte. Deshalb gab es Bestrebungen, die Daten für die Feier von Jesu Tod, Begräbnis und Auferstehung so zu ändern, dass sie nicht mit dem jüdischen Festkalender übereinstimmten. Natürlich wurde das sofort umgesetzt, als Konstantin im Jahr 325 in einem seiner Briefe, der fast einem kaiserlichen Edikt gleichkam, schrieb: „Als beim Konzil von Nicäa (siehe oben) die Frage des heiligen Festes Ostern aufkam, wurde einstimmig beschlossen, dass dieses Fest von allen und überall am gleichen Tag gefeiert werden sollte. Denn es erschien jedem eine äußerst unwürdige Tatsache, dass wir in diesem äußerst heiligen Fest den Gewohnheiten der Juden folgen sollten, welche – verdorbene Schufte! – ihre Hände befleckt haben mit einem ruchlosen Verbrechen. . . . Es ist daher passend, wenn wir die Praktiken dieses Volkes zurückweisen und in aller Zukunft das Begehen dieses Festes auf eine legitimere Art feiern. Lasst uns also nichts gemeinsam haben mit diesem äußerst feindlichen Pöbel der Juden“ (Eusebius, De vita Constantini, III 18f., zit. in Jörg Ulrich, Euseb von Caesarea und die Juden, Berlin/New York 1999,S. 239).

 

Dies war die Zeit, in der das zentrale Ereignis der Geschichte, die Entstehung des christlichen Glaubens, aus seinem jüdischen Kontext herausgerissen wurde.

Die Trennung zwischen Judentum und Christentum entstand also durch die Politik innerhalb des Römischen Reiches und Konstantins Entscheidung zugunsten des Christentums: Unter Kaiser Konstantin wurde der Sabbat auf den Sonntag verlegt und den Christen verboten, sich mit Rabbinern über die Datierung von Ostern (oder richtiger Passah) auszutauschen. Nach dem, was wir über Paulus wissen hätte er wohl ziemlich negativ, wahrscheinlich äußerst negativ auf die Idee reagiert, die Grundwahrheit der Heiligen Schrift zu verfälschen, um den politischen Machthabern entgegenzukommen. Obwohl Paulus eigentlich ein recht flexibler Mann war, meine ich, dass für ihn bestimmte theologische Dinge nicht verhandelbar waren. Und meiner Meinung nach hätte er sich nicht an einem solchen Unterfangen beteiligt, Dinge abzuschaffen, die für ihn offensichtlich göttlichen Ursprungs waren, und sie durch Dinge zu ersetzen, die offensichtlich menschlichen Ursprungs waren.

Ein angemessenes Verständnis des Paulus erfordert eine korrekte Sicht des alten Judentums; und beides setzt eine reflektierte Distanz zur christlichen Tradition voraus. Wir haben es in der Tat mit der Notwendigkeit, ja der Forderung zu tun, die Grundlagen des christlichen Glaubens zu überprüfen, denn das Christentum ist im Lauf der Jahrhunderte so hellenisiert und latinisiert worden, dass leider ein Großteil des christlichen Glaubens mehr im Denken griechischer Philosophen wurzelt als im Denken der hebräischen Propheten und Apostel.

Wir befinden uns also in einem Paradigmenwechsel. Ich glaube aber, er wird noch größer und wahrscheinlich noch massiver sein, als wir uns je vorgestellt haben. Das Problem ist, dass das Christentum, wie wir es heute kennen, das Ergebnis einer bewussten Bestrebung ist – die im 2., 3. und 4. Jahrhundert einsetzte und bis zur Gegenwart anhält –, das hebräische Gedankengut mit der neoplatonischen Philosophie zu vermischen. Die beiden passen einfach nicht zusammen. Sie haben nicht die gleiche Weltsicht; sie haben nicht die gleiche Geisteshaltung. Sie sind direkte Gegensätze.

Deshalb ist es philosophisch wirklich problematisch, beides zu vereinen. Wir wissen, dass einige der griechischen Kirchenväter, namentlich Origenes und Tertullian, das hebräische und platonische Denken zu synkretisieren versuchten. Thomas von Aquin versuchte später, das hebräische Denken mit dem Aristotelismus zu vereinen. Es funktioniert einfach nicht. Das ist das Problem, das wir heute haben: Wir müssen unseren christlichen Glauben und unsere christlichen Praktiken daraufhin überprüfen, was davon in der hebräischen Geisteshaltung und Weltsicht wurzelt. Wenn wir das tun, werden wir finden, was im Denken Jesu und der Apostel wurzelt – die alle Juden waren.

Der Kern der Sache ist die Unwandelbarkeit Gottes, die Tatsache, dass Gott sich nie ändert. Wenn man einmal von dieser Wahrheit überzeugt ist, dann fragt man nicht mehr: „Sollen wir den Sabbat halten, oder sollen wir den Sabbat nicht halten?“ Dann fragt man: „Was sollen wir (am Sabbat) tun? Wie sollen wir ihn halten?“ Das Gleiche gilt für die heiligen Feste, wie für so vieles andere. Die Frage ist nicht „Sollen wir oder nicht?“ Die Frage ist „Wie sollen wir es machen?“

Deshalb finde ich es so wichtig, zu dieser grundlegenden Einsicht der Unwandelbarkeit Gottes zu kommen – diese Unwandelbarkeit ist Teil seines Wesens und Charakters. Gott ändert sich nie. Und wenn es stimmt, was in Hebräer 13,8 steht: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“, dann ist der Jesus, der im 1. Jahrhundert lebte, derselbe Jesus, der dem alten Israel das Verständnis der Thora gab, und er wird in Ewigkeit derselbe sein.

Wenn wir die grundsätzliche Unwandelbarkeit Gottes einsehen, können wir erwarten, dass sein Handeln mit der Menschheit Kontinuität hat. Dann begreifen wir, dass Gott (im Alten Testament) nicht eine Religion gestiftet, sie 1500 Jahre betrieben und bestätigt hat, um plötzlich zu beschließen: „Das funktioniert einfach nicht; wir müssen diese Religion aufgeben und etwas anderes versuchen.“

Diese Vorstellung suggeriert (doch nur), dass Gott ständig etwas Neues ausprobiert, dass er hofft, etwas zu finden, das funktioniert. Wenn Gott das Judentum ausprobiert und schließlich aufgegeben hat, weil es „einfach nicht funktioniert“, mit welcher Berechtigung glauben wir dann, dass das Christentum funktionieren wird? Gott ist derselbe. Er ist konsistent. Wir müssen als Erstes zurückschauen und unsere christlichen Lehren und Praktiken (vom Ursprung her) überdenken. Natürlich ist alles, was wir im Christentum tun, in etwas begründet, das wir glauben, und deshalb müssen wir diese Glaubensinhalte überdenken und herausfinden, was in den hebräischen Grundlagen des Glaubens verwurzelt war und ist.

Allem voran müssen wir wohl anerkennen, dass das, was wir das Alte Testament nennen, die Bibel Jesu und der Apostel war. Der Begriff Altes Testament ist inzwischen fast abwertend, als wäre es tot und hätte sehr wenig zu bedeuten. Manche Glaubensrichtungen sagen das sogar. In Wirklichkeit war das Alte Testament die Bibel für Jesus und die Apostel. Als Paulus schrieb: „Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt“ [2. Tim. 3, 16-17], meinte er damit die überlieferten Worte von Genesis bis Maleachi. (Das Alte Testament).

Die Evangelien waren (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht niedergeschrieben, und die Paulusbriefe waren gerade erst im Entstehen. Wir müssen zurückgehen und eine neue Wertschätzung der Bibel Jesu und der Apostel finden, denn sie ist das Fundament unseres Glaubens. Wir müssen ein für allemal begreifen, dass der Glaube Jesu und der Apostel ein hebräischer Glaube war, fest verwurzelt in der hebräischen Schrift. Dann müssen wir beginnen zu klären, was von unserem christlichen Tun und Glauben im Buch begründet ist. Was es nicht ist, müssen wir dann neu bedenken, neu bewerten und reformieren. Und wir müssen durch Wiederherstellen reformieren. Wir müssen zurückgehen zum Buch – eine echte "Zurück zur Bibel Bewegung", wenn man so will –, darin lesen, was dort steht, und es so deuten, wie es dort steht. Nur dann können wir entdecken, was von unserem Tun nicht in ihr begründet ist, und es entsprechend ändern. Wir werden mit Sicherheit feststellen, dass jeder authentische Ausdruck christlichen Glaubens eine jüdische Wurzel hat.

(Siehe auch Paulus im historischen Kontext).

 

Soweit zur Entstehungsgeschichte der kirchlichen  "absoluten und ewigen Wahrheiten"

 

Die Wahrheit als Ergebnis kirchlich historischer Prozesse besteht aus einer Verfälschung des Judentums und dessen Heiliger Schrift, dem "Alte Testament", ist geschichtsbedingt obsolet und lässt sich nur unter Androhung und Exekutierung von Sanktionen durchsetzen.

 

Merke: "Die Wahrheit ist nichts, was einer hätte und ein andrer nicht hätte: so können höchstens Bauern oder Bauern-Apostel nach Art Luthers über die Wahrheit denken. Man darf sicher sein, dass je nach dem Grade der Gewissenhaftigkeit in Dingen des Geistes die Bescheidenheit, die Bescheidung in diesem Punkte immer größer wird.... "Wahrheit" wie das Wort jeder Prophet, jeder Sektierer, jeder Freigeist, jeder Sozialist, jeder Kirchenmann versteht, ist ein vollkommner Beweis dafür, dass auch noch nicht einmal der Anfang mit jener Zucht des Geistes und Selbstüberwindung gemacht ist, die zum Finden irgend einer kleinen, noch so kleinen Wahrheit Not tut".

(Friedrich Nietzsche)

 

 

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