Biblische Hermeneutik und Exegese

(Oder, glaubt doch was ihr wollt)!

 

 

Religionssoziologen stellen heutzutage fest, dass Bibel-Lesen nicht mehr "in" ist und viele Zeitgenossen als religiöse Analphabeten leben. Das ist aus vielerlei Gründen verständlich, nicht zuletzt deswegen, weil in den Kirchen die Mehrzahl der Gemeindepfarrer und Bischöfe und nicht wenig Dogmatik-Lehrer an den theologischen Hochschulen eine moderne Bibelauslegung scheuen und das Wissen, welches ihnen im Studium vermittelt wurde, bzw. welches sie selbst lehrten, beharrlich verschweigen und ignorieren. Es geht um die historisch-kritische Analyse der Bibel, deren Ergebnisse seit über 150 Jahren nicht mehr außer acht gelassen werden können, mit denen sich aber viele Geistliche absolut nicht anfreunden wollen, sei es aus Gründen der Bequemlichkeit oder aus Scheu vor einer intellektuellen Auseinandersetzung, welche die Mythen und Geschichten der Bibel als solche aufdecken und benennen würde. Somit erleben die Noch-Kirchgänger oftmals am Sonntag Predigten und Liturgien, welche "die Lust auf das Weiterlesen der Bibel im Keime ersticken, einen Rückzug der kirchlichen Verkündigung aus der Bild- und Geschichtenwelt der eigenen Bibel". (So der kath. Professor  für Exegese des A.T. an der Uni Osnabrück Georg Steins: Steins ist einer der Initiatoren des Memorandums Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch.).  Damit überlassen sie jedoch dieses Feld den Bibelfundamentalisten, die den Inhalt der Bibel als wortwörtliche Berichte und Anordnungen Gottes verstehen und auch heute noch als Einzeltäter oder als Kollektiv, innenpolitisch wie international viel Schaden anrichten. (Siehe den Attentäter von Oslo 2011, oder die USA unter der Ära Bush). Dagegen hilft nur eines: Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung darüber, wie die Bibeltexte entstanden sind und wie sie im historischen Kontext der Entstehungszeit interpretiert werden müssen, damit endlich der Zustand überwunden wird, den der evangelische Prof. Dr. theol. Walter Hollenweger als das "bestgehütete Geheimnis der Kirchen" bezeichnet. Er meint damit die Ergebnisse der historischen Bibelkritik und deren Auslegung.

 Damit sind wir bei der Hermeneutik (von griechisch hermeneuein: deuten, interpretieren). Bezeichnet wird damit die Lehre vom Verstehen eines Textes, die Auslegungskunst. Diese Bezeichnung verweist auf den griechischen Götterboten Hermes, der den Menschen die göttlichen Botschaften und den Göttern des Olymps Nachrichten von den Menschen überbringen sollte, und der sich somit als "Makler" und Vermittler zwischen Irdischem und Überirdischem betätigte. "Hermeneutikon" nannte man im griechischen Geschäftsleben allgemein die Maklergebühr. In der Disziplin geht es um den Kommerz zwischen Geist und Materie, Idee und Sache oder Bedeutung und Zeichen. Und wer sich darin betätigt, hat noch immer sein Hermeneutikon in Gestalt von Aufwand und Mühe im Verstehensgeschäft zu entrichten. Gegenstand der Hermeneutik, die um 1500 im Zuge des Humanismus entstand, waren zunächst die Texte antiker Autoren, in erster Linie aber der Inhalt der Bibel, dessen Wahrheitsgehalt als konkret und eindeutig galt. Im 16. Jahrhundert versuchten die Theologen deshalb, ein methodisches Regelwerk zu schaffen, das das Auffinden der biblischen Wahrheit und auch das Verständnis klassisch-humanistischer Texte erleichtern und – vor allem – die möglichen Interpretationen solcher Texte auf die eine und einzig wahre Auslegung einschränken sollte.
Im 19. Jahrhundert erweiterten Philosophen wie Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey den Horizont der Hermeneutik, indem sie den Leser selbst mit in ihre Betrachtung einbezogen. Hier wurde das Verstehen als ein Vorgang der psychologischen Rekonstruktion begriffen: Im Akt des deutenden Lesens lege, so Schleiermacher, der Rezipient die ursprüngliche Absicht des Autors frei. Interpretation erscheint als Versuch, sich in die Lage des Autors hineinzuversetzen, um den schöpferischen Akt nachzuvollziehen und so den einzig möglichen Sinn des Kunstwerkes aufzudecken. Ziel der Hermeneutik Diltheys war vor allem die Abgrenzung der verstehenden Geisteswissenschaften gegenüber einer rein erklärenden Naturwissenschaft. Unbeachtet hierbei blieb die geschichtliche Situation des Werkes und seines Lesers. Dilthey sprach deshalb vom literarischen Kunstwerk als „Sprachdenkmal” und unterstrich damit, dass der Vorgang des Interpretierens ein geschlossener, vom Rezipienten unabhängiger sei.

Im 20. Jahrhundert waren es Edmund Husserl, Martin Heidegger und sein Schüler Hans-Georg Gadamer, die eine Neuorientierung der philosophischen Hermeneutik im Sinn einer eher „offenen” Auslegekunst unternahmen. (Gadamer wurde 1960 mit seinem bis heute für die Hermeneutik maßgeblichen Standardwerk "Wahrheit und Methode" schlagartig berühmt.) Verstehen ist demnach niemals nur durch das konkret-gegenwärtige Verhältnis des Subjekts zu dem Gegenstand seiner Betrachtung bestimmt, sondern Teil eines wirkungsgeschichtlichen Geschehens, das die historisch wandelbaren Gegebenheiten, den jeweiligen Horizont des Erkenntnisaktes, berücksichtigen muss (Horizonttheorie). Der Bedeutungszusammenhang des zu Deutenden ist als vergangene Wirklichkeit dem Rezipienten nie wirklich zugänglich. Der Interpret und das zu Interpretierende stehen vielmehr in einem gegenseitigen Bedingungsgefüge. Heidegger und Gadamer beschreiben dieses Dilemma als einen „hermeneutischen Zirkel”: Dabei beziehen sie sich auf die Art und Weise, in der – sowohl im Verständnis als auch in der Interpretation – der Teil und das Ganze kreisförmig aufeinander bezogen sind. Um das Ganze zu verstehen, ist es notwendig, die Teile zu verstehen, und umgekehrt. Nur unter dieser Bedingung sind menschliche Erfahrung und Forschung überhaupt möglich. Ausgehend von Heidegger dehnte die Hermeneutik ihren Gegenstandsbereich auf das ganze Spektrum verstehender Erkenntnis aus, indem sie betonte, dass jegliche Form von Wissen letztlich auf Auslegung beruhen müsse.
(© Unter Verwendung von Text aus Encarta 1993-2003 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.)


Im Sprachgebrauch wird die allgemeine Hermeneutik als eine methodologische Disziplin verstanden, die vorzugsweise in den Geistes- bzw. Kulturwissenschaften angewendet wird.

Die Biblische Hermeneutik ist die Wissenschaft vom Verstehen biblischer Texte, eine angewandte Form der allgemeinen Hermeneutik.
Fragen nach dem richtigen Verständnis der Bibel, und somit die ersten hermeneutischen Überlegungen, finden sich bereits in der Bibel selbst. "Verstehst du auch, was du liest?" - diese Frage des Philippus an den Kämmerer vom äthiopischen Königshof provoziert die Antwort "Wie soll ich es können, wenn mich niemand anleitet." (Apg. 8, 30ff.).

Hermeneutik und Exegese.
Oft wird biblische Hermeneutik mit biblischer Exegese verwechselt oder gleichgesetzt, aber die beiden sind nicht identisch. Exegese ist die praktische Auslegung eines biblischen Texts, Hermeneutik beleuchtet die Voraussetzungen und Ziele der Auslegung. Die beiden verhalten sich - vorsichtig gesagt - so ähnlich wie Sprache und Grammatik.
Wenn Philippus im obigen Beispiel dem Kämmerer den Text erklärt, betreibt er Exegese, jedoch hat seine Erklärung eine bestimmte Hermeneutik zur Grundlage: ein alttestamentliches Prophetenwort ist für ihn nur von Christus her zu verstehen. Ein rabbinischer Jude sähe das anders und würde dem Äthiopier den Text auch anders auslegen.
(Unter Verwendung von Text aus "WIKIPEDIA", Die freie Enzyklopädie).
 

Zu den gängigen Methoden des Verständnisses der Bibel (Frohbotschaft, Heilige Schrift, Wort Gottes) gehören heute aus evangelischer Sicht:

  1. Das wörtliche Textverständnis
  2. Der mehrfache Schriftsinn
    1. wörtlich
    2. moralisch
    3. geistlich
    4. allegorisch (im übertragenen Sinne)
    5. endzeitlich
  3. Von der Mitte der Schrift her (von Jesus her) – Luther
  4. Existentiale Interpretation (Übertragung des mythischen Bibelbildes in ein durch Naturwissenschaft und Technik geprägtes heutiges Denken).
  5. Tiefenpsychologische Interpretation. (Da die innerpsychischen Instanzen des Unbewussten notwendigerweise autobiografisch und subjektiv sind, lässt sich hiermit am breitesten interpretieren).

 

 

Die Methoden sind nicht etwa Voraussetzung für das Verständnis der Bibel oder dem „Wort Gottes“ immanent, sondern ein Ergebnis der Theologie seit der Aufklärung. Beispiele:

  1. Ausgangspunkt Orthodoxie oder Fundamentalglauben (Das ganze Mittelalter hindurch bis ins 18. JH. Der Glauben lebt aus der Beziehung zur Heiligen Schrift, die als geistig (vom Hl. Geist) inspiriertes göttliches Wort betrachtet wurde, in wörtlicher, fundamentaler Auslegung).
  2. Schleiermacher: (nach- erlebte biblische Frömmigkeit in der Beziehung zum Universum als ein Gefühl "schlechthinniger" Abhängigkeit; Bewusstseins-Theologie; - Subjektivität).
  3. Historisch-kritische Forschung: (inspiriert von Hegel: -Baur, -Strauß; Versuch, die Bibeltexte wissenschaftlich, d.h. historisch, archäologisch, psychologisch und sprachwissenschaftlich zu untersuchen und zu untermauern. Historisch und archäologisch ist die Beweisführung für den Wahrheitsgehalt der Bibel als gescheitert zu betrachten, es gibt solche Beweise nicht.
  4. Liberale Theologie: (Ausgleich zwischen Christentum und allgemeinem Zeitbewusstsein; Ritschl – ethische Grundausrichtung, beeinflusst durch Kant. Ausgangspunkt ist der religiöse Mensch. Harnack – geschichtliche Betrachtungsweise in humanistischer Kultur ohne pietistischen und konfessionellen Ansatz).
  5. Erweckungsbewegungen: (Wiederentdeckung von Wort und Sakrament; Harms – biblische Predigt; Löhe – Abendmahlsfrömmigkeit).
  6. Theologie von oben (von Gott her): Karl Barth (Dialektische Theologie, Gotteslehre (der ganz andere Gott), Schriftlehre (Gottes Geist spricht zu uns). Christuslehre (Christologische Konzentration), Glaubenslehre (Analogia fidei; teleologische Sicht).  Kritik: Einseitigkeit, Vernachlässigung der Ethik, der menschlichen Beziehungen, der Welt).
  7. Theologie von unten (vom Menschen her): Rudolf Bultmann (Beeinflusst von Heidegger; Entmythologisierung des Neuen Testamentes und dessen existenziale Interpretation. Kerygmatischer (verkündeter) Jesus; – das historische Phänomen ist uninteressant; Überbewertung der Sprachproblematik).
  8. Theologie der Beziehung: Paul Tillich (Schöpferische Synthese von Barth und Bultmann; religiöser Sozialismus; Religion ist, „was uns unbedingt angeht“. Systematische Theologie. Das Reich Gottes als Ziel der Geschichte; Glaube als Mut zum Sein. Wechselbeziehung aus Liebe. Kritik: Harmonisierungsversuche, Antworten nur aus vorher festgelegten Fragen).
  9. Theologie der Veränderung: (Der Welt: Bonhoeffer, Gogarten, Barth, Gollwitzer. / Der Hoffnung: Moltmann, dgl.: Des Heiligen Geistes./ Der Befreiung: Shaull; auf kath. Seite bekannter: Boff. / Ökologische Theologie).
  10. Feministische Theologie: (Weibliche Seite Gottes, Aufwertung der Rolle der Frau in der Kirche, Erneuerung von Kirche und Theologie ohne Schranken zwischen Mann und Frau, Arm und Reich, Weiß und Schwarz).
  11. Lutherische Theologie: (In unserer Zeit) Luthertum im Engagement, Leben mit der Kirche, Gottesdienst und Dienst am Nächsten bilden eine Einheit, Rechtfertigung durch Christus, Lutherrenaissance: (Holl, Iwand, Gogarten Wolf); Geschichtsbezug: (Elert, Althaus, Pannenberg); Kirchenbezug: (Brunner, Schlieper, Kinder); Menschenbezug: (Ebeling).

(Quelle: Evangelischer Erwachsenenkatechismus).

Ein Beispiel für eine Mehrfachinterpretation finden Sie hier. à

 

Die Katholiken treffen folgende Unterscheidungen, wobei Hermeneutik und Exegese, wie auch schon zuvor, ineinander übergehen:

 

- Historisch-kritische Methode

- Neue Methoden der literarischen Analyse (Synchrone Zugänge)

     -Die rhetorische Analyse (Die Redekunst betreffend)

     -Die narrative Analyse (erzählend, berichtend)

   -Die semiotische Analyse (sprachliche und nicht sprachliche Zeichen   betreffend)

- Auf Tradition gegründete Zugänge

     -Kanonischer Zugang (auf den noch näher eingegangen wird)

     -Zugänge über die jüdische Interpretations - Tradition

     -Zugang über die Wirkungsgeschichte des Textes

- Zugänge über Humanwissenschaften

     -Soziologischer Zugang

     -Zugang über die Kulturanthropologie

     -Psychologische und psychoanalytische Zugänge

- Kontextuelle Zugänge zur Heiligen Schrift

     -Zugang im Umfeld der Befreiung

     -Feministischer Zugang

- Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift

-Sinn der inspirierten Schriften

     -Der wörtliche Sinn

     -Der geistliche Sinn

     -Der Sensus Plenior (Tiefere Sinn)

 

(Quelle: Päpstliche Bibelkommission).

 

Ist man bis hierher vorgedrungen, so möchte man wohl, frei nach Goethe, sagen:

 

 "Das Märchen (der Bibel) ist Ursache, dass die Welt noch 10.000 Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstande kommt, weil es ebensoviel Kraft des Wissens, des Verstandes, des Begriffes braucht, um es zu verteidigen, als es zu bestreiten."  

 

Die Frage, ob man nicht auch  Dantes'  oder Goethes' Werke unter Anwendung obiger Methoden "kanonisieren" (d. h. als ausgewählte Schriftensammlung für eine Gemeinschaft normativ bestimmen) und jeweils zu einem "Buch der Bücher" hoch stilisieren  könnte, sei gestattet.

Für "Wissenschaftshungrige" stelle ich die Ausführungen der päpstlichen Bibelkommission  ins Netz (Bitte hier klicken à), welche die kirchliche "Beweisführung" in Zirkelschlüssen deutlich machen.

Die Bibel ist fürwahr ein reichhaltiges Schriftensammelwerk (Inhalt der Bibel à hier klicken) mit mythischer Schöpfungslehre und wie alles  begann (für Israel),  angebliches Gesetz Gottes (für Israel), Geschichtsbücher (Israels, mit viel Mythos), Weisheitsbücher und Psalmen (aus Israel), Propheten (Israels), Evangelien, Apostelgeschichte, Briefe, Offenbarung. Vom „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ bis zur „Feindesliebe“ ist ein äußerst breites und buntes Spektrum alter und ewig jung bleibender Mythen und Weisheiten gesammelt und irgend eine der obigen Methoden und Auslegungen passt immer. (Ein gutes Wort zur rechten Zeit bringt Freude und Beschaulichkeit)! Und die meisten Kirchgänger "halten die Evangelien für den Tatsachen entsprechende Geschichten. Sie haben keine Ahnung, dass sie die komplexesten, widersprüchlichsten literarischen Konstruktionen der Antike sind. Deshalb haben sie auch keine Ahnung, wie sie sie lesen sollen. Sie beharren leidenschaftlich darauf, die Evangelien seien das eine, was sie nicht sein können: einander ergänzende Biografien Jesu". (So Peter de Rosa, Absolvent der päpstlichen Gregorianischen Elite-Universität, Rom. Er lehrte Metaphysik und Ethik am Londoner Westminster Seminar und war Dekan für Theologie am Corpus Christi College, London. Er sagte sich 1970 vom Priesterstand los, ist verheiratet und hat zwei Söhne). Siehe auch was ist Glauben?

 

Klicken Sie hier (Entstehung der Bibel)à 

Die Alte Kirche allerdings, lebte bis weit in das 4. Jahrhundert hinein nicht aus der Schrift des Neuen Testamentes, weil es sie noch gar nicht gab, sondern beanspruchte, in Ermangelung einer eigenen Heiligen Schrift, die des Judentums, das „Alte Testament“, das als Vorgeschichte Jesu, als prophetische Verheißung interpretiert wurde.
Bereits
Justin, der Märtyrer (2. Jh. n. Chr.), glaubte an Jesus nur aufgrund der umlaufenden    messianischen Weissagungen, und Origenes (zur einen Hälfte Kirchenlehrer, zur anderen Häretiker) zählt "tausend Stellen", an denen die Propheten von Christus reden. (Beiden ist ein eigenes Kapitel gewidmet -M21-).

Tatsächlich stehen im Neuen Testament etwa 250 Zitate aus dem Alten Testament und etwas mehr als 900 Anspielungen darauf. Dabei gingen die Autoren oder Redakteure wie folgt vor: sie sammelten Verheißungen aus dem Alten Testament und interpretierten diese als Fakten in die Geschichte Jesu hinein. Die Leserschaft kann somit bis heute die "Erfüllung der Weissagungen" daraus herauslesen. Schelling (Philosoph) nannte 1802 in einer Vorlesung viele neutestamentliche Erzählungen "jüdische Fabeln, erfunden nach der Anleitung messianischer Weissagungen des Alten Testaments". Dies gilt insbesondere für die Leidensgeschichte (Jes 53), deren Vorbild allerdings nicht, wie von der Kirche behauptet, von Jesaia, sondern aus späteren Jahrhunderten (Deutero Jesaia und aus abermals jüngerer Zeit, von vermutlich gleich mehreren Verfassern), stammt.

Die Gottheit des Jesus von Nazareth, seine Funktion als Erlöser und seine Wundertaten stammen jedoch aus der griechisch - jüdisch - hellenistischen Mythologie und Philosophie (z.B. die hellenistische Logos-Philosophie), mit Elementen, die sich auch in der Gnosis wieder finden,  sowie aus zusätzlichen Segmenten anderer Religionen, z.B. dem Mithraskult und wurden erst ab dem 2./3. Jahrhundert anlässlich der Kanonisierung des Neuen Testamentes und ab dem 4. Jahrhundert im Rahmen eines fortschreitenden Dogmatisierungsprozesses auf den Konzilien festgeschrieben.

 "Das, was wir auch in der späteren Kirchengeschichte immer wieder beobachten können, dass nämlich der Kirche die besten und kreativsten Kräfte von ihren Abweichlern  zugeflossen sind, und dass die eigentliche Leistung der Kirche demgegenüber immer nur die des Ordnens, Selektierens, Dogmatisierens und Überarbeitens gewesen ist, das gilt offenbar bereits für die frühesten Anfänge. Die eigentlichen geistigen Impulse, die großen „Inspirationen“, die entscheidenden theologischen Ideen kamen von den Ketzern; die Kirche ist auf diesem Felde nie sonderlich einfallsreich oder auffallend begabt gewesen – und ist es wohl bis heute nicht.
Ihre (zweifellos geniale) Begabung lag eher in der raffinierten Aneignung dessen, was von Haus aus nicht ihr eigen war und was sie nur durch ein paar geschickte Kunstgriffe, kleine Änderungen hier und da, zu ihrem Eigentum proklamierte. So wie sie es verstand, den Juden die hebräische Bibel „unter dem Leibe wegzuziehen“, indem sie diese zu ihrem Alten Testament, dem Vorläufer ihres Neuen erklärte, und sich damit in den Besitz eines der wichtigsten Dokumente der Literatur- Religions- und Menschheitsgeschichte setzte, so tat sie es mit ihren Häretikern. Sie schaute ihnen eine Weile zu und ließ sie ruhig gewähren, ließ sie für sich die geistige Arbeit tun – um dann zur rechten Zeit auf den Plan zu treten, sich die Früchte dieser Arbeit anzueignen und als die ihren zu erklären. So war ihr Verhältnis zu ihren Häretikern immer ambivalent: Von ihnen kamen die Ideen, auf die man nicht verzichten wollte und konnte. Doch anstatt ihnen dafür den notwendigen Dank zu erstatten, sah man in ihnen einen hohen Unsicherheits- und Störfaktor, (Anm.: den es zu beseitigen galt). Die Bedrohung, die für die Kirche von den Häresien durch ihr bloßes Vorhandensein, durch ihre bloße Existenz ausging, ist jener ärgerlichen Bedrohung vergleichbar, die ein Dieb empfindet, der ständig mit seinen Opfern konfrontiert wird und dem darum nicht die Freiheit vergönnt ist, sich ungestört an seiner Beute zu erfreuen".

(Hermann Detering, Theologe).

 

Hinzu kommt heute, dass sich die  historische Aussage des Alten Testamentes immer mehr als Mythos und Sage entpuppt. (Siehe: Biblische Archäologie vor dem „Aus“ à.)

 

Die vier Evangelien des Neuen Testamentes (nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes),  wurden aus etwa sechzig konkurrierenden Versionen ausgewählt. (Siehe auch: "Wie wurden die Evangelien überliefert?" à.) Was Jesus gesagt hatte, kursierte zuerst nur mündlich. Nach seinem Tod waren wenige (allerdings auch nur als Originale vermutete) Einzelstücke im Umlauf, Gleichnisse, Sprüche, Spruchgruppen, die so genannte „Logienquelle“ (Q -Quelle), wohingegen  zahlreiche rivalisierende Lehrer behaupteten, die allein „wahre Lehre“ Jesu zu verkünden, (was sich heute  im Sektenwesen wiederholt). Jeder beschuldigte damals die Wettbewerber des Betruges. Wann Jesus was gesagt, wie er es genau gemeint hatte, war zum Zeitpunkt, da die 2. und 3. Generation nach ihm es niederschrieben, nicht mehr bekannt.

 "In den ersten Jahrhunderten gab es sechzig Evangelien, die fast alle gleich unverdaulich waren. Man verwarf sechsundfünfzig wegen ihrer Kindlichkeit und Albernheit. Gäbe es hierfür keinerlei Anhaltspunkte bei denjenigen, die man behalten hat?"
(Denis Diderot, franz. Schriftsteller, Aufklärer u. Philosoph, 1713-1784).

 

(Obwohl sich die Gelehrten über die genaue Datierung der vier Evangelien nicht einig sind, gelten die meisten übereinstimmenden Schätzungen für deren Entstehung wie folgt:

- Markusevangelium um 70 n. Chr.

- Lukasevangelium um 80 n. Chr.

- Matthäusevangelium zw. 80 und 90 n. Chr.

- Johannesevangelium um 120 n. Chr.

 

Bei den Evangelien handelt es sich um eine "eigene Literaturgattung, in der sich Elemente einer Biographie Jesu und das kirchliche Zeugnis von seiner Bedeutung für den Glauben so intensiv vermischen, dass die Evangelien nicht als historische Dokumente behandelt werden dürfen. Dass vier Evangelien nebeneinander und nicht nur eins überliefert werden, zeigt, dass die frühe Kirche davon wusste, dass die Christusbilder der Gläubigen von ihren kulturellen und biographischen Vorprägungen mitgeprägt sind. Keins der Evangelien kann als das richtige gelten; alle sind authentische Zeugnisse des Glaubens an den auferstandenen Christus."

(K.P. Jörns, Theologieprofessor, Berlin).

 

Wer waren die Autoren der Evangelien, die vermutlich in Syrien entstanden sind? Mit Sicherheit keine Augenzeugen, sondern Zeitgenossen  späterer Generationen, historisch unbekannte Personen, die alte Überlieferungen für die syrischen Leser ihrer Zeit deuteten, das heißt: gemäß dem religiösen und sozialen jüdischen, römischen, wie auch hellenistischen Umfeld dieser Zeit.  Bei keinem der Schreiber handelt es sich um einen der teils gleichnamigen Apostel. Auch der biblische Briefschreiber Paulus hat Jesus nicht gekannt. Da weder das Wann noch das Wo, noch das Wie festgehalten wurde, war es den Nachfolgern ein Leichtes, Stück um Stück, Wort um Wort zu glätten, umzugruppieren, zu ergänzen. Wunder wurden hinzugedichtet, passende Sinnstücke und "Herrenworte" beigefügt, Aussagen wurden in ihrer Zielrichtung gegen die jeweiligen Gegner erfunden, Orts- und Zeitangaben stimmen nicht. Der zeitliche und örtliche Rahmen der "Biografie" Jesu wurde von den Evangelienschreibern aus schriftstellerischen Gründen selbst gesetzt. Was heute als „Heilige Schrift“ des Zweiten, des Neuen Testaments betrachtet wird, ist ein bereits beträchtlich über Zeit und Person Jesu hinaus weiterentwickeltes, aus gläubigem Überschwang und gemeindlicher Interessenslage entstandenes Produkt, eine Sammlung von Erbauungs- und Missionsschriften, wie sie den Interessensvertretern nützlich erschienen.

Heute weiß man, dass in den Evangelien zwei historische Ebenen übereinander gelagert sind: Die Zeit Jesu (um 30) und die Zeit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer (nach 70), und die "Weissagung" dieses Ereignisses, z.B. in Mk 13, 1, Jesus (rückblendend) in den Mund gelegt wurde. Die Feindseligkeit der Christen gegen die Juden erfolgte nach 70, als die jüdische Sekte der "Christiani" anfing, die Gottheit des Menschen Jesu zu konzipieren, was für die Juden unvorstellbar war. Doch so wurde das (angeblich) negative Urteil Jesu über die jüdischen "Pharisäer und Schriftgelehrten" von den Evangelienschreibern  in schriftstellerischer Freiheit zurück projiziert.

Und ebenso sind sich Neutestamentler beim Johannesevangelium heute einig, dass darin kein einziges authentisches Wort von Jesus überliefert ist, auch nicht in den anrührenden und autobiografisch erscheinenden "Ich bin" - Aussagen. (Z. B.: "Ich bin das Brot des Lebens", 6, 48; "Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen...", 18, 37).

Eugen Drewermann sagt im Interview mit der Zeitschrift "Diesseits"  im Jahr 2000: „Die Bibel ist kein historisches Informationsbuch. Das wusste schon Spinoza. Das ist wirklich nicht neu. Man kann Gott nicht vergegenständlichen, ohne Aberglauben zu züchten. Die Weihnachtserzählung ist nicht historisch. Sehr wichtig wäre es zu zeigen, dass es wunderbare Symbole sind, in der Nacht das Licht zu sehen und inmitten der Stalinorgeln den Gesang der Engel zu hören, da wo im Grunde nichts ist als die übliche Armut, die Ankunft eines Gottessohnes zu erblicken: Das sind Wahrnehmungen des Herzens. Das wusste nun schon Meister Eckehard im 14. Jahrhundert. Theologen sollten nach einem halben Jahrtausend nicht immer noch denselben Unsinn quatschen. Entweder ist etwas real, weil es hier ist, wie eine Tasse Kaffee, oder irreal - und dann ist es nur phantasiert. Menschsein besteht darin, Träume zu haben, die wirklicher sind, als die gottverdammte Wirklichkeit. Religiöse Visionen widerlegen das, was wir wirklich nennen. Nur deshalb ist Religion ein Ort von Hoffnung".

 

Ab dem frühen 4. Jahrhundert gibt es in Fragen des Wahrheitsgehaltes der christlichen Legenden auf den ersten Konzilien der Christenheit regelrechte Schlägereien mit Rollkommandos und knüppelndem Mob; das Konzil zu Ephesus im Jahre 431 hatte, da man sich   in der  wichtigen Frage nicht einigen konnte, ob Maria nun einen Gott oder "nur" den Menschen Jesus geboren hatte, ihr also der Titel der "Gottesgebärerin" oder nur "Christusgebärerin" zustünde, sogar die „Räubersynode“ (Nomen est Omen) 449 zu Folge, bei der allerdings die wahre Natur Jesu Christi weiterhin ungeklärt blieb.

 

Formale Fehler in der Bibel:

Die vier Evangelisten, deren Vorgänger und Folgeinterpreten  hatten wohl kaum gleich gute und ausgewogene Kenntnis des Lateinischen, Griechischen, Syrischen und des Aramäischen,  so dass sich   verständlicherweise leicht auch formale Fehler beim Übersetzen und Weitererzählen einschlichen  und  logische Verschreibungen und Missinterpretationen nur zu natürlich sind.  Aus heutigen Erfahrungen weiß man, dass ein unbekanntes Wort einer fremden Sprache als ein bekanntes Wort in der Übertragungssprache angesehen oder ein solch unbekanntes Wort als ein sehr ähnliches bekanntes Wort der eigenen Sprache  gelesen wird. Konkrete Fakten konnten dadurch schnell in übertragenem, bildlichen Sinne aufgefasst werden und umgekehrt. Obendrein wurde ohne jegliche Interpunktion und nur in Grossbuchstaben geschrieben, in verschiedenen Alphabeten, ohne Wortabstand, voller Abkürzungen und ohne Akzente, wobei Schreibweise und Leserichtung variierten. Möglichkeit zu Verwirrungen zuhauf. Jeder Historiker, der gelegentlich in einem Archiv nur halb lesbares Gekritzel in einer fremden Sprache hat entziffern müssen, weiß, wie schnell er daneben liegen kannund die Schreiber der Evangelien waren gewiss keine akademisch geschulten Historiker.      Dasselbe Jesuswort konnte also später durch das Hinzufügen verschiedener Satzzeichen auch verschiedene Bedeutungen erhalten, und bei der Vielzahl der Übersetzungen mit nachweisbar erheblichen Übersetzungsfehlern, (nach dem kath. Bibelwerk 200.000 stilistische Textverschiedenheiten, 1000 Sinnveränderungen) muss bei einer „Heiligen Schrift“ die Frage erlaubt sein, inwieweit Übersetzungsfehler heilig sind.

 

Dogmatische, nachträgliche Einschübe und Fehlinterpretationen im Entstehungsprozess der Bibel

 

Der evangelische Theologe Rudolf Bultmann schreibt 1926 in seinem Buch "Jesus": "Im übrigen hat Jesus nicht von seinem Tod und seiner Auferstehung und von ihrer Heilsbedeutung geredet. Zwar sind ihm in den Evangelien einige Worte solchen Inhalts in den Mund gelegt, aber sie stammen erst aus dem Glauben der Gemeinde, und zwar wohl durchweg nicht einmal aus der Urgemeinde „sondern aus dem hellenistischen Christentum."

Seit der Aufklärung wurde der trinitarische Taufbefehl des Matthäusevangeliums immer wieder angezweifelt. Die gesamte historisch kritische  Forschung stuft ihn als Fälschung ein. (z. B. Ackermann, Dibelius, Bultmann, Lietzmann, E. Meyer, Heitmüller, Bornkamm, Schweitzer, Harnack, u. a.). Wie hätte auch Jesus, dessen Lehren im sonstigen Kontext der Evangelien jedes auch noch so geringe Anzeichen einer Trinität  fehlt, eine Taufe auf einen dreieinigen Gott anordnen können? Wie hätte er, der nur von seinem Vater im Himmel sprach und der von seiner späteren "Vergottung" durch die Kirche nichts wusste, sich als Teil eines dreieinigen Gottes identifizieren können?

Am Trinitätsdogma lässt sich auch feststellen, dass die altkirchlichen Begriffsbestimmungen anscheinend nicht mehr hinterfragbar sind. Nicht einmal die sattsam bekannten Ergebnisse der Exegese des Neuen Testamentes seit der Aufklärungszeit (siehe oben "Taufbefehl")  können die konservativen Theologen stutzig machen, interpretieren sie doch oft das Neue Testament von den späteren Dogmen her, von denen die Schreiber der Heiligen Schrift keine Ahnung hatten. Alle Entwicklungen und Fehlentwicklungen werden harmonisierend von den feststehenden und nicht mehr abzuändernden Resultaten der ersten Konzilien her oder mit Basilius und Augustinus ausgelegt, seien sie auch noch so fraglich und obsolet.

 

Aus all diesen Erkenntnissen heraus hat die katholische Kirche in jüngerer Zeit ihre Lehren gezogen und kehrt nun zu einer scholastischen Bibelauslegung in modernisierter Form zurück indem sie den "kanonischen Zugang" propagiert. Dieser gehört zu den auf Tradition gegründeten Zugängen zur "Heiligen Schrift", stützt sich auf die Bibel "als Ganzes" (ganzheitlicher Zugang) und stellt eine theologische Interpretationsmethode dar, die sich "explizit im Rahmen des Glaubens bewegt". "Jeder biblische Text wird demgemäß im Lichte des Kanons der Heiligen Schrift interpretiert, d.h. im Licht der Bibel als Weisung für den Glauben einer Gemeinschaft von Gläubigen. Bei diesem Prozess wurden, und werden auch heute noch nach der Fixierung des Kanons, hermeneutische Methoden angewendet: die Methode sucht jeden Text innerhalb des einzigen Planes Gottes (!!!) zu situieren, um eine Aktualisierung der Heiligen Schrift für unsere Zeit anzustreben. Von einer „kanonischen“ Hermeneutik spricht man, wenn die Wiederholung der Traditionen, trotz neuen religiösen, kulturellen, theologischen Bedingungen in sich verändernden Situationen, die Identität der Botschaft aufrechterhält.
Dabei stellt die kanonische Endform des Textes (Buch oder Sammlung von Büchern), die Form dar, die von der Glaubensgemeinschaft als die Autorität angenommen wird, die ihren Glauben ausdrückt und ihr Leben lenkt und die der progressiven Entwicklung der von der Glaubensgemeinschaft als normativ anerkannten Schriften – als der stabilisierten Endform des Textes Raum gibt. Es handelt sich um eine Interpretation, die es sich zur Aufgabe macht, die Tradition zu aktualisieren, zu begünstigen als eine fortwährende Interaktion zwischen der Gemeinschaft und ihren heiligen Schriften.
Die Glaubensgemeinschaft ist unzweifelhaft der angemessene Kontext für die Interpretation der kanonischen Texte. In ihr bereichern der Glaube und der Heilige Geist die Exegese. Die kirchliche Autorität, die im Dienste der Gemeinschaft steht, muss darüber wachen, dass die Interpretation der großen Tradition, aus der die Texte hervorgingen, treu bleibt. Dadurch soll die historisch-kritische Methode nicht ersetzt, sondern ergänzt werden". (Päpstliche Bibelkommission). 

 

Kritik: Das Ganze beruht auf einem Taschenspielertrick: Das Alte Testament hat mythologische Dichtung zum Inhalt, es ist kein historischer Tatsachenbericht. Wie kann dann das Neue Testament, welches sich an mehreren hundert Stellen auf das Alte beruft und in der Person seines Protagonisten Jesus die Erfüllung der Weissagungen des Alten Testamentes sieht, plötzlich "historisch" werden? Ganz einfach, indem man den Kanon der Bibel, der ja immerhin auf eine über 16 Jahrhunderte alte Tradition zurückblickt selbst für historisch deklariert. Wenn nun das oder die Gründungsereignisse beider Testamente, Personen, Daten und Orte im historischen Dunkel verschwinden, wenn selbst die Schreiber der Evangelien und sonstigen Schriften der Bibel sich historisch nicht mehr festmachen lassen, so kann man doch den Mythos als solchen, die Schrift, die Bibel, den "Glauben" der einfachen Gemüter an den Mythos als historische Tatsache bestimmen und von dort aus, vom imaginären und subjektiven Glauben aus, den Inhalt des Märchens, seine Personen und Handlungen "historisch" begründen. Natürlich sind der Riese Wolkenhaupt, Zwerg Nase und Rotkäppchen historische Figuren, weil die Märchen als solche historisch sind. Aber es sind und bleiben Märchenfiguren. Natürlich sind Abraham, Lukas, Johannes, und der Hauptmann von Kapernaum historische Figuren, weil der Mythos der Bibel als solcher historisch ist. Aber es waren und bleiben mythologische Figuren. Auf diese Weise wird lediglich dem höchst subjektiven Glauben einer indoktrinierten Glaubensgemeinschaft die oberste Priorität eingeräumt. Glauben ersetzt Wissen; ein Glaube durch die kirchliche Autorität verordnet. Was heißt denn "ganzheitlicher Zugang" wenn es alleine im Neuen Testament zwischen den vier Evangelien und sonstigen Schriften ganz erhebliche elementare Widersprüche gibt. Und der für die Exegese bemühte "Heilige Geist", der angeblich auch die Kirche selbst ins Leben gerufen habe könne garantieren, dass die kanonischen Texte "inspiriert" seien. Hier liegt doch ganz offensichtlich ein Zirkelschluss vor, das alte naive Offenbarungs-Verständnis, welches bei aufgeklärten Zeitgenossen nur noch ein müdes Gähnen hervorruft. Warum teilt dieser seltsame Geist seine Wahrheit nur von "oben" oder von "außen" oder woher auch immer und nur der theologischen Elite mit, sodass jede Textauslegung von vornherein unter dem autoritären Wahrheitsanspruch der Kirche steht?

Dazu hin wird das Christentum den anderen Religionen als überlegen dargestellt. Es wird zur wahren Religion erklärt, deren Wahrheit allein die katholische Kirche zu interpretieren, vorzuschreiben und zu repräsentieren in der Lage ist. Damit aber ist die katholische Theologie vollends bei den vormodernen Positionen angekommen, zu denen das kirchliche Lehramt die Gläubigen verpflichten will. Aus Theologie wird Ideologie, weil sie dann jedes Gegenargument als unangemessen abweist und sich in die Rechthaberei zurückzieht. 
 

Kein Wunder also, dass, nachdem man sich nun wörtlich, historisch, historisch-kritisch, kanonisch, allegorisch, moralisch, existenzial und tiefenpsychologisch, liberal,  kerygmatisch, romantisch, von oben, von unten und von außen bis hierher durch die Bibel durchgekämpft hat, nach dem Evangelischen Erwachsenenkatechismus noch die Frage offen bleibt:

 

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Normalerweise bezeichnet Realität (Wirklichkeit) das, was unabhängig vom Subjektiven, also unabhängig von Wahrnehmung, Gefühlen, Wünschen und Träumen  objektiv der Fall ist und existiert. Im engeren Sinne ist Realität der philosophischen und wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich; Dinge der Realität sind also messbar, und können als Basis für Theorienbildung dienen.

Anders im christlichen Glauben:...“Wirklichkeit ist hier alles, was existiert, und das sind zunächst die greifbaren, körperlichen Dinge, aber auch das Geistige. Wirklich sind z. B. auch eine Weltanschauung, ein Gedanke, ein Traum. Wirklichkeit bedeutet dann dasselbe wie „Realität“. Der Gegensatz ist hier das Nichtseiende.“ Im christlichen Glauben wird der Begriff „Wirklichkeit“ meist im Sinne von Realität gebraucht...Gott ist der Grund aller Wirklichkeit, kann aber nicht dem Begriff „Wirklichkeituntergeordnet werden, da dieser im Sinne von „Gesamtheit alles Geschaffenen“ gebraucht wird... Gott steht seinen Geschöpfen gegenüber (Transzendenz), aber er ist auch in ihnen gegenwärtig und wirkt durch sie (Immanenz)“...  (Aus dem evangelischen Erwachsenenkatechismus)

Zur Weltanschauung, zum Gedanken, zum Traum, so sollte man ergänzen, kommt allerdings noch die Wertung aus der Geschichte, der Erfahrung, der Ethik und Moral und des nach kritischer Prüfung empirisch oder naturwissenschaftlich Möglichen hinzu, denn auch der Nationalsozialismus gründete auf einer Weltanschauung, auch Science- Fiction- Filmen liegt ein Gedanke zugrunde und das Klavierkonzert auf dem Mars bleibt wohl ein Traum; daraus sollte man nicht unbedingt seinen Lebenssinn ableiten.

 

Einschub, Friedrich Nietzsche ("Antichrist")

"Weder die Moral noch die Religion berührt sich im Christentume mit irgend einem Punkte der Wirklichkeit. Lauter imaginäre Ursachen ("Gott", "Seele", "Ich", "Geist", "der freie Wille" - oder auch "der unfreie"); lauter imaginäre Wirkungen ("Sünde", "Erlösung", "Gnade", "Strafe", "Vergebung der Sünde"). Ein Verkehr zwischen imaginären Wesen ("Gott", "Geister", "Seelen"); eine imaginäre Naturwissenschaft (anthropozentrisch; völliger Mangel des Begriffs der natürlichen Ursachen); eine imaginäre Psychologie (lauter Selbst - Missverständnisse, Interpretationen angenehmer oder unangenehmer Allgemeingefühle, zum Beispiel der Zustände des nervus sympathicus, mit Hilfe der Zeichensprache religiös-moralischer Idiosynkrasie, - "Reue", "Gewissensbiss", "Versuchung des Teufels", "die Nähe Gottes"); eine imaginäre Teleologie ("das Reich Gottes", "das jüngste Gericht", "das ewige Leben"). - Diese reine Fiktions-Welt unterscheidet sich dadurch sehr zu ihren Ungunsten von der Traumwelt, dass letztere die Wirklichkeit widerspiegelt, während sie die Wirklichkeit fälscht, entwertet, verneint. Nachdem erst der Begriff "Natur" als Gegenbegriff zu "Gott" erfunden war, musste "natürlich" das Wort sein für "verwerflich", - jene ganze Fiktions-Welt hat ihre Wurzel im Hass gegen das Natürliche (- die Wirklichkeit! -), sie ist der Ausdruck eines tiefen Missbehagens am Wirklichen ... Aber damit ist alles erklärt. Wer allein hat Gründe, sich weg zu lügen aus der Wirklichkeit? Wer an ihr leidet. Aber an der Wirklichkeit leiden heißt eine verunglückte Wirklichkeit sein ... Das Übergewicht der Unlustgefühle über die Lustgefühle ist die Ursache jener fiktiven Moral und Religion: ein solches Übergewicht gibt aber die Formel ab für décadence ..."

(Friedrich Nietzsche, aus "Der Antichrist")

 

 

Daraus folgt nach Darstellung eines zeitgemäßen Theologen:

1. Eine "Heilige Schrift" verliert ihre Heiligkeit dann, wenn sie von der Masse der Gläubigen nicht selbst gedeutet werden kann und der Übersetzung durch Dolmetscher und Interpreten des "Göttlichen" bedarf. Dann nämlich gewinnt das Buch Vorschriftencharakter und Vorschriften sind stets mit Argwohn zu betrachten und immer wieder auf ihre Aktualität hin zu überprüfen. Zudem sind der Fehldeutung und der Manipulation durch die Ausleger Tür und Tor geöffnet, wovon die Kirchengeschichte ein beredtes Zeugnis ablegt.

 

2. Eine "Heilige Schrift" muss der subjektiven Deutung des Lesers deswegen Raum verleihen, da Gott  nur subjektiv erfahrbar ist.  Will man Gott nicht zum Spielball und Popanz menschlicher Interessen machen, verbietet sich jegliche Deutung und verbindliche Festlegung von selbst. Weihnachtserzählung, Ostererzählung und Pfingsterzählung der Bibel sind  keine historischen Tatsachen sondern  subjektive Erinnerungen von Anhängern der christlich messianischen Sekte um Jesus von Nazareth, vor dem Hintergrund eines mythologischen Weltbildes, wie es  vor 2000 Jahren Bestand hatte. ("Wahrnehmen und Erinnern sind schöpferische Tätigkeiten von (menschlichem) Geist und sorgen für die Vielfalt menschlicher Wahrnehmungen Gottes").

 

3. Da die Bibel als "Heilige Schrift" von Menschen geschrieben wurde, ist sie nach den Regeln der menschlichen Wahrnehmung entstanden. Eine "göttliche Offenbarung" ist die Auslegung dessen, was menschliche Wahrnehmung für göttliche Offenbarung hält und damit auch der Möglichkeit des Irrtums unterworfen. Andere Kulturen haben andere Wahrnehmungen über das "Göttliche", die nicht geringer zu achten sind, als die eigenen "Wahrnehmungen", welche sich auch nur in einem Lern- und Aneignungsprozess als psychische Muster verfestigt haben und an den eigenen Kulturkreis gebunden sind.

 

4. Da die innerpsychische Instanz, welche als Gott bezeichnet wird, sich nur zeitgemäß in der aktuellen geschichtlichen Epoche an den Menschen wendet, sollte man - um der Glaubwürdigkeit des Christentums willen - alte und überholte Zöpfe aus der christlichen Tradition abschneiden.  Zum Beispiel:

-Die Vorstellung, ein einzelner Kanon könne die universale Wahrnehmungsgeschichte Gottes ersetzen. (Eine Vorstellung, die Gott utilitarisiert).

-Die Vorstellung von der Erwählung einer einzigen, allein selig machenden  Religion. (Eine Vorstellung, die Gott partikularisiert). 

-Die biblische Vorstellung von einer wechselseitigen Ebenbildlichkeit von Gott und Mensch. (Eine Vorstellung, welche Gott anthropomorphisiert).

-Die biblische Vorstellung der Mensch sei die "Krone der Schöpfung". (Eine Vorstellung, welche Gott anthropozentriert).

- "Die biblische Vorstellung, der Tod sei Folge der "Sünde" des Menschen". (Eine Vorstellung, welche Gott denaturalisiert.).

- "Die biblische Vorstellung von der Hinrichtung Jesu als Sühnopfer für die "Sünden" der Menschheit und dessen sakramentale Nutzung in einer Opfermahlfeier." (Eine Vorstellung, welche Gott profanisiert).

(Frei nach K.P. Jörns "Notwendige Abschiede", Gütersloher Verlagshaus GmbH, ISBN 3-579-06408-8.

 

Merke: "Die meisten Kirchgänger halten die Evangelien für den Tatsachen entsprechende Geschichten. Sie haben keine Ahnung, dass sie die komplexesten, widersprüchlichsten literarischen Konstruktionen der Antike sind. Deshalb haben sie auch keine Ahnung, wie sie sie lesen sollen. Sie beharren leidenschaftlich darauf, die Evangelien seien das eine, was sie nicht sein können: einander ergänzende Biografien Jesu".

(Peter de Rosa, Absolvent der päpstlichen Gregorianischen Elite-Universität, Rom).

 

Und: "Die Offenbarung Gottes in der Bibel folgt nicht einmal aus christlichen Begriffen. Wenn er sich offenbaren wollte, so hätte er vermöge seiner Liebe, die es ihm nicht erlaubte, die Menschen irrezuführen, und vermöge seiner Allmacht, die es ihm möglich machte, ein Buch liefern müssen, welches über alle Missdeutung erhaben war und von jedem, wie er selbst, erfasst werden konnte. So hat er sich z. B. in der Natur ausgesprochen, die von jedem verstanden wird".
(Friedrich Hebbel, dt. Schriftsteller & Dichter, 1813-1863, Tagebücher)

 

 

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